Holzenerin erlebt Hurrikan: "Hütten verschwanden"

In Costa Rica

Einen ganz normalen Freiwilligendienst wollte Radka Geissler aus Schwerte-Holzen in Costa Rica leisten. Doch dann zog vor knapp einer Woche Hurrikan Nate über das lateinamerikanische Land hinweg. Katastrophen-Meldungen nicht aus den Nachrichten, sondern live vor Ort. "Die Hütten verschwanden im Wasser", berichtet die 18-Jährige.

NICOY/SCHWERTE

, 16.10.2017 / Lesedauer: 4 min

In Deutschland gibt es vor jedem Sturm Warnungen. Wie ist das in Costa Rica? Wusstest du, was auf dich zukommt? Irgendwie hat niemand von dem Hurrikan gewusst, das kam alles sehr plötzlich. Eigentlich wollten wir an dem Wochenende (7. und 8. Oktober) einen Workshop in San José besuchen. Der wurde dann aber kurzfristig wegen akuter Gefahr abgesagt. Der Regen hat dann Mittwoch und Donnerstag für zwei Tage nicht aufgehört, was selbst in der Regenzeit höchst ungewöhnlich ist.

Ich hatte das Glück, nicht direkt betroffen gewesen zu sein, aber die Gastfamilie eines Mitfreiwilligen im Süden des Landes hat all ihr Vieh verloren, und er und seine Familie mussten sechs Stunden auf Evakuierung warten.

Wie habt ihr euch während des Hurrikans verhalten? Wir haben das Haus nicht verlassen, bis der Regen aufhörte. Ständig klingelten die Telefone der Mitarbeiter und sie erkundigten sich bei Angehörigen und Freunden, ob es ihnen gut geht.

Wie ging es nach dem Hurrikan weiter? Am Samstag hatte sich das Wetter gebessert und wir konnten beginnen, die Hilfspakete vorzubereiten, die wir in einem stark betroffenen Viertel von Filadelfia verteilen wollten. Bohnen, Nudeln, Reis, Öl, Toilettenpapier, Salz, Zucker, Seife, Thunfisch wurden verpackt. Alles was man zum Überleben braucht, passt in eine kleine Tüte – eine pro Familie. Auf dem Weg nach Filadelfia sah man am Rand der Fahrbahn überall Geröll und Schlamm.

Die Flüsse waren auch nach drei Tagen noch auf ihre sechsfache Größe angeschwollen. Je weiter wir nach Norden kamen, umso abgestandener roch es. Die Hütten am Straßenrand verschwanden zusehends in stehendem Wasser, was Moskitos in Schwärmen anlockte. In Costa Rica hat Nate zeitweise 400.000 Menschen heimatlos gemacht, zehn Menschen kamen ums Leben.

Das ist Costa Rica
Costa Rica ist etwa so groß wie Niedersachsen und liegt in Zentralamerika. Die Republik grenzt im Norden an Nicaragua und im Süden an Panama. Im Westen liegt der Pazifik, im Osten die Karibik. Das Land hat 4,8 Millionen Einwohner und ist sehr fortschrittlich: Sie gilt als sehr stabile Demokratie, wurde von sozialen Unruhen, Bürgerkriegen sowie Diktaturen verschont und bezieht knapp 100 Prozent der Energie aus regenerativen Quellen. Das durchschnittliche Monatseinkommen liegt etwa bei 810 Euro - das ist etwas weniger als in der Türkei.

Wie gehen die Menschen mit diesem Schicksalsschlag um? Die Solidarisierung ging unheimlich schnell. Das Land hält zusammen, die Ticos – so nennen sich die Costa-Ricaner – haben ohnehin einen starken Sinn für Patriotismus, und in Zeiten der Not wird dies noch deutlicher. Man sieht Menschen mit Hilfslieferungen auf der Straße. Wer kann, bietet Heimatlosen Unterschlupf.

Der Wiederaufbau ist aber nur begrenzt möglich. Beschädigte Straßen, Brücken und öffentliche Gebäude sind zwar schnell wieder benutzbar, da funktioniert das System. Trotzdem bleiben Menschen zurück: Die, denen der Sturm das wenige, was sie hatten, auch noch genommen hat. Eine Tüte mit Reis, Bohnen, Nudeln und Seife reicht leider nicht, um ein Haus wieder aufzubauen.

