Liegt das Baby richtig? Trinkt es genug? Ist das da harmlos oder lebensgefährlich? Ist das erste Kind da, sind die Fragen riesig. Schrecklich also, wenn keine Hebamme da ist für Antworten.

Schwerte

, 14.03.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Larissa war die 32. Hebamme, die ich angerufen habe.“ Katrin Lipkowski-Höpfner erinnert sich an den Moment, in dem sie nicht mehr verzweifelt war, sondern nur noch resigniert.

Sie war doch erst im vierten Monat schwanger. Diese ersten drei Monate, die als gefährlich gelten, waren gerade erst rum, und jetzt wollte sie sich auf die Suche begeben.

Nicht einmal sofort sollte die Hebamme kommen. Das wünschen ja auch immer mehr Frauen: dass die Hebamme schon in der Schwangerschaft regelmäßig die Familie besucht, so wie die Frau auch regelmäßig zum Gynäkologen geht. Aber dieses Rundum-Paket, das wollte Katrin Lipkowski-Höpfner ja gar nicht.

Sie wollte nur eine Hebamme, die da ist, wenn das Kind da ist.

Geburtstermin kurz vor Weihnachten war das Problem

Das Problem war der errechnete Entbindungstermin: 21. Dezember 2018, drei Tage vor Heiligabend. „Das verstehe ich ja: Viele Hebammen haben selbst Kinder und wollen nicht über die Feiertage arbeiten“, sagt die 31-Jährige, die aus Dortmund kommt und heute in Schwerte-Wandhofen wohnt - der besseren Verkehrswege wegen.

Katrin Lipkowski-Höpfner rief in Dortmund an, in Unna und Herdecke und Lünen - bis irgendwann der entscheidende Tipp kam: Probier doch diese Nummer, die man im Internet so nicht findet, wenn man nach „Hebamme“ sucht.

Die erfahrene Hebamme: „Es gibt heute so viel Unsicherheit“

Mangel an Geburtshelfern: „Larissa war die 32. Hebamme, die ich angerufen habe“

Rita Schlierbach-Walther ist seit mehr als 30 Jahren Hebamme in Schwerte. © Björn Althoff

„Der erste Kontakt geschieht immer früher“, sagt Rita Schlierbach-Walther, „oft schon in der 8. bis 10. Schwangerschaftswoche.“ Seit 1981 ist Schlierbach-Walther Hebamme, seit 1983 als Selbstständige in Schwerte unterwegs. Geht sie durch die Stadt, begegnet sie vielen Menschen, die sie schon als Säuglinge gesehen hat, als junge Mütter oder Väter. Sucht man bei Google nach „Hebamme Schwerte“, gehört sie zu den Treffern auf der ersten Seite.

„Es gibt so viele Fragen mittlerweile, so viel Unsicherheit“, sagt Schlierbach-Walther. Da fehlt ein Erfahrungsschatz.“ Früher sei das Wissen von Generation zu Generation weitergegeben worden. Heute sei das oft anders. „Außerdem ist die heutige Generation viel kritischer“, urteilt Schlierbach-Walther - „und deshalb würde es ohne Hebamme gar nicht mehr gehen.“

Mehr Hebammen-Besuche als in anderen Ländern

26 Nachsorge-Besuche kann eine Hebamme mit der Krankenkasse abrechnen: jeweils einen an den ersten zehn Lebenstagen, weitere zwölf ab dem elften Lebenstag bis zur zwölften Lebenswoche. Für die Tage, in denen Mutter und Kind noch in der Klinik sind, verfällt der Anspruch und kann nicht nachgeholt werden.

Gibt es medizinische Gründe, kann die Krankenkasse weiteren Besuchen zustimmen, die bis maximal zum ersten Geburtstag stattfinden können.

„In vielen anderen Ländern in Europa gibt es so etwas nicht“, verdeutlicht Schlierbach-Walther. In Großbritannien komme die Hebamme zwei Mal. Gebe es dann noch Fragen, müssten Mutter und Kind zum Arzt.

Die Beleghebamme: früher 500, heute 8000 Euro Haftpflicht

„Ich hatte mich so langsam damit abgefunden, dass ich alleine zurechtkommen muss“, erinnert sich Katrin Lipkowski-Höpfner. Absagen gehören für viele Schwangere dazu: Ein U3-Platz in der Kita oder bei einer Tagesmutter? Zum Rückbildungskurs, zum Babyschwimmen? Alles nicht so einfach, schildert die 31-Jährige. „Im Freundeskreis ist es schon vorgekommen, dass Babys schon vor der Geburt in einer Kita angemeldet wurden, mit einem Fragezeichen hinter dem Namen.“

