Hier genießen Schwerter Pferde ihren Lebensabend

Ein Pfeil, ein Reporter, 48 Stunden

Wir sind überzeugt: Jeder Quadratmeter Schwerte bietet eine eigene Geschichte. Daher wagen wir ein Experiment und lassen Leser Dartpfeile auf den Stadtplan werfen. Über den Ort, in dem der Pfeil stecken bleibt, schreibt ein Reporter innerhalb von 48 Stunden eine Geschichte. Diesmal geht es um einen besonderen Pferdehof in Wandhofen.

WANDHOFEN

, 31.07.2017, 18:19 Uhr / Lesedauer: 3 min
Hier genießen Schwerter Pferde ihren Lebensabend

Mit dem eigenen Reiterhof haben sich Wibke (l.) und Nele (r.) Marquardt einen Traum erfüllt. Auch der Traber-Wallach Miro fühlt sich auf dem Gelände wohl.

Hier kann man als Pferd alt werden. Ausgedehnte, saftige Wiesen spiegeln sich in einem kleinen Weiher, umgeben von schattenspendenden Bäumen. Versteckt hinter dem Riegel aus Wohnhäusern, die die nordöstliche Seite der Holzstraße säumen, haben sich Wibke (41) und Nele (25) Marquardt ihren Traum erfüllt. Mit einem Reiterhof der besonderen Art.

„Wir haben uns mit natürlicher Pferdehaltung beschäftigt“, sagt die Jüngere. Boxen sucht man auf ihrem Gelände vergebens. Es gibt ausschließlich Aktivställe, die weder innere Unterteilung noch Außenwände haben.

Die Pferde können hier einen ruhigen Lebensabend genießen

„Unsere Pferde können frei wählen, ob sie auf die Wiese gehen möchten oder im Aktivstall bleiben“, erklärt Wibke Marquardt. Außerdem hätten sie so ständig die Möglichkeit, sich mit Artgenossen auszutauschen: „Sie sind soziale Tiere, die im Herdenverband leben.“ Und auf dem Gelände räumlich getrennte Trink- und Futterstellen verschaffen ihnen automatisch viel Bewegung. Die große Futterraufe, an der die Pferde von allen Seiten ihren Hals nach Heu und Stroh recken können, hat der Vater der beiden Schwestern – ein gelernter Schreiner – selbstgebaut.

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Nicht nur Traberwallach Miro fühlt sich sichtlich wohl, untersucht vorwitzig mit seiner Schnute die Linse des Kamera-Objektivs. Insgesamt elf Pferde, davon fünf eigene, versorgen Wibke und Nele Marquardt in ihrem kleinen Paradies. Ganz junge genauso wie betagte, die hier in Ehren alt werden dürfen.

„Wir haben hier auch ehemalige Hochleistungs-Sportpferde, die in Ruhe ihren Lebensabend genießen“, sagt Nele Marquardt. Ein Rennpferd, ein Springpferd und eine Zuchtstute nach Ende ihrer Laufbahn: „Hier dürfen sie einfach Pferd sein. Früher haben sie nur gemacht, was der Mensch wollte.“ Ganz zu schweigen von den Erfahrungen der beiden Pferde, die der Tierschutz in Wandhofen sicher untergebracht hat.

Durch den Hof haben die beiden einiges dazugelernt

Nur noch in der Erinnerung der Schwestern lebt der vor einigen Jahren gestorbene Haflinger Sandokan, mit dem vor 26 Jahren alles begann. Nachbarn hatten Wibke Marquardt damals darauf aufmerksam gemacht, dass ein Wandhofener Bauer seine Milchviehhaltung aufgab. Die Weiden mussten doch ein schönes Revier für Sandokan sein, der damals noch irgendwo in Ergste untergebracht war: „Wir sind da völlig naiv drangegangen. Wir dachten, das ist eine grüne Wiese, da stellen wir Pferde drauf.“

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Doch die gepachteten 2,5 Hektar verlangten erst einmal viel Lehrgeld. Die für die Kuh-Haltung gezogenen Stacheldrahtzäune waren für Pferde völlig ungeeignet und außerdem viel zu niedrig. „Wir haben ganz schön geschackert“, sagt Wibke Marquart: „Wir hatten doch keine Erfahrungen mit Zaunbau.“

Auch zeigte sich, dass ihre damals nur zwei Pferde es gar nicht schaffen konnten, die ganze Fläche abzuweiden. Also wurde versucht, selbst Heu zu machen. Ein Heuwender und anderes Gerät wurde angeschafft. Nur das Pressen der Ballen sollten Lohnunternehmen erledigen, die natürlich zunächst ihre Großaufträge abarbeiteten. „Wenn sie kamen, war es meistens nass“, berichtet Nele Marquardt, die mittlerweile ihr Heu ohne große Aufregung von zwei Landwirten bezieht: „Jetzt kriegen wir keinen Herzinfarkt mehr.“

Naturnahe Pferdefütterung darf nicht fehlen

Den Reiterhof mit ihrer Schwester neben dem Beruf zu versorgen, ist für Diplom-Designerin Wibke Marquardt „gut gefüllte Freizeit“. Immer gibt es irgendwo auf dem Gelände etwas zu tun. Nicht nur die Ställe wollen ausgemistet werden. Mit der pinken Schubkarre geht es auch über die Wiesen, um die Pferdeäpfel einzusammeln. Einige „Reitbeteiligungen“ – Mädchen, die im Gegenzug auch mal in den Sattel dürfen – helfen bei der Tierpflege mit.

„Wir lernen immer noch dazu“, erklärt Nele Marquardt, die sich zur Pferdewirtin weiterbilden möchte. Besondere Sorgfalt erfordert ihre sogenannte „Diätgruppe“. Denn auch bei Pferden gibt es Tiere, die zum Dickwerden veranlagt sind: „Sie würden krank werden und Stoffwechselprobleme bekommen.“

Gefährdet seien vor allem Rassen wie Shetland-Ponys und Haflinger, die aus kargen Gegenden stammen und nicht gewohnt sind, das viel zu energiereiche „Hochleistungs-Kuhfuttergras“ auf hiesigen Wiesen zu kauen. Stattdessen bekommen sie jetzt eine Mischung aus feinem Geäst, Heu und Stroh: „Das ist naturnahe Pferdefütterung.“

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