Hat Michael S. eine 72-Jährige aus Ergste getötet? Beging der verurteilte Mörder wenige Monate nach seiner Freilassung aus der JVA erneut einen Mord? So lief der erste Prozesstag.

Schwerte, Ergste

, 03.07.2019 / Lesedauer: 7 min

Der Fall sorgte deutschlandweit für Aufsehen: Am 9. Januar 2019 wurde eine 72-Jährige tot in ihrem Haus in Schwerte-Ergste gefunden. Wenige Tage darauf nahm die Polizei Michael S. fest - einen Mann, der nach Sexualtaten, Mord und Raub insgesamt 28 Jahre hinter Gittern gesessen hatte.

Die letzten Jahre hatte der 50-Jährige in der JVA in Schwerte-Ergste verbracht, hatte dort auch im Außenbereich Gärtnerarbeiten verrichtet. Da lag die Vermutung nah, dass er dem späteren Opfer begegnet sei. Das Haus der 72-Jährigen liegt keine 100 Meter von den JVA-Mauern entfernt.

Besondere Kuriosität dieses Falles: Der Verdächtige filmte sich selbst, als das Einsatzkommando der Polizei nachts seine Wohnung stürmte. Die Szene ist noch heute bei Facebook nachzuverfolgen.

Am Donnerstag, 4. Juli, begann am Landgericht Hagen der Prozess gegen Michael S. - wir haben aktuell und direkt aus dem Gerichtssaal berichtet. Hier können Sie den Live-Ticker in chronologischer Folge nachlesen.

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8:45 Uhr - Auch dem Opfer ein Gesicht geben

Freunde der getöteten 72-Jährigen tragen T-Shirts, auf denen ein Foto der Frau zu sehen ist. „Wir wollen auch dem Opfer ein Gesicht geben“, erklärt Karin Bahn aus Herscheid vor dem Gerichtssaal. Der mutmaßliche Mörder sei häufig zu sehen gewesen in den Medien, das Opfer aber nie.

Die 72-Jährige sei keine alte Frau gewesen. Im Gegenteil: Sie habe mitten im Leben gestanden, habe im Elternhaus gelebt und bewusst zurückgezogen gelebt. Natürlich mit Kontakt zu Freunden.

Vor zwei Jahren habe sie ihren Lebensgefährten verloren, nach einer Trauerphase aber ihre Lebensfreude wiedergefunden.

„Was ist Gerechtigkeit?“ Diese Frage treibt die Freunde auch um. Und: Warum ist die Tat geschehen?

9:04 Uhr - Der mutmaßliche Mörder betritt den Raum

Michael S. nimmt auf der Anklagebank Platz. Fernsehteams filmen. Reporter machen Fotos. Wir ja auch. Wie sieht ein Mensch aus, der 28 Jahre wegen Mordes hinter Gittern saß und dem jetzt die nächste Tat vorgeworfen wird? Das will die Öffentlichkeit wissen.

Der 50-Jährige hält einen Hefter vors Gesicht. „Aber bei Facebook hat er sich gezeigt“, raunt es aus dem Zuschauerraum.

Michael S. schaut nach unten. Ist das regungslos, kaltblütig oder voller Scham? So schreiben es doch viele immer, wenn mutmaßliche Mörder im Gerichtssaal erscheinen. Schnell ist das geschrieben. Selten ist es wirklich klar.

Aber einfacher ist es schon, jemanden direkt als Bestie abzustempeln, diese Geschichte einfach und simpel zu erzählen. Nur: Was bringt das? Verständnis nicht. Und Gerechtigkeit?

Mord an 72-Jähriger in Ergste - So war der erste Tag im Prozess gegen Michael S.

Prozessauftakt gegen Michael S. Dem 50-Jährigen wird vorgeworfen, eine 72-Jährige ermordet zu haben. © Björn Althoff

9:08 Uhr - Anklageschrift wird verlesen

Was wird Michael S. vorgeworfen? Staatsanwalt Michael Burggräf verliest die Anklageschrift. Der 50-Jährige soll die Frau missbraucht haben, soll ihr einen schweren Schlag in Augenhöhe verpasst haben, viermal auf Hals und Rücken eingestochen haben und sie anschließend erwürgt haben.

Im Obergeschoss soll er ein eingeschaltetes Bügeleisen ins Bett gelegt haben, im Erdgeschoss soll er versucht haben, einen Rattansessel und die Leiche selbst in Brand zu stecken. Das Ziel: den Mord zu vertuschen.

Beides misslang. Beide Brände griffen aus technischen Gründen nicht auf das Haus über.

Letzter Vorwurf: Michael S. soll eine Taschenuhr und weitere Gegenstände gestohlen haben.

