Ist euch langweilig, Kinder? Lest doch mal ein gutes Buch! Mein Bücherregal ist voll davon. © Martina Niehaus
Kolumne

Mein morbider Lesegeschmack: Erst der Struwwelpeter, dann Stephen King

Märchen dürfen gruselig sein – darüber habe ich zuletzt geschrieben. Und mir Gedanken gemacht, welche Geschichten mir vorgelesen wurden. Ohje. Mama, was hast du getan?

Muss meine Mama sich Sorgen machen? Sie hat mir Bücher vorgelesen, als ich klein war. Doch waren es auch die Richtigen? Oder ist schon in meinen Kinderbüchern zu viel Blut geflossen? Als Mutter kann man ja eine Menge falsch machen. Das merke ich selbst täglich.

Erstmal ist Vorlesen ja was Gutes. Mama hat mir so oft und so lange vorgelesen, bis ich die meisten Geschichten auswendig konnte – und dann mit vier Jahren so tat, als könne ich laut vorlesen. Das flog immer dann auf, wenn ich das Buch falsch herum hielt. Was mir allerdings nicht bei Bilderbüchern passierte!

Warum stehen in meinem Regal so viele Horrorbücher?

Heute fällt allerdings auf: In meinem Regal stehen fast nur Bücher von Stephen King und Krimis von Tana French. Okay, ein paar Klassiker gibt es auch: „Dracula“ von Bram Stoker, Kurzgeschichten von Edgar Allan Poe und „Ich bin Legende“ von Richard Matheson. Hat Mama wirklich etwas falsch gemacht?

Gerade in der Vorweihnachtszeit lese ich auch gern die Klassiker. Poe, Stoker, Matheson, Lovecraft. Ganz gemütlich bei Kerzenschein.
Gerade in der Vorweihnachtszeit lese ich auch gern die Klassiker. Poe, Stoker, Matheson, Lovecraft. Ganz gemütlich bei Kerzenschein. © Martina Niehaus

Was zu der Frage führt, welche Geschichten sie mir vorgelesen hat. Am liebsten habe ich die gruseligen und traurigen Geschichten gehört. Das fing schon bei den Märchen an. „Die wilden Schwäne“ oder „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“ von Andersen wollte ich immer wieder hören. Harmlose Geschichten wie den „gestiefelten Kater“ fand ich blöd. Mich interessiert doch nicht, was eine Katze für Klamotten trägt.

Denkt an den fliegenden Robert, Kinder!

Faszinierend war auch der Struwwelpeter. Mit Geschichten, in denen ungehorsamen Daumenlutschern die Finger abgeschnitten werden. Oder die „lichterloh“ brennen, weil sie mit Streichhölzern spielen.

Die Texte sind hängen geblieben. Kürzlich habe ich meine Jungs geschockt, weil ich die „Geschichte vom fliegenden Robert“ deklamierte, als sie im Sturm nach draußen wollten. War ihnen sicher peinlich. Zu Recht.

„Wenn der Regen niederbraust,

Wenn der Sturm das Feld durchsaust,

Bleiben Mädchen oder Buben

Hübsch daheim in ihren Stuben.“

(Heinrich Hoffmann: Die Geschichte vom fliegenden Robert)

Heute weiß ich, dass Verfasser Heinrich Hoffmann als erster Vertreter der Jugendpsychiatrie gilt, und in seinen Geschichten emotionale Störungen wie ADHS (Zappelphilipp) oder Bulimie (Suppenkasper) beschrieb. Und mal ernsthaft: Das Spielen mit Streichhölzern kann man gar nicht anschaulich genug verbieten.

„Und Minz und Maunz die Katzen erheben ihre Tatzen“: Mensch, Paulinchen, mach sofort das Feuerzeug aus! Wir wissen doch wie das endet. © Martina Niehaus

Die rigorosen Erziehungsmaßnahmen der Struwwelpeter-Bücher habe ich jedenfalls nicht übernommen. War auch gar nicht nötig: Meine Jungs benutzen erfolgreich ihre Nagelknipser und stylen sich stundenlang die Haare, bevor sie das Haus verlassen. Läuft also. Oder sie haben insgeheim doch Angst, dass ich laut rufe: „Sieh einmal, hier steht er. Pfui! Der Struwwelpeter!“

Beim Friseur wird’s auch gefährlich – bei Wilhelm Busch!

