Heiko Klanke wurde bereits von Eltern beschimpft

Gewalt gegen Lehrer

50 Prozent der Lehrer haben laut einer Studie des Verbands Bildung und Erziehung bereits psychische Gewalt erlebt. Auch für Heiko Klanke, Schulleiter des Friedrich-Bährens Gymnasiums (FBG), ist das Thema Gewalt an Schulen nicht neu. Mit uns hat er über seine Erfahrungen an seiner alten Schule, aber auch am FBG gesprochen.

SCHWERTE

, 17.11.2016, 14:46 Uhr / Lesedauer: 3 min
Heiko Klanke wurde bereits von Eltern beschimpft

Wir sprachen mit Schulleiter Heiko Klanke vom FBG über das Thema Gewalt gegen Lehrer.

Haben Sie in Ihrer Laufbahn selbst schon einmal ein Problem mit psychischer oder körperlicher Gewalt gehabt, die von Ihren Schülern ausging?

Ich habe in meiner Tätigkeit damit Erfahrungen gemacht. Es fängt schon dabei an, dass Schüler sich im Ton vergreifen. Das ist manchmal in der Mittelstufe der Fall, die Schüler sind ja in der Pubertät. Oft sind es dann die Jungs, die auffallen. Aber am Gymnasium ist es eher eine subtilere Auseinandersetzung, keine körperliche. Dagegen kann man mit Argumenten angehen.

Auch Eltern sind ein Thema, da gab es an meiner alten Schule schon Vorfälle, wo ich beschimpft wurde, dem Kind die Chancen zu verbauen. Eltern haben Zuhause manchmal ein anderes Bild von ihren Kindern, als wir in der Schule.

Laut der VBE-Studie haben 50 Prozent der Lehrer psychische Gewalt und über 20 Prozent auch körperliche Gewalt gegen Lehrkräfte an ihrer Schule erlebt. Überraschen Sie diese Zahlen?

Für das Friedrich-Bährens Gymnasium kann ich sagen: Das ist zu hoch gegriffen. Körperliche Gewalt habe ich hier noch nicht erlebt. Aber in anderen Ruhrgebietsstädten halte ich diese Zahlen für realistisch – beispielsweise in Herne oder Bergkamen. Dort leben auch relativ viele Schüler mit ihren Familien von Sozialleistungen, die Arbeitslosigkeit ist hoch und es gibt mehr Familien mit Migrationshintergrund, weniger Leute. Messen kann man das anhand von Standorttypen, in die diese Faktoren reinspielen. Typ eins ist gut, Typ fünf schlecht. Schwerte liegt bei einer zwei. Herne ist eine fünf, Bergkamen eine vier.

Die Umfrage der VBE hat ergeben: Auffällig sind besonders Haupt-, Gesamt- und Förderschulen. Wenn Sie Ihre Zeit an der Gesamtschule mit d er am FBG vergleichen, gibt es Unterschiede?

Wir haben am FBG derzeit 56 Lehrkräfte, so vier oder fünf waren schon mal bei mir. Bei den Auseinandersetzungen ging es aber um Kleinigkeiten wie Respektlosigkeit der Schüler. Das ging mit einem Gespräch und ohne Ordnungsmaßnahme.

An meiner alten Schule hatte ich das, was am FBG in jetzt acht Monaten angefallen ist, in nur einer Woche; und das war dann auch ein ganz anderes Kaliber. Dort habe ich viele Ordnungsmaßnahmen durchgesetzt.

Wie gehen Sie mit Schülern um, die Gewalt anwenden?

Wenn es Verstöße gibt, hat die Schule ganz klar einen Erziehungsauftrag. Ich habe gelernt, dass es wichtig ist, konsequent zu bleiben. Über Regeln wird nicht diskutiert. Das hat auch etwas mit Rollenklarheit zu tun. Bei Verfehlungen gibt es zuerst ein Gespräch mit dem Schüler oder mit den Eltern. Es muss für Schüler einen klaren Zusammenhang zwischen Verfehlung und Konsequenz geben. Die Sanktionsmechanismen reichen bis zur Entlassung des Schülers von der Schule.

Welche Rolle spielt das Internet?

Mobbing im Internet haben wir am FBG noch nicht erlebt. Wir weisen die Lehrer an, mit sozialen Medien behutsam umzugehen. Diese sollten nicht zur persönlichen, sondern nur zur sachlichen Kommunikation mit Schülern genutzt werden. Da gibt es durch die Bezirksregierung auch klare Anweisungen. Und wenn so etwas bekannt wird, gehen wir dem nach, denn das hätte dann ja auch Auswirkungen auf die Schule.

Der VBE stellt in der Umfrage fest, dass Sprache verroht, Konflikte öfter eskalieren und Autoritäten nicht anerkannt werden. Stimmen Sie zu?

Viele Jugendliche sind heute ich-fixierter. Wir müssen heute mehr Erziehungsarbeit leisten als früher, das stimmt. Aber das Thema Gewalt hängt viel mit der Kultur zusammen, die an einer Schule gepflegt wird. Mir ist es wichtig, dass zwischen Lehrern und Schülern ein respektvoller Umgang herrscht. Das muss in beide Richtungen gehen.

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Was raten Sie betroffenen Lehrern?

Lehrer sollten sich mit Kollegen mit einem Problem auseinandersetzen und an einem Strang ziehen, um es gezielt angehen zu können. Dafür ist auch die Kommunikation mit den Eltern wichtig. Wenn wir das Elternhaus nicht dabei haben, haben wir keine Chance.

Außerdem sollten Lehrer wissen, dass die Schulleitung hinter ihnen steht und wenn nötig aktiv wird. Das sollte kein Tabu-Thema sein.

Die Umfrage „Gewalt gegen Lehrkräfte“ hat der Verband Bildung und Erziehung (VBE) beim Meinungsforschungsinstitut Forsa in Auftrag gegeben. Befragt wurden deutschlandweit 1951 Lehrer – 500 davon in Nordrhein-Westfalen. Die Ergebnisse, die am Montag veröffentlich wurden, sind im Internet aufrufbar unter   

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