9:13 Uhr - Verhandlung wieder unterbrochen

Die Verhandlung ist direkt wieder unterbrochen. Um circa 10.15 Uhr soll es weitergehen, erklärt der Vorsitzende Richter Marcus Teich.

10:20 Uhr - Verhandlung geht weiter mit dem ersten Sachverständigen

Hatte der Angeklagte Drogen im Blut? Der erste Sachverständige sagt: Ja, zumindest nach der Blut-Entnahme am 14. Januar.

Amphetamine und Cannabis waren nachweisbar. Unklar aber, ob das auch zum Tat-Zeitpunkt schon so war, also fünf Tage zuvor.

Michael S. habe erklärt, er habe die Drogen am 12. Januar genommen, so der Sachverständige.

Amphetamin wirkt aufputschend. Cannabis eher gegenteilig. Wahrscheinlich sei jedenfalls: Der 50-Jährige habe nicht regelmäßig gekifft, aber mehr als nur einmal Amphetamine genommen. Nebenwirkungen seien generell unter anderem Ruhelosigkeit, Gewaltbereitschaft, Tatendrang.

10:37 Uhr - Die ersten Zeugen: die Nachbarn

Wie kam es dazu, dass die Leiche der 72-Jährigen gefunden wurde? Die Zeugen-Aussagen eines Nachbar-Ehepaares geben die Antwort.

Der Mann bemerkte ein Geräusch, als er um 7 Uhr aus dem Haus ging: Ein Wecker? Dazu klingelte es zu lange. „Und eine Alarmanlage hatte sie nicht.“ Deshalb die Vermutung: ein Rauchmelder.

Nachdem seine Gattin vergeblich versucht hatte, die 72-Jährige zu erreichen, ging der Mann hinüber. „Wir hatten ja den Schlüssel.“ Und mindestens oben brannte Licht.

Die Haustür sei nur angelehnt gewesen, nicht zugezogen, erst recht nicht verschlosen. Das sei ungewöhnlich gewesen, denn die Nachbarin habe nachts immer abgeschlossen.

Bevor er möglicherweise einen Brand weiter entfache, habe er die Tür zugezogen, so der Nachbar weiter. Dann sei die Feuerwehr rein, habe die Leiche gefunden und gesagt: „Waren Sie drin? Nein. Das ist auch gut so. Das hätten Sie nicht sehen wollen.“

Der letzte Kontakt zur Ermordeten? Am Abend vorher, 21.15 Uhr, eine Whatsapp-Nachricht, nicht mehr gelesen. Wenige Stunden zuvor - gegen 16 Uhr am Tag vor der Tat - habe sich die 72-Jährige noch gemeldet gehabt: Meldet euch ruhig - jetzt, wo ihr aus dem Urlaub zurück seid.

Man kannte sich seit Jahrzehnten, ging mal zusammen essen, besuchte sich. „Sie war eine sehr starke, mutige Frau“, sagte der Nachbar. Aber auch niemand, der sofort offen gewesen sei. Eher reserviert: „Sie brauchte eine Weile um aufzutauen.“

Die Gartenarbeit? Erledigte sie selbst - bis auf schwere Dinge. War in dem Zusammenhang auch der Angeklagte mal da? Nein, zumindest nicht, dass ihr das aufgefallen wäre, sagt die Nachbarin. Aber Michael S. sei oft an der Gillstraße zwischen JVA und der Siedlung gewesen.

Habe auf den Steinen gesessen, Gartengeräte dabei gehabt, schon von weitem gegrüßt. „Aber unterhalten habe ich mich nie mit ihm“, sagt die Nachbarin.

11:15 Uhr - Was die Ruhr-Nachrichten-Zustellerin bemerkt hatte

Vor den Nachbarn und der Feuerwehr war schon jemand am Haus: die Zustellerin, die der 72-Jährigen die Ruhr Nachrichten brachte. 4.30, vielleicht 4.40 Uhr sei sie dort gewesen. Die Tür sei da schon offen gewesen. Licht habe schon gebrannt. Und ein Piepton sei zu hören gewesen.

Ungewöhnlich, ja, aber sie sei weitergegangen.

11:22 Uhr - Was sah die Feuerwehr im Haus?

Erst kam die Freiwillige Feuerwehr aus Ergste. Mit vier Mann. Und auch nur kurz: einmal rauf ins Obergeschoss, unten flüchtig geschaut, erinnerte sich der Einsatzleiter. Aber da seien ihm schon die Kollegen von der Berufsfeuerwehr entgegengekommen. Und die würden in solchen Fällen übernehmen.

