Hans-Georg Winkler: Das Scheitern der Sekundarschule war schade

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Er war Sozialdezernent in der Flüchtlingskrise, erlebte als Schulderzernent Schulgründungen und Schulschließungen. Im Interview blickt Hans-Georg Winkler auf 20 Jahre Schwerte zurück.

Schwerte

, 06.09.2020, 14:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

20 Jahre war Hans-Georg Winkler Erster Beigeordneter der Stadt Schwerte. Anfang dieses Monats begann für ihn der Ruhestand. Im Interview mit den Ruhr Nachrichten zieht er Bilanz.

Was ist bei Ihnen nach 47 Jahren im öffentlichen Dienst am meisten in Erinnerung geblieben?

Zunächst einmal: Ich habe immer gern gearbeitet. Es gab natürlich Ereignisse in meiner Schwerter Amtszeit an die ich mich besonders erinnere. Da waren die Meningitis-Erkrankungen an der Gesamtschule Gänsewinkel mit einem Todesfall. Nach einem Anruf der Feuerwehr habe ich gemeinsam mit Dr. Jungnitz vom Kreisgesundheitsamt einen Krisenstab gebildet, die Öffentlichkeit, die Eltern u.a. zeitnah über die zu treffenden Maßnahmen informiert und die wahrzunehmenden Aufgaben koordiniert. Wir waren alle sehr betroffen.

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Und dann gab es ja noch ein bundesweit großes Ereignis

Ja, und dann natürlich die Flüchtlingskrise 2015/2016. Ich ahnte schon was auf mich und meine Mitarbeiter zukam. Auf meiner Urlaubsrückfahrt im August 2015 vom Neusiedlersee sah ich auf der Autobahn A 1 in Österreich plötzlich hunderte von Menschen, Männer, Frauen und Kinder die auf dem Standstreifen zwischen Autobahn und Zaun in Richtung Bundesrepublik unterwegs waren. Als ich nach Schwerte zurückkam, war als erste Notunterkunft die Halle am Stadtpark von meinen Kollegen bereits für Flüchtlinge hergerichtet und belegt. Dann ging es Schlag auf Schlag. In kurzer Zeit mussten hunderte uns zugewiesene Flüchtlinge untergebracht werden. Es folgten Bürgerversammlungen, Infoveranstaltungen und auch etwas heftigere Diskussionen , weil zunächst die Sport- und Turnhallen belegt werden mussten. Vieles musste ad hoc organisiert werden. Ich habe Verträge per Handschlag mit den Wohlfahrtsorganisationen für die Flüchtlingsbetreuung gemacht. Das ging gar nicht anders. Das hat mir auch nie einer übel genommen. In solchen besonderen Situationen sind die administrativen Fesseln auch weg, die man aufgrund von Gesetzen und Richtlinien ansonsten hat und die zwingend zu beachten sind. Das war anstrengend, aber man konnte auch helfen.

Alt-Bürgermeister Heinrich Böckelühr (l.) holte Hans-Georg Winkler nach Schwerte.

Alt-Bürgermeister Heinrich Böckelühr (l.) holte Hans-Georg Winkler nach Schwerte. © Heiko Mühlbauer


Wie haben Sie denn die Schwerter in dieser Zeit so wahrgenommen?

Schwerte war nicht gegen die Flüchtlinge. Bürgerinnen und Bürger haben die Aufnahme unterstützt und der Verwaltung bei Unterbringung und Betreuung mehr als nur geholfen. Es gab Diskussionen mit den Sportvereinen wegen der Turnhallenunterbringung, dann immer aber auch Lösungen. Die meisten Schwerter waren dann doch sehr entgegenkommend. Können Sie sich erinnern? Dem Tischtennisverein z.B. konnte ich eine Trainingsmöglichkeit in der Sparkasse Schwerte vermitteln.

Hat Corona ihr Ressort eigentlich auch betroffen?

Ja, insbesondere in meinem Dezernat das Jugendamt und das Schulverwaltungsamt. Aber auf meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter konnte ich mich immer verlassen. Ich habe das bei meinem Abschied im Rat auch noch einmal besonders hervorgehoben.

