Klassische Märchen, so wie die der Gebrüder Grimm, sind mitunter ganz schön grausam. Soll man sie Kindern dennoch vorlesen? Natürlich! © picture alliance/dpa
Märchen

Mord und Totschlag in der Vorlesestunde – warum eigentlich nicht?

Beim Vorlesen von Märchen gilt: Nur Mut! Was brutal und gruselig wirkt, ist gar nicht so schlimm. Selbst Mord, Totschlag und Kannibalismus gehören dazu. Warum, haben uns Experten erklärt.

Der Abend ist da: Vorlesestunde. Welches Buch ist dran? Vielleicht die Geschichte von der Frau, die den Mord an ihrer Stieftochter plant und anschließend deren Innereien essen möchte.

Da rief sie einen Jäger und sprach: „Bring das Kind hinaus in den Wald. Du sollst es töten und mir Lunge und Leber zum Wahrzeichen mitbringen.“

Zu grausam? Dann vielleicht doch eher die Geschichte von der anderen Frau. Von der, die ihre Kinder im Wald aussetzen möchte, damit sie selbst mehr zu essen hat. Die nimmt den Tod ihres Nachwuchses immerhin nur billigend in Kauf.

„Wir wollen morgen in aller Frühe die Kinder hinaus in den Wald führen, wo er am dicksten ist. Da machen wir ihnen ein Feuer an und geben jedem noch ein Stückchen Brot, dann gehen wir an unsere Arbeit und lassen sie allein. Sie finden den Weg nicht wieder nach Haus, und wir sind sie los.“

Wobei in dieser Geschichte ja dann im weiteren Verlauf doch wieder eine Frau ganz anderen Kalibers auftaucht, und es dann um Kannibalismus geht. Die Entscheidung fällt nicht leicht. Schließlich sollen die Kinder ja noch einschlafen.

Die Alte hatte sich nur freundlich angestellt, sie war aber eine böse Hexe, die den Kindern auflauerte, und hatte das Brothäuslein bloß gebaut, um sie herbeizulocken. Wenn eins in ihre Gewalt kam, so machte sie es tot, kochte es und aß es, und das war ihr ein Festtag. Die Hexen haben rote Augen und können nicht weit sehen, aber sie haben eine feine Witterung wie die Tiere und merken’s, wenn Menschen herankommen.

Mord, Gefangenschaft, Tierquälerei: Kann man das vorlesen?

Mord und Mordversuch, Gefangenschaft und Kannibalismus, Tierquälerei und Kindesmisshandlung, Zwangsverheiratung und Folter: Das sind Motive aus Büchern, die man Kindern vorliest. Märchen. Das geht doch gar nicht, denkt man da. Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut Christian Lüdke hat zu Märchen eine eindeutige Meinung: „Immer wieder vorlesen, vorlesen, vorlesen“, sagt der 61-Jährige. Das habe er bei seinen Töchtern selbst auch getan. „Märchen bieten Auswege, Lösungen und Hoffnung.“

Aber Gretel merkte, was sie im Sinn hatte, und sprach: „Ich weiß nicht, wie ich’s machen soll; wie komm ich da hinein?“ – „Dumme Gans,“ sagte die Alte, „die Öffnung ist groß genug, siehst du wohl, ich könnte selbst hinein,“ krabbelte heran und steckte den Kopf in den Backofen. Da gab ihr Gretel einen Stoß, daß sie weit hineinfuhr, machte die eiserne Tür zu und schob den Riegel vor. Hu! Da fing sie an zu heulen, ganz grauselich; aber Gretel lief fort, und die gottlose Hexe mußte elendiglich verbrennen.

Zugegeben: Dieser Lösungsweg ist nicht wirklich gewaltfrei. Aber das macht nichts. Christian Lüdke sagt: Trotz des Grusels bieten gerade die klassischen Märchen der Gebrüder Grimm fast immer ein „Happy End“ an.

Da fingen sie an zu laufen, stürzten in die Stube hinein und fielen ihrem Vater um den Hals. Der Mann hatte keine frohe Stunde gehabt, seitdem er die Kinder im Walde gelassen hatte, die Frau aber war gestorben. Gretel schüttelte sein Schürzchen aus, daß die Perlen und Edelsteine in der Stube herumsprangen, und Hänsel warf eine Handvoll nach der andern aus seiner Tasche dazu. Da hatten alle Sorgen ein Ende, und sie lebten in lauter Freude zusammen.