11:31 Uhr - Und was sahen die Polizisten, die als Erste eintrafen?

Von der Berufsfeuerwehr habe man erfahren, dass sich eine Leiche im Haus befinde. Die tote 72-Jährige habe auf dem Bauch gelegen, an der Terrassentür - Kopf und Oberkörper verkohlt, blutig nach Gewalteinwirkung.

Da sei sofort klar gewesen: ein Fall für die Kripo, die in solchen Fällen aus Dortmund nach Schwerte kommt.

Etwas fiel den Schwerter Polizisten aber auf von der Terrasse aus: Die Bilder - Gemälde oder Drucke - seien schon vor dem Brand von der Wand genommen worden. Denn die Wand sei durchgehend verrußt gewesen.

Ein Detail, das den psychiatrischen Gutachter im Gerichtssaal aufhorchen lässt. Es wirkt, als wolle er später darauf zurückkommen.

11:51 Uhr - Die Sache mit der Internet-Box

Ein Kripo-Beamter sagt ebenfalls aus. Seine Aufgabe wäre es gewesen, die Daten der Festnetz-Telefone zu sichern. Dabei sei aufgefallen, dass die Box, die das Haus mit Internet versorgt hätte, nicht am Strom hing, aber ansonsten angeschlossen gewesen sei.

Es seien auch keine Telefonie- oder Internet-Daten mehr gespeichert und abrufbar gewesen. Ob das üblich sei nach kurzer Zeit ohne Strom oder ob da jemand technisch nachgeholfen habe - das vermag der Experte der Polizei allerdings nicht zu sagen.

Klar sei nur: Den letzten Festnetz-Anruf gab es am 8. Januar um 11.44 Uhr, also am Vormittag vor der Tat.

12:02 Uhr - Mittagspause bis 13 Uhr

So. Mittagspause. Um 13 Uhr soll dieser Verhandungstag weitergehen. Wir werden weiterhin zeitnah berichten, allerdings auch so, dass nur die wichtigsten Erkenntnisse hier landen, nicht jedes wiederholte kleinere Detail.

13:07 Uhr - Was sagt der Brand-Sachverständige?

Zwei Brandherde habe es gegeben im Wohnzimmer, erklärt der Brand-Sachverständige, der als Erster nach der Mittagspause im Zeugenstand sitzt: ein Rattansessel und die Leiche selbst.

Der Sessel sei wohl mit Wellpappe und Papier in Brand gesetzt worden. Die Leiche war offenbar mit Decken und Handtüchen zugedeckt gewesen, die ebenfalls Feuer gefangen hätten.

Dass die Frau noch geflohen sei und jemand erst dann etwas Brennendes über sie geworfen habe - das sei „auszuschließen“, so der Experte.

Wann genau es gebrannt habe - das könne er leider nicht genau eingrenzen. Dazu würden zu viele Informationen fehlen. Allerdings: Nach rund 20 Minuten habe es ein „selbstständiges Erlöschen des Brandes aufgrund des Sauerstoffmangels“ gegeben. Mit einem offenen Fenster oder einer bei Hitze platzenden Fensterscheibe wäre das anders gewesen.

13:28 Uhr - Der Brand scheint den Angeklagten mehr zu interessieren

Bei anderen Zeugenaussagen hatte Michael S. fast ausschließlich nach unten geschaut. Die Aussagen des Brand-Sachverständigen scheint ihn mehr zu interessieren. Jedenfalls wandert der Blick deutlich häufiger nach vorne zum Zeugenstand als vorher.

13:34 Uhr - Wie war das mit dem Bild von der Wand?

Die Richter und der psychiatrische Gutachter wollen noch einma zurückkommen auf das Bild, das nicht mehr an der Wand im Wohnzimmer hing. Wissen die Nachbarn etwas darüber? Das hatte sich bei Gesprächen auf dem Flur so angehört. Deshalb ruft der Richter die Nachbarn erneut in den Zeugenstand.

Doch - leider: ein Missverständnis. Und so ist der Verhandlungstag nun doch schneller vorbei, als zuletzt angedacht.

Ein Verhandlungstag, an dem der Angeklagte nichts in der Verhandlung gesagt hat.

Der Vorsitzende Richter Marcus Teich schließt die Sitzung. Weiter geht es am 19. Juli um 9 Uhr. Wir sind dann wieder vor Ort.

13:37 Uhr - Ach, so: Der Gutachter kündigt noch etwas an

Fernab der Sitzung kündigt der psychiatrische Gutachter in Richtung Anklagebank etwas an: Er werde Michael S. in den nächsten Tagen besuchen. Sicherlich noch vor dem nächsten Verhandlungstag.

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