Die Natur ist nah: die Ruhr, viel Wald, Orte zum Abschalten. Doch auf den Straßen von Geisecke und Lichtendorf sieht es anders aus. Auch weil es mehr Geschäfte gibt als anderswo.

Geisecke

, 30.03.2019 / Lesedauer: 4 min

Wir in Geisecke sind autark“, unterstreicht Jens Nagelschmidt. 2001 zog er hierher. Heute ist er 36 Jahre alt, wohnt mit Frau und zwei Kindern an der Geisecker Talstraße - und das mehr als gerne.

Was diesen Ortsteil ausmacht? Nagelschmidt denkt an die Ruhr, an den Radweg dort, nur wenige hundert Meter entfernt von seinem Haus. Die Töchter Isabella und Alessandra lernten dort Radfahren. Der Blick kann dort schweifen auf die Hügel im Süden und im Norden der Ruhr. „Wir liegen hier direkt an der Schnittstelle von Sauerland und Ruhrgebiet“, analysiert Nagelschmidt: „Zum Leben ist es sehr schön hier.“

Als er das sagt, geht der 36-Jährige über die Dorfstraße und weiter über die Straße Am Brauck. Vorbei an der katholischen Kirche, an einer Wiese mit Schafen, an Häusern mit Fachwerk-Optik.

Die Idylle schlägt sich auch nieder in den Zahlen im großen Ortsteil-Check der Ruhr Nachrichten: Hier ist es offenbar grüner als anderswo, es ist familienfreundlicher hier und besser für Radfahrer. Auch für die Lebensqualität gibt es hier höhere Werte als in anderen Ortsteilen.

Geisecke und Lichtendorf: Viele Geschäfte, viel Grün - aber auch viel zu viel Verkehr

Viele Geschäfte im Gewerbegebiet "Zwischen den Wegen": Lebensmittel, Getränke, Haustierbedarf, Fahrräder - hier gibt es alles. © Foto: Björn Althoff

So viele Geschäfte wie sonst nirgendwo außerhalb der Innenstadt

In einer Kategorie erreicht Geisecke als einziger Teil von Schwerte den Top-Wert 10 von 10: Nahversorgung. „Direkt drumherum gibt es zwar nichts. Aber wir haben hier alle Geschäfte.“ Eindeutig: Das Gewerbegebiet „Zwischen den Wegen“ ist optisch genauso wenig ansprechend wie alle Gewerbegebiete. Aber hier gibt es Netto, Rewe, Getränke- und Tiefkühlmarkt, es gibt Tierbedarf und Kleidung, ein großes Fahrradgeschäft und ein Fitnessstudio. Plus eine Pizzeria, über die Nagelschmidt sagt: Aus gutem Grund sei es da immer voll.

Genau dieser positive Aspekt hat aber eine Schattenseite, die Nagelschmidt schon sieht, wenn er aus der Haustür tritt, wenn seine Töchter einfach die Straßenseite wechseln wollen, um den Bus in Richtung Schwerter Innenstadt zu nehmen: den Verkehr. Und der sich auf der Geisecker Talstraße unterhalb des steilen Stücks durch ein Nadelöhr zwängen muss: durch die Brücke unter der Bahnstrecke, während auf der Hälfte der Fahrbahn noch die Autos dere Anwohner parken.

Hier ist Tempo 30, doch wie viele halten sich daran? Nicht viele, weiß Nagelschmidt - nicht einmal die Radfahrer, die bergab natürlich auch ordentlich Tempo bekommen. Selbst das seien einige: Man hole sich oben bei Markgraf ein Rad zur Probefahrt und düse runter zur Ruhr. „Da gab es schon einige Unfälle und gefährliche Situationen, natürlich vor allem für die Radfahrer selbst“, sagt Nagelschmidt.

Geisecke und Lichtendorf: Viele Geschäfte, viel Grün - aber auch viel zu viel Verkehr

Nadelöhr Geisecker Talstraße: Wo es ins Unterdorf geht, wird es eng. Parkende Autos, Radfahrer, Busse, viele Autofahrer, die zum Einkaufen wollen - das nervt Anwohner wie Jens Nagelschmidt. © Foto: Björn Althoff

Über Schleichwege von Iserlohn über Geisecke nach Dortmund

Der Verkehr - er ist hier ein großes Thema. Viele Pendler würden auf ihrem Weg von Dortmund nach Iserlohn nicht die großen Straßen nehmen, sondern die Schleichwege durch die Geisecker Wohngebiete, moniert ein Teilnehmer unserer Online-Umfrage. Ein anderer - einer aus Lichtendorf - hat Sorge, dass Wirtschaftsvertreter sich durchsetzen und dass es bald eine zusätzliche Abfahrt Lichtendorf geben würde. Die Industrie- und Handelskammer ist stark dafür, Schwertes Politiker hatten schon 2017 dafür gestimmt. Doch die zuständige Stelle in Berlin ist (noch) dagegen.

