Andrea Ahlers im Obergeschoss ihres Hauses, das jetzt wieder abgerissen werden muss. © Heiko Mühlbauer
Fall Ahlers

Familie Ahlers: Hier wird eine neue Wohnung wieder abgerissen

Am Ende des Rechtsstreits mit dem Nachbarn um eine Baugenehmigung gibt es keine Gewinner: Familie Ahlers muss das Obergeschoss ihres Hauses abreißen – um es dann wieder neu aufbauen zu dürfen.

Vor dem Haus steht ein Container mit Bauschutt, bis zum Rand voll mit den Bruchstücken von Rigipsplatten. Schon von draußen hört man den Hammerschlag. Und wenn man die Treppe zum Obergeschoss hochgeht, steht man plötzlich in einem Abbruchhaus. Und das, obwohl es sich um ein neu ausgebautes Dachgeschoss handelt.

So sah es noch vor kurzem im Obergeschoss aus. Die Küche wurde vor dem Abriss verkauft. © Ahlers © Ahlers

Andrea und Markus Ahlers aus Schwerte reißen derzeit das 2015 ausgebaute Obergeschoss ihres Hauses ab, um es anschließend etwas kleiner wieder aufzubauen. Das tut weh, aber ein kleines bisschen fühlt es sich auch an wie ein Happy End, denn eigentlich hätten die Ahlers ihr ganzes Haus abreißen sollen.

Nach drei Jahren Rechtssicherheit

Drei Jahre lang hatten die Ahlers mit dieser Drohung gelebt. Seit nämlich ein Nachbar gegen die Stadt wegen der Genehmigung des Bauantrags geklagt und gewonnen hatte. Schlichtungsversuche scheiterten, ein Prozess vor dem Verwaltungsgericht brachte am Ende Klarheit, aber auch zeitlichen Druck.

Der Richter hatte Vorgaben gemacht, wie ein Umbau auszusehen habe. Am Ende muss das Dach nur ein wenig flacher, eine Gaube ausgebaut und dadurch die Einliegerwohnung im Obergeschoss auf zwei Kinderzimmer und ein Bad reduziert werden.

Zunächst muss der komplette Trockenbau entfernt werden, bevor der Zimmermann die Dachneigung ändert. © Heiko Mühlbauer © Heiko Mühlbauer

Allerdings musste der Baubeginn für den Umbau vor der Frist für den endgültigen Abriss des Hauses liegen. Und das wurde plötzlich eng. „Unser Zimmermann war mit Aufträgen voll und konnte nicht“, erzählt Markus Ahlers. Er ließ sich eine Liste von der Handwerkskammer geben, um von zig anderen Zimmereien ebenfalls Absagen zu bekommen.

Doch dann fand er einen Betrieb, der eine kleine Lücke im Auftragsbuch hatte. „Wir können, aber nur sofort“, lautete die Antwort. Doch bis der Zimmermann sich um die Dachbalken kümmern kann, muss der Innenausbau der Wohnung beseitigt werden.

Sofort mit dem Abriss begonnen

„Wir haben mit Freunden sofort eine lange Schicht eingelegt“, so Andrea Ahlers. Am Freitag kommt das Gerüst. Während Markus Ahlers vor allem betont, dass man am Ende doch noch den Umbau auf den letzten Drücker schafft, hadert seine Frau noch mit dem Abriss. „Ich empfinde das als Katastrophe.“

Mit Aufdachdämmung und vielen anderen Maßnahmen hatte man aus dem alten Bungalow ein Niedrigenergiehaus gemacht. „Und das schmeißen wir jetzt alles weg.“ Was eigentlich der Umwelt nützen sollte, müsse jetzt als Sondermüll entsorgt werden. „Umwelttechnisch ist das ein Verbrechen.“

„Und das alles, um die Dachneigung leicht anzupassen“, ergänzt ihr Mann.

