In diese WG in Schwerte darf man erst als Senior einziehen

rnSeniorenprojekt

Nicht nur Studenten ziehen in eine WG. In Schwerte gibt es seit zehn Jahren ein Projekt, bei dem ältere Menschen zusammenleben. Statt Netflix-Serien guckt man dort Immenhof oder Sissi.

Schwerte

, 20.07.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Mit 75 in die Wohngemeinschaft (WG). Oder mit 90. Zusammen kochen, zusammen spielen und Filme gucken, zusammen im Garten sitzen. Als die Damen, die um den blumengeschmückten Tisch in ihrem Wohnzimmer zusammensitzen, jung waren, konnten sie von dieser Möglichkeit des Zusammenlebens nicht einmal träumen. Heiraten, Kinder kriegen, Familie versorgen war da noch das übliche Leitbild. „Die WG kam erst mit der Studentenbewegung 1968 auf“, sagt Heinz-Jürgen Camen, dessen Mutter sich ebenfalls in der Gruppe wohlfühlt. Er ist der Sprecher eines Projektes, das es in Schwerte nur einmal gibt: eine Wohngemeinschaft für Senioren, die das Leben im Alter gemeinsam gestalten und nicht allein sein wollen.

Rund-um-die-Uhr-Betreuung, aber kein Pflegeheim

In den früheren Räumen der Kinderarztpraxis Dr. Wiggermann an der Kuhstraße ergab sich vor zehn Jahren die Möglichkeit, dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen. Der Arbeitstitel war schnell gefunden: Wohngemeinschaft Dr. Wiggermann. Im Hintergrund übernimmt eine Interessengemeinschaft der Angehörigen die Organisation, wie Sprecher Camen erläutert. Jeder Bewohner schließe seinen eigenen Mietvertrag mit der Erbengemeinschaft Dr. Wiggermann ab und erhalte ein eigenes Zimmer, das mit persönlichen Möbeln und Dekorationen eingerichtet werden kann. Die Betreuung und - soweit individuell nötig - die Pflege übernimmt per Rahmenvertrag seit Anfang an der Pflegedienst Busch aus Unna. „Es ist 24 Stunden rund um die Uhr jemand da“, erklärt Pflegehelferin Yvonne Saecker. Aber: „Wir wollen kein Altenpflegeheim sein.“

In diese WG in Schwerte darf man erst als Senior einziehen

Sobald das Wetter es zulässt, nutzen die Seniorinnen die Garten-Terrasse vor dem Wiggermann-Haus an der Kuhstraße, wo ihnen Schulkinder beim Vorbeigehen zuwinken. © Reinhard Schmitz

Das zeigt sich schon, wenn man abends durch die Kuhstraße geht. Oft sieht man die Senioren dann noch spät an ihrem Lieblingsplatz sitzen, dem Garten vor dem Wohnzimmer. In anderen Einrichtungen hat man sie längst zur Nachtruhe gelegt. „Hier entscheiden alle selbst, wann sie ins Bett gehen“, sagt Camen: „Jeder nach seinen Gewohnheiten.“ Die können auch in den Speiseplan mit eingebracht werden, der jede Woche neu gemeinsam beschlossen wird. Die eine liebt Milchsuppe, die andere Heringsstipp oder deftigen Sauerbraten. Bloß kein neumodischer Schnickschnack. „Hier müssen wir was Deftiges haben - nicht, was wir an der Frittenbude kriegen“, spricht eine Bewohnerin für alle. Beim täglichen Mittagessen kochen hilft jeder mit, soweit er kann. Vom Kartoffeln schälen bis zum Tisch decken und natürlich auch beim Geschirr spülen.

Derzeit sind die zwölf Damen unter sich

Gemeinsame Aktivitäten werden überhaupt groß geschrieben in der Senioren-WG. Singen, zum Markt gehen, Besuche von Tier-Therapeuten mit Hund und Streichel-Kaninchen. Oder Filmnachmittage, für die man extra eine DVD-Sammlung mit den Lieblingsstreifen von Immenhof bis Sissi angeschafft hat. Das beliebte Bingo-Spielen haben die meisten erst hier gelernt. Man gestaltet Weihnachtsfeiern und Sommerfeste - in diesem Jahr freuen sich alle auf den 24. Juli. Nur beim Tanzen wird die Partnerwahl schwer. Die zwölf Damen im Alter zwischen 76 und 96 Jahren sind derzeit unter sich in der Gruppe. „Wir hatten aber auch schon mal Männer“, sagt Yvonne Saecker. So kann es wieder werden, wenn mal ein Platz frei wird. Dann sei man - so Heinz-Jürgen Camen - nur immer bemüht, neue Bewohner zu bekommen, die körperlich und geistig fit sind. Das passt.

„Wir sind wie eine große Familie“, beschreibt Yvonne Saecker. Dazu müssen nicht alle gleich per Du sein. Nicht zuletzt dank der zentralen Lage gibt es auch regen Kontakt zu den Angehörigen: „Viele kommen und besuchen die Bewohner.“ Vielleicht mal schnell auf dem Heimweg von der Arbeit. Ansonsten sorgt die Straße vor dem Garten für Leben. „Wenn Kinder vorbeikommen, dann winken die alle“, erzählt eine Bewohnerin mit einem Lächeln: „Das tut richtig gut.“

Kontakt zur Wohngemeinschaft
Interessenten
für die WG können sich wenden an Sprecher Heinz-Jürgen Camen, Tel. (0162) 2746044 oder per E-Mail: hmcamen@t-online.de Über die Kosten informiert der Pflegedienst Busch, Tel. (02303) 258970. Sie können den Angaben zufolge zum Teil von Krankenkassen übernommen werden.
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