Im „Bahnhaus“ am Pettenhahnweg gingen die Mieter bis zuletzt zum Baden in die Waschküche

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Viele Geschichten ranken sich um den Backsteinbau am Pettenhahnweg, den die Wandhofener „das Bahnhaus“ nannten. Edith Sikorski hat in dem jetzt abgerissenen Gebäude 85 Jahre verbracht.

Wandhofen

, 05.03.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Mit Zeitungen klebten die Bewohner die Fensterscheiben der Waschküche zu, wenn sie nackt in die Zinkwanne steigen wollten. Badezimmer kannten sie bis zuletzt nicht in der Mietskaserne am Pettenhahnweg 14/16, die die Wandhofener nur „das Bahnhaus“ nannten.

Nachbar Peter Thiem kann noch mehr Geschichten um den roten Backsteinbau erzählen, der jetzt für das künftige Gewerbegebiet Wandhofener Bruch in Trümmer gehauen wurde. Er ging dort ein und aus, um seine Schwiegereltern zu besuchen. Sie seien die Einzigen gewesen, die sich irgendwann privat eine Dusche eingebaut hatten, indem sie zwei Wohnungen mit einem Durchbruch verbanden. „Die anderen sind bis zum Schluss in den Keller gegangen und haben sich dort gewaschen.“

Auch Kinderzimmer habe es auf den 45 Quadratmetern der Drei-Zimmer-Wohnungen nicht gegeben. Selbst mit 15 oder 16 Jahren hätten Jugendliche die Nächte noch im Schlafzimmer ihrer Eltern verbracht.

Die Milch der Ziege wollte keiner trinken

Viel Luxus bot das „Bahnhaus“ nicht. Trotzdem wäre Edith Sikorski (94) vor acht Jahren niemals ausgezogen, wenn sie nicht quasi die letzte Mieterin gewesen wäre. Der einzige Mitbewohner, ein Marokkaner, lebte damals immer wieder schon monatelang in seiner Heimat.

Im „Bahnhaus“ am Pettenhahnweg gingen die Mieter bis zuletzt zum Baden in die Waschküche

Edith Sikorski (94) wohnte 85 Jahre lang in dem „Bahnhaus" am Pettenhahnweg. Sie zog erst schweren Herzens weg, als sie die letzte Dauermieterin war. © Reinhard Schmitz

Schweren Herzens verließ die Seniorin das Gebäude, in das sie 1925 als Dreijährige mit ihren Eltern eingezogen war. „Villa Anna“ sei es damals genannt worden. Ringsherum war nichts befestigt: „Da war alles matschig. Die ganze Gartenfurche runter.“ Auf den Beeten zogen die Bewohner fast alles, was sie für die Küche benötigten. Alle hielten auch Vieh, wie Edith Sikorski berichtet: „Ziegen, Hühner und Schafe - nur kein Schwein.“ In ihrer Familie habe bloß keiner die Ziegenmilch trinken wollen.

Es muss um das Jahr 1900 gewesen sein, als die Eisenbahn das Haus fernab der anderen Bebauung von Wandhofen auf die grüne Wiese stellte. Ursprünglich - so berichtet Edith Sikorski - seien Beamte in die Wohnungen eingezogen.

Später sollten die Räume zu Büros umgebaut werden, wurden aber schließlich an Bahnarbeiter vermietet. „Das Klo war draußen“, sagt Edith Sikorski. Aber immerhin habe jede der acht Familien ihr eigenes gehabt. Ein Vorbau für Innen-Toiletten wurde laut Peter Thiem erst in den 1970er-Jahren ergänzt.

Bis zu 32 Kinder in acht kleinen Wohnungen

Heute unvorstellbar: Bis zu 32 Kinder lebten in der Jugend von Edith Sikorski in dem Bahnhaus. Spielkameraden gab es also genug. Und auch Wiesen zum Herumtollen. Bis herunter zu dem Ort, an dem das untergegangene Schloss vermutet wird, seien sie gelaufen. „Es war schön da oben“, sagt Edith Sikorski, die später selber auch drei Kinder großzog.

Im „Bahnhaus“ am Pettenhahnweg gingen die Mieter bis zuletzt zum Baden in die Waschküche

Sogar lustige Kinderschützenfeste wurden an dem Wandhofener „Bahnhaus" gefeiert, wie Edith Sikorski (94) auf einem alten Foto zeigt. Damals stand davor noch ein kleines zweites Wohnhaus. © Reinhard Schmitz

Ihren Mann Stanislaus sah sie nicht so oft. Er war mit seinem Bauzug viel unterwegs, wo Gleise zu reparieren waren. Dann musste die Frau auch die Karnickel im Stall versorgen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Gelände ringsherum mit Bombentrichtern der Luftangriffe auf den nahen Bahnhof und das Nickelwerk übersät, berichtet Peter Thiem. Nach und nach wurden sie verfüllt. Die Erinnerung an die angsterfüllten Nächte verschwand. Aber in den schlechten Zeiten waren die Bewohner noch froh, wenn im benachbarten Hoesch-Werk, der „Großen Hütte“, die Schmelzöfen ausgeschlackt wurden. Beliebtes Brennmaterial für den Ofen zu Hause. „Die standen dann Schlange“ , erzählt Edith Sikorski.

Sehnsucht nach dem Kohleofen

In den 1990er-Jahren sei dann auch endlich ein Kanal bis an das Bahnhaus verlegt worden, so dass das Abwasser nicht mehr in eine Sickergrube geleitet werden musste. Eine Zentralheizung blieb aber bis zuletzt Fehlanzeige. An die kann sich Edith Sikorski in ihrer neuen Wohnung am Holzener Weg aber auch bis heute nicht so recht gewöhnen. „Den Kohleofen, den vermisse ich“, sagt sie. Er gab eine ganz andere Wärme ab. Irgendwie viel wohliger.

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