Wie ist es, wenn man so eine Katastrophe und deren Auswirkungen plötzlich direkt miterlebt? Normalerweise ist all das auf der anderen Seite des Bildschirms, auf der anderen Seite der Zeitung. Der Nachrichtensprecher, der mit nüchterner Stimme die Zahl der Todesopfer aufzählt, die Frau, die sich mit Tränen in den Augen fragt, wie ihr Leben jetzt weiter gehen soll. All das kenne ich nur zu gut. Ich saß schon oft auf dem Sofa und habe in der Tagesschau Berichte aus Thailand, Haiti oder Panama gesehen. Aber es gab immer diese Distanz des Nichtverstehens. Ich habe nie innegehalten und versucht zu sehen, was diese Menschen sehen.

Das war Hurrikan Nate
Am 4. Oktober wurde der Sturm im südwestlichen Karibischen Meer als 16. tropisches Tiefdruckgebiet der Saison klassifiziert - einen Tag später wurde er als tropischer Sturm eingestuft und erhielt den Namen "Nate". Nach Angaben von wetter.de forderte er in Mittelamerika mindestens 26 Todesopfer und verwüstete große Landstriche, bevor er an die Südküste der USA weiterzog. Er brachte starken Regen, Überschwemmungen und Erdrutsche mit sich. Zahlreiche Menschen verloren ihr Zuhause.

Haben deine bisherigen Erfahrungen in Costa Rica dein Weltbild verändert? Was die Menschen leiden lässt, ist ihre Armut, nicht der Regen. In Deutschland hätte so eine Katastrophe sehr viel geringere Auswirkungen. Wir wären versichert, würden rechtzeitig und organisiert evakuiert werden, würden in sicheren Häusern leben, können uns darauf verlassen, dass zwar der Keller absäuft, aber nicht unsere Existenz.

Wie bewusst ist den Menschen das dort? Wilmar, ein Mitarbeiter bei der Organisation, für die ich im Einsatz bin, begrüßte mich in Filadelfia mit den Worten: "Das hier ist Costa Rica – die dritte Welt". Aber nicht in abwertendem Ton, für ihn ist das das echte, pure Costa Rica. Die bunten Hütten, der Kolibri, der auf der Suche nach Blüten durch die winzigen Gärten schwirrt. Dazu gehören auch die Menschen, die mich trotz meines offensichtlichen Privilegs nicht verurteilen, sondern mir ihr Leben erklären, mir Essen schenken und mir so viel geben, ohne etwas zu erwarten.

Nach dem Hurrikan habe ich die Schäden fotografiert, aber ich fühlte mich eigentlich nicht berechtigt dazu. Ist es respektlos? Die Leute redeten aber gerne mit mir, freuten sich über Interesse, zeigten bereitwillig die Trümmer ihres Lebens. Sie lächelten, luden uns zum Essen ein, obwohl ihnen selbst gerade das Nötigste fehlt. Ich erinnere mich an ihre Gesichter. Nicht traurig, sondern irgendwie gleichgültig und immer offen.

Das macht Radka in Costa Rica
Radka Geissler ist 18 Jahre alt, im Juni hat die Holzenerin ihr Abitur am Ruhrtal-Gymnasium gemacht.
Seit September ist sie in Costa Rica, im Nordwesten des Landes in der Nähe von Nicoya. Dort leistet sie mit der Organisation ein Jahr lang einen Freiwilligendienst.
Für Costa Rica hat sich die Holzenerin entschieden, weil Lateinamerika sie schon immer fasziniert hat. Zudem war ihr für ihren Auslandsaufenthalt der ökologische Aspekt wichtig, weil Naturschutz ihr am Herzen liegt. Sie könnte sich vorstellen, später in einem Nationalpark zu arbeiten. In Costa Rica steht knapp ein Drittel der Fläche unter Naturschutz.
Pro Regenwald setzt sich für naturerhaltende Lebensweisen und den Schutz von Tropenwäldern ein. Dafür kooperiert die Organisation mit Einheimischen, um eine angepasste Entwicklung zu unterstützen.

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