Gibt es bald gar keinen tierärztlichen Notdienst mehr?

Tierärzte sind von einer Notdienstpflicht ausgenommen. Da es vielen dazu an Personal mangelt, bietet in Schwerte nur noch ein Tierarzt den Notdienst an – aber wie lange noch? Und das Problem wird in vielen Städten und Gemeinden größer.

Schwerte

, 19.12.2017 / Lesedauer: 4 min
Gibt es bald gar keinen tierärztlichen Notdienst mehr?

Als Labradorrüde Nando Ohrenschmerzen hatte, war in Schwerte kein Notdienst zu erreichen. © Bernd Paulitschke

Einen echten Notfall musste Erika Drews am ersten Dezemberwochenende durchleben: Nando, der neunjährige Labradorrüde ihrer Tochter, litt in der Nacht zu Sonntag unter starken Ohrenschmerzen. „Ich habe verzweifelt nach Hilfe gesucht, aber leider ohne Erfolg. So etwas möchte ich nicht noch ‘mal erleben“, schreibt die 77-Jährige in einem Leserbrief. Auch am Folgetag sei in Schwerte kein Tierarzt erreichbar gewesen – ein Grundsatzproblem. Denn zu einem Notdienst sind Tierärzte – im Gegensatz zu anderen Ärzten – nicht verpflichtet.

95 Prozent abgedeck

In Schwerte bietet ausschließlich Dr. Stefan Wolf einen tierärztlichen Notdienst an. „Das klappt auch zu 95 Prozent“, so Wolf. Er sei zu der Zeit, als Erika Drews seine Hilfe ersuchte, allerdings im Urlaub gewesen. „Wir haben so viele Tierärzte in Schwerte. Die könnten sich doch rundum abwechseln“, schlägt Erika Drews vor. Das wünscht sich auch Dr. Stefan Wolf: „Für mich ist das eine super heftige Belastung“, sagt er. An fast jedem Wochenende fahre er auch nachts zu seinen Kunden – sogar an Weihnachten. „Das steckt man mit 30 noch weg, aber nicht mehr in meiner Altersklasse.“

Seiner Ansicht nach müsste die zuständige Ärztekammer Westfalen-Lippe – wie bei den Zahnärzten – auch die Tierärzte dazu verpflichten, sich mit einem Notdienst abzuwechseln. Denn auch in anderen Kommunen werde es zunehmend zum Problem, einen funktionierenden Notdienst zu gewährleisten. Bei Wolf sei dies möglich, da er im selben Haus mit seiner Praxis wohnt. „Selbst in Dortmund ist das mit über 30 Praxen nicht gelungen“, bemängelt er. „Es wird am Ende so kommen müssen.“

Wohlfühlgesellschaft

Grund dafür, dass in vielen Städten der tierärztliche Notdienst nicht gewährleistet ist, ist laut Dr. Stefan Wolf, dass es auf dem Arbeitsmarkt kaum potenzielle Mitarbeiter gebe, die an Wochenenden oder nachts arbeiten wollen. Das bestätigt auch seine Kollegin, Tierärztin Dr. Ulrike Janas: „In unserer Wohlfühlgesellschaft will keiner am Wochenende arbeiten.“

Doch gerade deshalb stehen längst nicht alle Tierärzte hinter Wolfs Vorschlag, sich zu einem Notdienst zu verpflichten: „Zwang ist nie die beste Lösung. Sobald jemand verpflichtet wird, steht er auch nicht mit viel Empathie dahinter“, entgegnet Janas. Stattdessen verweist sie ihre Kunden an Praxen, die genügend Kapazitäten haben und denen sie ihre Kunden anvertraue – das kann auch einmal etwas weiter weg liegen. „Eine Ärztin hat mich nach Bramsche verwiesen“, erinnert sich Erika Drews. „Ich fahre doch nicht nachts nach da oben ins Emsland.“ Es gebe laut Janas zwar Alternativen in der Umgebung, jedoch ist auch nicht klar, wie lange die freiwillig noch einen Notdienst anbieten.

Für einen verpflichtenden Notdienstplan – wie Wolf ihn fordert – verantwortlich fühlt sich die Tierärztekammer Westfalen-Lippe jedoch nicht. „Für solche Verpflichtungen hat die Kammer auch keine Genehmigung“, erklärt Dr. Dirk Neuhaus, Vorstandsmitglied und praktizierender Tierarzt aus Unna. Dafür müsste sich im bundesweiten Heilberufsgesetz etwas ändern. Doch eine Verbesserung würde dieser Pflicht-Notdienst nicht sein, so Neuhaus. Vielmehr ginge es um die Gebührenverordnung, die entspräche bei Weitem nicht der allgemeinen Preisentwicklung. „Die 12 Prozent in den letzten neun Jahren sind mit Verlaub ein Witz“, sagt Neuhaus. „Das ist ein Grund, warum die Kliniken sterben.“

Früher war alles besser

Früher habe es in Schwerte einen intakten Notdienst gegeben, den sich Janas mit drei weiteren Praxen geteilt habe. Und „an dem Dr. Wolf nicht beteiligt war“, bemerkt Janas. Wolf habe stets seinen eigenen Notdienst angeboten – nun würde er eine Kooperation mit den anderen Tierärzten offenbar bevorzugen. Doch Dr. Ulrike Janas steht inzwischen nicht mehr für einen wechselnden Notdienst bereit: teils aus familiären, teils aus finanziellen und personellen Gründen. Denn auch sie findet keine Mitarbeiter fürs Wochenende. Auch fielen diese dann unter der Woche aus. Aber sie hat sich auch dagegen entschieden, weil „der Notdienst nicht mehr das ist, was er früher einmal war“, so Janas. „Da sind wirklich nur Notfälle gekommen.“ Ihrer Erfahrung nach werde der Notdienst nun auch häufig genutzt, weil Kunden die Wartezeiten unter der Woche umgehen wollen.

Das war bei Erika Drews sicher nicht der Fall: Zwar habe Nando schon oft an Ohrenschmerzen gelitten, doch an besagtem Wochenende seien diese plötzlich sehr stark gewesen. Die Rettung war eine Nachbarin, die durch Zufall Schmerztabletten für Hunde besaß. Inzwischen gehe es Nando besser. Am darauffolgenden Montag sei Drews zu ihrer Tierärztin, Dr. Christina Nöske, gegangen, die Nando ein Antibiotikum gab.

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