Ein Bestseller-Autor aus London lässt einen Mord in Schwerte passieren. Wo genau? Ben Aaronovitch hat schon einen Plan. Zumal er sich die Stadt mehrere Tage lang angeschaut hat.

Schwerte

, 01.10.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Daniel Dietrich weiß es noch nicht. Aber vermutlich wird er bald eine Figur in einer Geschichte von Bestseller-Autor Ben Aaronovitch sein. Die Figur wird sicherlich anders heißen und nicht eins-zu-eins die Person sein, die Aaronovitch in der Polizeiwache in Schwerte kennengelernt hat. Der junge Polizeibeamte hat den Londoner Krimi-Autor beeindruckt.

„I‘m sure that young police officer is gonna be in there“, sagt Aaronovitch eine halbe Stunde nach dem Besuch der Schwerter Wache - Ich bin mir sicher, dass der junge Polizist drin sein wird.

Drin - in der Geschichte, die Aaronovitch für die „Mord am Hellweg“-Anthologie schreibt. Ein Coup, auf den die Macher besonders stolz sind. Der Schriftsteller, der mit seiner „Flüsse von London“-Reihe regelmäßig auf die ersten Plätze der Spiegel-Bestsellerliste schießt, dessen Geschichten über Peter Grant den Krimi mit einer Welt voller Magie und Mysteriösem verbinden - dieser Schriftsteller also steuert 3600 Wörter bei für das Festival 2020.

Erster Roman, der in Deutschland spielt, gerade erschienen

Kein Roman-Umfang ist das, eher die Länge einer Kurzgeschichte. Mindestens ein Mord muss passieren, er muss in Schwerte spielen, idealerweise auch aufgeklärt werden. Aaronovitch, dessen Bauchumfang ebenso beeindruckend ist wie seine tiefe, raue und doch immer schelmenhafte Stimme - Aaronovitch also sitzt im Restaurant der Rohrmeisterei und haut auf den Tisch: „Körper - Ermittlung - Festnahme“, für mehr sei da kein Platz.

Ein „big city boy“ sei er, ein Londoner eben. Deutschland sei allerdings - anders als seine englische Heimat - ein Land, das aus Kleinstädten bestehe. Das fasziniere ihn.

So sehr, dass seine neuesten Bücher nicht in London spielen, sondern eben in Deutschland. Am 20. September 2019 erschien „Der Oktober-Mann“. Darin ermittelt nicht Peter Grant, sondern Tobi Winter, ein Polizist aus Trier. Auch in diesem Roman stecken Elemente von Krimi und Fantasy.

Mord in Schwerte - Londoner Bestseller-Autor Ben Aaronovitch weiß schon, wo er passiert

So sieht die Ausnüchterungszelle aus: Ben Aaronovitch will es ebenso wissen wie Übersetzerin Andrea Reinecke und Rohrmeisterei-Chef Tobias Becker. © Bernd Paulitschke

Mord bei Regen in der „Amsel“? Tatsächlich?

Und wer ermittelt dann in Schwerte? Tobi Winter oder doch Daniel Dietrich? Vielleicht mische er die Figuren auch, deutet Aaronovitch an. Mehr soll er eigentlich nicht verraten: Bitte nicht vorab schon den Plot preisgeben, sagt Sigrun Krauß beim Pressegespräch, eine der Organisatorinnen von „Mord am Hellweg“.

Doch Aaronovitch lässt schon einmal alle an seinen Überlegungen teilhaben: Die Kleingartenanlage „Amsel“ könnte Tatort werden - und die ganze Geschichte werde am besten nur an einem Ort spielen. „Das spart 500 Wörter“, kommentiert das Andrea Reinecke schmunzelnd. Mehrere Tage führt die Mitarbeiterin des Schwerter Kulturbüros den Londoner Autor durch die Stadt - auch als Übersetzerin.