Auch Jens Nagelschmidt pendelt. Von Geisecke zur Arbeit nach Dortmund. Und ist dann immer wieder froh, zurück zu sein in der Geisecker Ruhe. „Die Nachbarschaft ist sehr gut. Wir haben schon eine richtige Gemeinschaft hier. Und ich finde, Geisecke wird so langsam wieder jünger.“ In vielen Häusern hätten seit dem Bau in den 70er- und 80er-Jahren dieselben Familien gewohnt - und zuletzt nur noch die älteren Ehepaare. Das wandele sich langsam, die nächste Generation ziehe ein.

Was Nagelschmidt gefällt: „Im Sommer ist hier viel los. Wenn man sich trifft, ist es fast schon wie ein Kindergarten.“

Keine Apotheke, kein Arzt - das wird für Ältere zum Problem

Für Ältere hingegen werde es auch in Geisecke immer schwerer: „Wenn man älter ist und kein Auto hat, ist es schon ein Problem. Eine Apotheke fehlt hier schon.“

Auch Ärzte hat Geisecke nicht mehr. Was die zuständige Stelle bei der Kassenärztlichen Vereinigung zwar bedauert. Doch dort bleibt nichts, als auf die Zahlen hinzuweisen - und die würden stimmen: Der Gesamtversorgungsgrad für Schwerte liege bei 133,4 Prozent. Weiter auf Ortsteile aufgeschlüsselt wird der nicht.

Da steht Lichtendorf noch besser da - zumindest in unserer Umfrage. Für den Punkt Gesundheit gab es dort die durchschnittliche Bewertung 6 von 10. In Geisecke lag sie bei 3 - der zweitschlechteste Wert in ganz Schwerte.

Das wurde (noch) positiv bewertet

Sicherheit: Nirgends in Schwerte fühlen sich die Menschen so sicher wie in Lichtendorf - und Geisecke folgt direkt dahinter. Wobei Jens Nagelschmidt aus seiner Nähe zum Einkaufszentrum weiß: „Naja, einige Überfälle passieren da schon.“

Kinderbetreuung: Es gibt einen Kindergarten, es gibt Tagesmütter, allerdings keine Grundschule in den Ortsteilen. Für die Lichtendorfer und Geisecker bedeutet das also: Früh lernen, mit dem Bus zur Schule zu fahren - erst zur Albert-Schweitzer-Schule, später dann ohnehin zu einer weiterführenden Schule.

Das wurde negativ bewertet

Gastronomie: 2 von 10 Punkten in Lichtendorf, 4 in Geisecke - das liegt noch unter dem Schwerter Durchschnitt, der selbst nur 5 von 10 beträgt. Das stimme schon, urteilt Jens Nagelschmidt. Allerdings: Brauche man tatsächlich eine Kneipe? Und seien die Gaststätten nicht eigentlich dicht, weil es eben keine Nachfrage mehr gegeben habe? Partys zu einigen Anlässen würde es in den Ortsteilen allerdings schon geben: beim Fußballverein, bei der Feuerwehr, da würde man schon viele treffen.

Angebote für Jugendliche: 4 von 10 Punkten - da liegen beide Ortsteile beim Schwerter Durchschnittswert. Dieser Zielgruppe reicht die Idylle offenbar nicht mehr aus.

Geisecke und Lichtendorf: Viele Geschäfte, viel Grün - aber auch viel zu viel Verkehr

© Grafik: Hasken

Geisecke und Lichtendorf: Viele Geschäfte, viel Grün - aber auch viel zu viel Verkehr

© Grafik: Hasken

Ortsteil-Chronik


Bis zur Eisenbahn dörflich geprägt

Geisecke und Lichtendorf: Viele Geschäfte, viel Grün - aber auch viel zu viel Verkehr

So dörflich war das Leben früher in Geisecke. Im Hintergrund ist der Bahnhof zu sehen. © Repro: Althoff

Lichtendorf wird um 1220 zum ersten Mal erwähnt, Geisecke 1312. Doch noch für Jahrhunderte bleibt das Leben bäuerlich-dörflich geprägt. Mit einer eigenen Eisenbahnhaltstelle im Jahr 1890 verändert sich in Geisecke zwar einiges, doch zu diesem Zeitpunkt ist Lichtendorf um ein Vielfaches größer. Der Bau eines deutschlandweit bekannten Verschiebebahnhofs brachte Geisecke weiteren Aufschwung. 1943 wurden weite Teile des Ortes durch die Flutwelle der Möhnekatastrophe zerstört. Auf den Wiederaufbau nach dem Krieg folgten dann in Geisecke viele weitere Neubauphasen.
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