Wenn Kinder das eigene Bett als sicheren und gemütlichen Ort erleben, schlafen sie auch gerne darin. Doch was, wenn sie trotzdem ins Elternbett wollen? Ein Kinder- und Jugendpsychotherapeut gibt Tipps. © picture alliance/dpa
Kinder-Psychotherapeut

„Kann ich in die Mitte?“ – Wenn Kinder im Elternbett schlafen möchten

In unserer neuen Kolumne gibt uns Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut Dr. Christian Lüdke regelmäßig Tipps rund um das Thema Familie und Kinder. Heute: Schlafen im großen Bett.

Kinder schlafen gern im Elternbett. Manche Eltern mögen das, andere legen Wert auf ungestörten Schlaf. Doch was ist, wenn selbst größere Kinder partout nicht im eigenen Bett schlafen mögen? Oder sogar Angst davor haben, allein zu schlafen? Darüber haben wir mit Dr. Christian Lüdke (61) gesprochen.

Was sagen Sie grundsätzlich dazu – gibt es ein „Ja“ oder „Nein“ zum kleinen Gast im großen Bett?

Für mich gibt es zu dem Thema ein klares Nein. Das Elternbett sollte immer nur ein exklusiver Zufluchtsort sein, wenn das Kind krank ist, draußen die Welt untergeht oder ein Riesenmonster unter dem Bett des Kindes erscheint.

Kinder, die ausschließlich in ihrem Bett schlafen, entwickeln sich nicht besser oder schlechter, als wenn sie lange Zeit im großen Bett schlafen. Allerdings gibt es erhebliche Auswirkungen auf das Schlafverhalten der Eltern: Wenn Eltern nachts immer einen Fuß oder ein kleines Händchen im Gesicht haben, werden sie am nächsten Morgen nicht erholt sein. Der kleine Gast im großen Bett ist oft ein enormer Stresstest. Daher empfehle ich lieber, dass Kinder von Anfang an immer nur im eigenen Bett schlafen sollten.

Gibt es denn ein bestimmtes Alter, in dem man seinem Kind das eigene Bett „schmackhaft“ machen sollte?

Kinder sollten so früh wie möglich ihr Bett als einen sicheren und beschützten Ort erleben. Auch Kleinstkinder können schon in ihrem eigenen Bett schlafen, wobei dieses bei Säuglingen nach Möglichkeit durchaus im Schlafzimmer der Eltern stehen kann, um immer in Hör- und Sichtweite zu bleiben. Grundsätzlich gilt die Faustregel: Je jünger das Kinder, desto größer ist der Einfluss der Eltern auf sein Schlafverhalten.

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Kinder, die sich daran gewöhnen im großen Bett zu schlafen, werden am Ende zu den Bestimmern in der Familie: Ich bestimme, wer wo schläft und wann geschlafen wird.

An das Einschlafritual am Abend erinnere ich mich noch sehr gut: Stundenlang habe ich am Bettchen gesessen, eine Hand gehalten und das Wiegenlied aus dem Film „Dumbo“ gesungen. Sobald ich wegschlich, ertönte ein leises: „Mama?“ Gibt es Wege, wie Eltern die singende „Endlosschleife“ vermeiden können?

Einschlafrituale und feste Regeln sind enorm wichtig und helfen dem Kind ruhig und entspannt zu schlafen. Eltern können die singende Endlosschleife am besten dadurch vermeiden, indem sie dem Kind die Regeln sehr deutlich und ehrlich erklären: Wir lesen eine Geschichte und ich singe dir ein Lied vor. Danach geht Mama oder Papa aus dem Zimmer und du kannst ganz ruhig und sicher schlafen.

Bei den Regeln sollten Eltern Kann-Regeln und Muss-Regeln unterscheiden. Eine Kann-Regel bedeutet zum Beispiel, ein Orientierungslicht anzulassen, die Tür einen Spalt geöffnet zu lassen, eine Geschichte zu erzählen oder ein Gutenachtlied zu singen.

Muss-Regeln sollten strikt eingehalten werden: Das Bett ist nur zum Schlafen da. Kein Handy, kein Fernsehen, kein Essen im Bett. Kein Toben vor dem Schlafengehen. Je konsequenter die Eltern, desto leichter fällt es den Kindern, die Regeln zu akzeptieren.