Aber Soziales war immer ihr Ding?

Ja, im Sozialamt Lünen und Nordkirchen habe ich als junger Inspektor meine ersten intensiven Berufs- und Lebenserfahrungen gesammelt. Was die Kollegen in den Sozialämtern leisten, das bekommt ja so keiner mit. Das ist nicht so einfach, sich täglich mit den Sorgen und Problemen seiner Klientel auseinanderzusetzen.

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Hat Schwerte viel Klientel fürs Sozialamt?

Nein, Schwerte ist von der Sozialstruktur nicht so betroffen wie z.B. Bergkamen, Kamen oder Lünen. Bei der Grundsicherung haben wir wie andere Kommunen mit steigenden Zahlen zu tun. Aber insgesamt ist die Sozialstruktur in Schwerte ganz gut.
In der gesamten Amtszeit galt ja das Diktat des Sparens. Gibt es irgendwas, das Sie gerne verwirklicht hätten?

Als ich gekommen bin, ist das Jugendzentrum Wasserkeller geschlossen worden. Dann konnte ich ja als nur kleine Ersatzlösung die Villa Lichtblick in Holzen anmieten. Aber insgesamt hieß es aufgrund der immer schwierigen Haushaltssituation und den Vorgaben der Kommunalaufsicht „Sparen, Sparen, Sparen.“ Ich hätte gerne mehr für den Jugendbereich angeboten und organisiert. Aber wir waren an den Haushaltssanierungsplan gebunden. Was mir aber gelungen ist und darauf bin ich stolz: Das war die flächendeckende Errichtung der Offenen Ganztagsschule von Beginn an. Im April 2003 hatte ich alle Schulleitungen der Grundschulen am Tisch. Da haben wir gesagt, entweder machen alle mit oder keiner. Und alle haben mitgezogen. Eine Erfolgsstory in Schwerte. Wir hatten auch immer gute Träger, EFA, Kinderland Villigst und jetzt die Johanniter.

Der Schreibtisch war beim Interviewtermin schon für den Nachfolger leergeäumt.

Der Schreibtisch war beim Interviewtermin schon für den Nachfolger leergeäumt. © Heiko Mühlbauer

Wie politisch ist das Amt eines Wahlbeamten?

Nach der reinen Lehre ist der Wahlbeamte das Bindeglied zwischen dem Rat und der Verwaltung. Ich bin ein politisch interessierter Mensch und jeder weiß, wo ich hingehöre. Ich war aber auch immer ein Verwaltungsmann und du bist gut beraten, wenn du in die Verwaltung hineinhörst und deinen Mitarbeitern auch vertraust. Und das musst du dann zurück in die Politik vermitteln.

Macht es die Schwerter Gemengelage ohne eine Mehrheit für eine Koalition für die Verwaltung schwieriger zu handeln?

Ich finde es gar nicht so schlecht, dass es keine absoluten Mehrheiten mehr gibt. Das ist in anderen Städten ja auch so. Da braucht man einen Konsens. Eine Demokratie lebt ja auch vom Konsens und, dass man sich aufeinander zu bewegt. Die Verwaltung hat eine starke Stellung, weil Sie aufgrund ihrer Informationen und den gesetzlichen Vorgaben die Beschlussvorlagen fertigt. Aber auch die Verwaltung hat nicht immer recht. Und da ist es wertvoll, wenn nicht immer eine Gruppe den Weg vorgibt, wo es lang geht.

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Ist es schade, dass die Sekundarschule in Schwerte nichts geworden ist?

Ich meine ja. Die neue Schulform war leider noch nicht ausreichend bekannt, so dass die notwendige Anmeldezahl nicht zustande kam. Wir hätten noch ein Jahr mehr Vorbereitungszeit benötigt. Die Politik hat 2015 die Entscheidung für eine zweite Gesamtschule getroffen. Jetzt muss dafür gesorgt werden, dass die Schule entsprechend baulich ertüchtigt und ausgestattet wird.

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