Doch ich ecke auch an: Bei besorgten Müttern, die ihren Nachwuchs mit den „Conni“-Büchern oder Prinzessin Lillifee gelangweilt haben. Und die nicht verstehen, dass ich die geliebten alten Schinken auch meinen Kindern vorgelesen habe. „Wie kannst du so gruselige Geschichten erlauben?“

Eine von ihnen ist tatsächlich ausgeflippt, als sie Wilhelm Busch im Kinderzimmer-Regal entdeckte. Wegen der grausamen Zeichnungen. In einer Geschichte schneidet Fipps der Affe einem Kunden beim Friseur das Ohr ab. Autsch!

„Oha! Das war ein scharfer Schnitt,

Wodurch des Ohres Muschel litt!“

(Wilhelm Busch: Fipps, der Affe)

Oha! Der Affe Fipps war wirklich nicht ohne. Bei Wilhelm Busch darf man nicht zimperlich sein - sonst geht man nie wieder zum Friseur.
Oha! Der Affe Fipps war wirklich nicht ohne. Bei Wilhelm Busch darf man nicht zimperlich sein – sonst geht man nie wieder zum Friseur. © Martina Niehaus

Meine Lieblingsgeschichte war aber die von dem Bauern, der versucht, sein Schwein zum Metzger zu bringen. Die Geschichte hat auf jeden Fall ein Happy End. Für den Bauern.

„Doch endlich schlachtet man das Schwein,

da freute sich das Bäuerlein.“

(Wilhelm Busch: Der Bauer und sein Schwein)

Bücher dürfen vieles. Aber nicht langweilen.

Ich erzähle den Müttern dann, dass meine Mama nie versucht hat, mir Bücher zu verbieten. Oder mir „altersgemäße“ Lektüre vorzuschreiben. Was ich lesen wollte, durfte ich lesen. „Es“ von Stephen King habe ich gelesen, als ich elf war.

Ein bisschen Grusel gehört für mich schon immer zum Lesen dazu. Ich frage mich, ob meine Mama mir damals die richtigen Bücher gegeben hat. Mit Wilhelm Busch fing alles an...
Ein bisschen Grusel gehört für mich schon immer zum Lesen dazu. Ich frage mich, ob meine Mama mir damals die richtigen Bücher gegeben hat. Mit Wilhelm Busch und Heinrich Hoffmann fing alles an… © Martina Niehaus

Natürlich habe ich anschließend einen großen Bogen um jeden Gullydeckel gemacht. Aber geschadet hat es mir nicht. Und ich lache mich schlapp, wenn mir jemand erzählt, die elfjährige Tochter dürfe die harmlose Vampirschnulze „Twilight“ noch nicht lesen, weil das Buch erst für Zwölfjährige geeignet sei.

Meine Jungs sind inzwischen alt genug, selbst zu lesen. Manchmal greifen sie dann in mein Regal. Wilhelm Busch ist ihnen wohl nicht mehr gruselig genug. Und ich freue mich, dass sie, 12 und 15 Jahre alt, überhaupt mal ein Buch in die Hand nehmen.

Nach dem Motto des alten Busch-Schinkens halte ich es mit Büchern.
Nach dem Motto des alten Busch-Schinkens halte ich es mit Büchern. „Was beliebt ist auch erlaubt.“ Was langweilt ist verboten. © Martina Niehaus

Denn das, hat Mama immer betont, sei das Wichtigste an Büchern: Sie dürfen nicht langweilig sein. Oder wie Wilhelm Busch sagen würde: „Was beliebt, ist auch erlaubt.“

Alles richtig gemacht, Mama!

Über die Autorin
Redakteurin
Begegnungen mit interessanten Menschen und ganz nah dran sein an spannenden Geschichten: Das macht für mich Lokaljournalismus aus.
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Martina Niehaus

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