Aaronovitch lächelt: Genau, das spart Wörter. „Und ich weiß nicht warum, aber es wird regnen in der Geschichte.“

Die Kleidung ist schon da - jetzt kommt der Körper

Ziemlich konkret wirkt das alles. Könnte er sich sofort hinsetzen und schreiben? „Nein“, sagt Aaronovitch. Das sei doch nur das Setting: „Was ich jetzt habe, ist quasi die Kleidung. Aber jetzt muss ich sie mit einem Körper füllen. Also: Wer hat wen ermordet und warum?“

Wenn er zurück sei in London, werde er noch ein, zwei Wochen brauchen, um seinen nächsten Roman zu vervollständigen. Dann setze er sich an den Schwerte-Krimi. Kann ja nicht so lange dauern. „3600 Wörter - das sind zwei Tage Arbeit, na gut, drei...okay, für mich sind es wahrscheinlich fünf Tage.“

Mord in Schwerte - Londoner Bestseller-Autor Ben Aaronovitch weiß schon, wo er passiert

Immer ein bisschen schelmenhaft: Ben Aaronovitch bei seiner Recherche in der Wache. © Bernd Paulitschke

Was er über Schwerte wusste? Da ist Stau

Vor seinem Besuch wusste Aaronovitch nichts über Schwerte. Bekannte und Fans aus Deutschland konnten auch nicht viel besteuern, außer: Da ist Stau.

Nach mehreren Tagen in der Stadt schwärmt Aaronovitch regelrecht: Diese Lage der Stadt - auf der Grenze von Ruhrgebiet und Sauerland. „Und ihr habt eine schiefe Kirche! Und Kanuten!“

Welche Ausrüstung hat eigentlich ein Polizist dabei?

Wie viele Morde passieren eigentlich tatsächlich in Schwerte? Das wollte der Autor in der Polizeiwache von Daniel Dietrich und Jörg Przystow wissen. Gut, in diesem Jahr habe es einen gegeben, sagen sie, aber ansonsten? Vielleicht alle sieben Jahre einen oder so.

Dietrich steht in voller Montur vor Aaronovitch: hier die Waffe, da das Messer, hier die Weste, da noch dies, hier ein Stift, da noch das, alles sofort griffbereit. Was bei Aaronovitch hängen bleibt: „Ich glaube, sie müssen hier ihre Waffe eher einsetzen, um einem verletzten Tier den Gnadenschuss zu geben, als wenn sie Mörder jagen.“

Mord in Schwerte - Londoner Bestseller-Autor Ben Aaronovitch weiß schon, wo er passiert

Was ist wo im Polizeiauto? Auch das wollte der Autor wissen. © Bernd Paulitschke

Ben Aaronovitch lässt sich viele Details schildern

Was ist wo im Polizeiauto? Wie sind die Computersysteme zur Ermittlung aufgebaut? Was passiert am Rechner, was per Handschrift, wo laufen Telefongespräche und Funk-Anfragen auf? Wie kommen Festgenommene in die Ausnüchterungszelle und wie sieht die eigentlich aus? All diese Details müsse er ja wissen, damit er korrekt schreibe, erklärt der Autor aus London.

Aaronovitch schreibt viel mit. Was davon er tatsächlich in seine 3600 Wörter aufnimmt und wie viel Daniel Dietrich am Ende im Krimi-Ermittler steckt - das verrät er nicht. Das findet erst heraus, wer im Herbst 2020 die „Mord am Hellweg“-Anthologie liest. Oder wer dann in die Rohrmeisterei kommt. Dort sitzt Aaronovitch dann nicht mehr privat bei Kaffee und Kuchen, sondern zur Lesung.

Zehntes Festival

Das ist Mord am Hellweg 2020

Mord am Hellweg nennt sich Europas größtes Krimifestival. Es gibt Lesungen in den Städten. Zudem erscheint eine Anthologie, also ein Band mit Krimi-Geschichten mehrerer Autoren. 2020 - beim zehnten Festival - sind 23 Städte dabei. „Die Autoren können sich nicht bewerben - wir laden ein“, unterstreicht Sigrun Krauß, die zusammen mit Herbert Knorr die Festivalleitung innehat: „Mittlerweile sind über 500 literarische Morde passiert.“ Ben Aaronovitch war schon 2018 dabei - da ließ er einen Mord in Hagen passieren.
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