Fehlgeburten

Das Risiko steigt mit dem Alter

Nur aus 50 Prozent aller befruchteten Eizellen entsteht tatsächlich ein Mensch. Das Risiko einer Fehlgeburt sinkt, je länger die Schwangerschaft dauert. Nach der 18. Woche liegt es nur noch bei einem Prozent. Doch das heißt im Umkehrschluss: Bei einer von 100 Frauen geht dann noch etwas schief. Je älter die werdende Mutter, desto wahrscheinlicher.
Passiert ein Fehler bei der Geburt, trifft die Tragödie nicht nur die Familie, sondern auch die Hebamme, vielleicht die ganze Station einer Klinik. Die Geburt ist ein hochkomplexer Vorgang. Falls das Kind stirbt oder es krank auf die Welt kommt, gibt es Ansprüche in Millionenhöhe. So wie kürzlich gleich drei Mal in Hagen-Haspe. Die Station schloss - offiziell aus Hebammenmangel. In Schwertes Kreißsälen gibt es seitdem noch mehr zu tun.

Versicherungen lassen sich die Kosten teuer bezahlen. Von den Geburtsstationen oder direkt von den Beleghebammen, also den Wunsch-Hebammen, die mit den Eltern zur Klinik kommen, wenn die Wehen einsetzen. „Als ich vor 16 Jahren angefangen habe, habe ich 500 Euro Haftpflicht pro Jahr bezahlt, heute sind es mehr als 8000 Euro“, sagt Natalie Seltmann, eine der zwei Beleghebammen, die einen Vertrag mit dem Marienkrankenhaus Schwerte haben. Das sei einer der Gründe, warum sich der Job für viele Frauen nicht mehr rechnet.

Heute noch Ausbildungsberuf, bald schon Studienfach

Zumal der Aufwand steigt. Hebammen müssen immer mehr Fakten kennen, medizinische Hintergründe, müssen dem Arzt Paroli bieten können. Der ganze Beruf wird akademisiert, wird nach 2020 nicht mehr Ausbildungsberuf, sondern Studienfach sein.

Schon jetzt muss deutlich mehr dokumentiert werden als früher: Qualitätsmanagement, Hygieneplan, evidenzbasierte Diagnose. Soll heißen: Alle Details sind aufzuschreiben. Welche Creme hat in der Vergangenheit in welchen Fällen welchen Effekt gehabt? Das Gespür, das die erfahrene Hebamme hat, reicht alleine nicht mehr.

„Das ist alles Aufwand, der nicht bezahlt wird“, sagt Rita Schlierbach-Walther. „Dass ich am Schreibtisch gesessen habe und für mich als Selbstständige ein Qualitätsmanagement erstellt habe - das sieht keiner“, ergänzt Natalie Seltmann. Eine Hebamme müsse absagen, trösten, weitervermitteln. Eine Beleghebamme habe rund um den Geburtstermin eine 24-Stunden-Bereitschaft.

„Ich bin bis Oktober ausgebucht.“ Den Satz sagen beide - Schlierbach-Walther und Seltmann.

Ein letzter Versuch - die Telefonnummer der 32. Hebamme

Als ihr Handy klingelte, wollte Larissa Fieber eigentlich Nein sagen. 21. Dezember? Weihnachten wegmüssen von der Familie in Ergste, um zu einer jungen Mutter zu fahren, um zu schauen, wie es dem Säugling geht, ob alles wächst, gut gedeiht, passt, trinkt, ausscheidet, liegt und schläft?

Die Nummer 32 sei sie. 31 Hebammen hätten abgesagt. Das war das entscheidende Argument für Larissa Fieber. Eigentlich arbeitet sie Teilzeit im Marienkrankenhaus in Schwerte. Doch zusätzlich bietet sie Nachsorge an, als Back-up, wenn andere Hebammen keine Kapazitäten mehr haben. Selbst in den Listen zu stehen, das wäre zu aufwendig, sagt die 40-Jährige. Zu häufig müsste sie dann absagen. Sie weiß: Das Telefon würde andauernd klingeln.

„Dass ich ausgerechnet Larissa bekommen habe, war ein Glücksfall“, strahlt Katrin Lipkowski-Höpfner und schaut auf ihren kleinen Leon. Es habe gepasst. Ihre Fragen seien beantwortet worden - auch diejenigen, die man eher einer Hebamme als dem Gynäkologen stellt.

Was Hebamme und Arzt unterscheidet? Der junge Papa Sebastian Höpfner hat ein plastisches Beispiel: „Der Arzt sagt einfach: ‚Ihr braucht eine Badewanne.‘ Und die Hebamme kommt, schaut, hört zu und sagt dann: ‚Zum Baden könnt ihr eine Wanne nehmen oder so einen Badeeimer - ganz wie ihr wollt.‘ Und so einen Eimer hat sie uns dann auch besorgt.“

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