Das Thema kann ja durchaus auch zu Stress unter Ehepartnern führen. Haben Sie einen Tipp, wie man sich da einigt?

Kinder im Bett sind oft auch ein Belastungstest für die Eltern. Natürlich ist es wunderschön, wenn Eltern ihre Kinder in der Nähe haben und kuscheln können. Kinder sollten aber nicht zu einem Partnerersatz werden, um selbst Nähe und Geborgenheit zu spüren.

Eltern sollten es genießen, wenn die Kinder außerhalb des Bettes zu ihnen kommen, um in den Arm genommen zu werden, vielleicht eine Lieblingsserie zu schauen oder ein schönes Buch zu lesen. Erzwungene Nähe ist niemals gut.

Je früher ein Kind lernt, allein im eigenen Bett zu schlafen, desto entspannter sind auch die Eltern. Und entspannte Eltern haben entspannte Kinder.

Was ist, wenn selbst größere Kinder unbedingt bei Mama und Papa schlafen wollen? Ab wann sollten die Alarmglocken schrillen?

Wenn größere Kinder nur noch bei Mama und Papa schlafen wollen, dann kann aus einem Schlafproblem mittlerweile eine Schlafstörung geworden sein.

Eltern können in der Regel unterscheiden, ob das Kind nur aus Gewohnheit in der Mitte schlafen will oder ob es wirklich Angst hat. In dem Fall sollten sie nicht zögern, mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt zu sprechen. Falsche Ernährung, Bewegungsmangel, Stress im Kindergarten oder der Schule können bei Kindern zu ernsthaften Ängsten führen und ihnen den Schlaf rauben.

Schlafstörungen gehen immer Hand in Hand mit Verhaltensauffälligkeiten: Ein Kind verstummt völlig, ist den ganzen Tag über nur noch müde und antriebslos. Oder aber es ist sehr unruhig oder aggressiv gegenüber anderen. In beiden Fällen braucht das Kind die Hilfe der Eltern.

Wie kann man seinem älteren Kind helfen, damit es sein eigenes Bett wieder lieben lernt?

Alles was Kinder mit Leidenschaft und Begeisterung tun, lernen sie schnell zu lieben – und haben den Wunsch, es zu wiederholen. Auch ältere Kinder können wieder lernen, ihr Bett zu lieben.

Wenn sie die Erfahrung machen, dass ihr Bett ein sicherer Ort ist, an dem sie sich entspannen und erholen können, werden sie mehr und mehr von sich aus den Wunsch haben, gerne ins Bett zu gehen.

Dazu können passende Geschichten und Erinnerungen aus dem Alltag genutzt werden, um das eigene Bett positiv und körperlich beim Kind zu verankern.

Im eigenen Bett zu liegen kann sich zum Beispiel anfühlen wie der warme weiche Strand aus dem letzten Urlaub oder wie ein Schlauchboot, auf dem man sich einfach treiben lassen kann und vor sich hin träumt.

Darüber hinaus können Entspannungsübungen oder Techniken der Selbstberuhigung und Aufmerksamkeitslenkung älteren Kindern helfen, völlig angstfrei zu schlafen.

Unser Familien-Psychotherapeut

  • Dr. Christian Lüdke (61) ist approbierter Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut und Klinischer Hypnotherapeut. Lüdke unterstützt Kinder, Jugendliche, Familien und Paare. TV-Zuschauerinnen und Zuschauer schätzen seit vielen Jahren seine kompetenten Tipps rund um das Thema Familie und Kinder.
  • Er ist selbst zweifacher Vater und gibt in unserer Kolumne Tipps zu vielen Fragen rund um Familie und Kinder.
  • Lüdke ist erfolgreicher Autor u.a. der Kinderbücher zu Stella & Tom. Sein neuestes Buch heißt „La Le Lu 2.0. Mit magischen Geschichten entspannt schlafen.“Kontakt zum Familien-Experten
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Über die Autorin
Redakteurin
Begegnungen mit interessanten Menschen und ganz nah dran sein an spannenden Geschichten: Das macht für mich Lokaljournalismus aus.
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Martina Niehaus