Mord in Ergste? Festnahme auf Facebook! Der Fall Michael S.

rnJahresrückblick 2019

Ein gerade entlassener Mörder bringt in Ergste unweit der JVA eine 72-Jährige um. Als er sich nachts auf Facebook filmt, stürmt die Polizei seine Wohnung. Das war der Fall Michael S.

Ergste

, 29.12.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Alles beginnt mit einem schrecklichen Fund am Morgen des 9. Januar 2019. Die Nachbarn merken gleich, dass irgendetwas nicht stimmt in diesem Haus an der Gillstraße, nur wenige Meter entfernt von den Mauern der Justizvollzugsanstalt (JVA) in Schwerte-Ergste.

Der Rauchmelder piept, die Haustür ist nur angelehnt. Feuerwehr und Polizei finden die 72-Jährige, die alleine in diesem Haus wohnt, tot im Wohnzimmer, offenbar umgebracht. Außerdem sind in mehreren Etagen Brandspuren.

Schnell führen die Spuren zu Michael S., einem fast-50-jährigen vorbestraften Sexualmörder. 28 Jahre hatte er nach einer Tat von 1990 in Gefängnissen gesessen, ab 2004 in der JVA in Ergste, wo er in der Theatergruppe zum Vorzeigehäftling wurde.

Erst im Oktober 2018 entlassen worden

Im Oktober 2018 hatte man den zu lebenslanger Haft verurteilten S. auf Bewährung entlassen und ihm eine eigentlich sehr gute Basis für das Leben in Freiheit geschaffen: Ein Job bei einem Garten- und Landschaftsbauer, eine Wohnung in der Schwerter Innenstadt, Bewährungshelfer, weitere Bezugspersonen, die sich um ihn kümmern wollten in diesem neuen Leben in Freiheit.

Michael S. kommt aber nicht zurecht. Abends geht es in die Kneipen. Er nimmt Drogen, kommt zu spät oder gar nicht zur Arbeit, sagt vereinbarte Termine kurzfristig ab, überwirft sich an Weihnachten mit der Schwester. Facebook wird zu seiner Bühne. Manchmal filmt er sich stundenlang, vor allem abends und nachts.

So auch am 13. Januar, drei Tage nach der Tat. Eine Stunde und 44 Minuten lang passiert relativ wenig, dann stürmt ein Einsatzkommando der Polizei die Wohnung, nimmt Michael S. fest und stoppt danach die laufende Kamera.

In der U-Haft schweigt der 50-Jährige – zumindest zu allem rund um die Tat. Auch im monatelangen und mehrfach verlängerten Prozess am Landgericht Hagen wird er nicht viel sagen.

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Medienrummel beim Auftakt im Mord-Prozess: Kamerateams filmten Michael S.

Medienrummel beim Prozessauftakt: Kamerateams filmten Michael S. © Björn Althoff

Was in der Tatnacht passierte, bleibt unklar

Vieles wird unklar bleiben – zum Beispiel, was in der Tatnacht eigentlich passierte. Demnach kannten sich Opfer und Täter nicht, höchstens vom Sehen. Michael S. gehörte lange zu der Gruppe von Inhaftierten, die die Außenanlagen der JVA in Schuss hielten und so auch mit Anwohnern ins Gespräch kamen.

Irgendwann am Abend des 9. Januar muss er ins Haus der 72-Jährigen gekommen sein. Laut der Spuren kam es mindestens zur sexuellen Nötigung. DNA-Spuren von Michael S. fanden sich unter anderem an der Unterhose der Toten sowie rund um Dinge, die angezündet wurden – wohl um Spuren zu verwischen.

Die 72-Jährige wurde geschlagen und gewürgt, zudem gab es Messerstiche. Woran sie letzten Endes starb – selbst darüber hatten Gutachter keine Klarheit.

An Motiv und Täterschaft indes gab es keinen Zweifel. So wählten die Richter am Ende das wasserdichte Urteil: Mord sei nicht nachweisbar, wohl aber Totschlag in einem schweren Fall. Das reichte für 14 Jahre Haft plus anschließende Sicherheitsverwahrung. Weder der Verteidiger noch die Staatsanwaltschaft, die lebenslänglich wegen Mordes gefordert hatte, widersprachen.

Und nachträglich wurde auch die Staatsanwaltschaft von 1990 wieder aktiv: Die Bewährung sei ja wohl verwirkt, deshalb müsste das Urteil „lebenslänglich“ wieder in Kraft treten.

Haben die JVA oder die Psychologen Fehler gemacht?

Worum es im Prozess nicht ging, aber in der Wahrnehmung vieler Nachbarn: Sind in der JVA Fehler gemacht worden? Hätte man erkennen müssen, dass man Michael S. nicht hätte freilassen dürfen? Erst spät im Prozess wird klar: Die JVA war gegen eine Entlassung – vor allem weil Michael S. noch im Frühjahr bei einem Wochenende in Freiheit tagelang verschwunden war.

Und die Gutachter und Psychologen? Sie hatten zwar befürchtet, dass Michael S. in Freiheit Probleme haben würde. Dabei dachten sie aber an Drogenmissbrauch oder kleinere Delikte, nicht an ein drohendes Kapitalverbrechen. Letzten Endes stand auch hier am Ende des Prozesses nur eine Vermutung: Wirklich vorhersehbar sei die Tat nicht gewesen.

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