Markus Ahlers reißt das Obergeschoss seines erst 2015 umgebauten Hauses ab. Ein Urteil hatte ihn dazu verurteilt. © Heiko Mühlbauer © Heiko Mühlbauer

Nur weniges kann wieder verwandt werden. Die Dachbalken hat sich schon der Zimmermann gesichert, angesichts der aktuellen Bauholzknappheit. Doch fast alles andere war halt eine Maßanfertigung.

Übrig bleiben im Obergeschoss 60 Quadratmeter

Ihre Mieterin, die bis Ende vergangenen Monats in der 80 Quadratmeter großen Einliegerwohnung gelebt hat, fand zum Glück etwas anderes. In Zukunft wird das Dachgeschoss nur noch 60 Quadratmeter Wohnraum bieten. Das reicht für zwei Kinderzimmer und ein zusätzliches Bad.

So sah das Haus der Ahlers bislang aus. Das angebaute Treppenhaus und das Dachgeschoss müssen zurück gebaut werden, bevor man dann das Dach neu ausbauen kann. © Bernd Paulitschke © Bernd Paulitschke

2012 hatten die Ahlers den alten Bungalow in der Nähe der Ruhr gekauft. Schon von Beginn an wollten sie das Haus ausbauen. Die Stadt signalisierte damals Zustimmung, schließlich hatten etliche Nachbarn bereits ein Dachgeschoss aufgestockt.

Doch so einfach war das nicht. Erst 2015 erhielt die Familie ihre Baugenehmigung. Denn für die Siedlung gab es keinen gültigen Bebauungsplan. Und so musste man sich am Paragrafen 34 des Baurechts orientieren. Der schreibt vor, dass sich Neu- und Anbauten in die Umgebung einfügen müssen.

Richter fand passenden Passus im Baurecht

Das tat das Haus der Ahlers, dennoch klagte ein Nachbar gegen die Baugenehmigung. Da hatten die Ahlers schon mit dem Bau begonnen, und bei der Stadt beruhigte man sie: Die Baugenehmigung sei schon rechtens.

War sie dann aber nicht. Nicht, weil die Begründung des Nachbarn griff, sondern weil der findige Richter am Verwaltungsgericht einen Passus im Baurecht entdeckte, der dem Bauantrag entgegen stand.

Wenn nämlich eine Häuserreihe kürzer als 50 Meter ist, muss man sich nicht an der Harmonie des Baugebiets, sondern der der Häuserreihe orientieren. Und da die direkten Nachbarn noch nicht aufgestockt hatten, durften die Ahlers nur in engen Grenzen ausbauen.

Und weil das Deutsche Baurecht gründlich ist, hätte man nicht nur den Anbau, sondern gleich das ganze Haus abreißen müssen. Es sei denn – und das ist jetzt gelungen – man bekommt eine neue, rechtssichere Baugenehmigung. Wie die aussehen kann, hatte das Verwaltungsgericht nach mehreren Prozessen nun festgelegt, gleichzeitig aber die Klage gegen die Abrissverfügung abgewiesen.

Seitdem tickt die Uhr.

Marie sucht schon Einhorn-Tapeten aus

Bei allem Ärger und aller Bitterkeit – denn der Umbau kostet am Ende wahrscheinlich mehr als der Ausbau – sieht die Familie nun aber auch wieder ein wenige Hoffnung am Horizont: Die Kinder können früher als geplant in das Dachgeschoss ziehen. „Marie sucht schon Einhorn-Tapeten aus“, sagt Andrea Ahlers schmunzelnd.

Grundsätzlich hat bei diesem Rechtsstreit am Ende niemand gewonnen. Denn die neue Baugenehmigung bringt dem Nachbarn wenig, man kann weiterhin in seinen Garten schauen und aufgestockt bleibt das Haus auch. Am Ende verliert er sogar Helligkeit: Denn eine Glasbausteinwand seines Hauses wird am Ende des Umbaus mit richterlicher Genehmigung zugebaut.

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Redaktion Schwerte
Ist mit Überzeugung Lokaljournalist. Denn wirklich wichtige Geschichten beginnen mit den Menschen vor Ort und enden auch dort. Seit 2007 leitet er die Redaktion in Schwerte.
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Heiko Mühlbauer