Beim gemütlichen Kuscheln haben Kinder keine Angst vor Märchen. Und der gestiefelte Kater ist selbst schon etwas für die ganz Kleinen.
Beim gemütlichen Kuscheln haben Kinder keine Angst vor Märchen. Und der gestiefelte Kater ist selbst schon etwas für die ganz Kleinen. © Laouari (A) © Laouari (A)

Zudem komme es auf die Vorlesesituation an: Auf Mamas Schoß, beim Kuscheln unter der Decke, lassen sich auch gruselige Szenen ertragen. „Für ein Kind ist es wichtiger, wie es etwas erlebt und nicht, was es erlebt.“ Selbst traumatische Ereignisse oder Urängste wie das Verlassenwerden oder die Angst vor der Dunkelheit könne man so gefahrlos kennenlernen.

Urängste: Angst vor der Dunkelheit, vor dem Verlassenwerden

Christine Kranz ist Referentin für Leseförderung bei der Stiftung Lesen mit Sitz in Mainz. Auch sie sagt: „Ja, man sollte Kindern Märchen ,zumuten‘“ – und das aus ganz unterschiedlichen Gründen. Zunächst einmal seien Märchen klassisches Kulturgut und gehören zum Weltwissen.

„Viele Geschichten – auch ganz aktuelle Kinder- und Jugendbücher – spielen mit Märchenmotiven. Da sind Kinder, die Märchen nicht kennen, klar im Nachteil“, erklärt sie. Die Urängste, die Christian Lüdke erwähnt, spielen auch für Christine Kranz eine wichtige Rolle. „Märchen ermöglichen eine – gefahrlose – Auseinandersetzung mit Urängsten.“ Fragen und Ängsten müsse dabei Raum gegeben werden.

„Petit chaperon“, also „Rotkäppchen“: Die Erstausgabe der französischen Märchensammlung von Charles Perrault aus dem 17. Jahrhundert. Märchen gehören auch zum Kulturgut.
„Petit chaperon“, also „Rotkäppchen“: Die Erstausgabe der französischen Märchensammlung von Charles Perrault aus dem 17. Jahrhundert. Märchen gehören auch zum Kulturgut. © picture alliance / dpa © picture alliance / dpa

In einer kuscheligen Atmosphäre seien dann die gruseligen Märchen die beliebtesten. „Mir und meinen jüngeren Brüdern wurden Märchen von meinem Vater sehr früh regelmäßig vorgelesen“, erinnert sie sich. „Ich fand die Gänsemagd mit dem abgeschlagenen Pferdekopf faszinierend und wollte dieses Märchen immer wieder hören.“

In der Stadt war ein großes, finsteres Tor, wo sie Abends und Morgens mit den Gänsen durch musste. „Unter das finstere Tor möchte er dem Falada seinen Kopf hinnageln, dass sie ihn doch noch mehr als einmal sehen könnte.“ Also versprach das der Schindersknecht zu tun, hieb den Kopf ab, und nagelte ihn unter das finstere Tor fest. Des Morgens früh, als sie und Kürdchen unterm Tor hinaus trieben, sprach sie im Vorbeigehen:

O du Falada, da du hangest, da antwortete der Kopf:

O du Jungfer Königin, da du gangest,

wenn das deine Mutter wüsste,

ihr Herz tät ihr zerspringen.

Beim Vorlesen kann man herausfinden, was Kinder hören möchten

Wie hält man es mit der Grausamkeit im Märchen? „Diese Frage taucht immer wieder auf“, erklärt jemand, der sich bestens auskennt: Dr. Oliver Geister, Deutschlehrer am Gymnasium in Münster-Wolbeck und Lehrbeauftragter am Institut für Erziehungswissenschaften der Uni Münster.

Wer hat`s erfunden? Die Brüder Wilhelm (l) und Jacob Grimm haben fast auf der ganzen Welt mit ihren Märchen Spuren hinterlassen. In mehr als 160 Sprachen und Kulturdialekte wurden die Werke der Brüder Grimm übersetzt.
Wer hat’s erfunden? Die Brüder Wilhelm (l) und Jacob Grimm haben fast auf der ganzen Welt mit ihren Märchen Spuren hinterlassen. In mehr als 160 Sprachen und Kulturdialekte wurden die Werke der Brüder Grimm übersetzt. © picture alliance / dpa © picture alliance / dpa

Der zweifache Vater liebt vor allem den „grandiosen Ton, die wiederkehrenden, formelhaften Redewendungen. Diese Reime und Zaubersprüche haben eine große Anziehungskraft.“ Nicht alle Märchen seien für kleine Kinder geeignet. „Am besten findet man das beim Vorlesen heraus. Wenn man merkt, dass das Kind nicht mehr möchte, kann man ja aufhören.“

Bei älteren Kindern holt der Pädagoge die heftigeren Märchen heraus

Oliver Geister ist der Meinung, dass Kinder gut mit grausamen Szenen im Märchen fertig werden. „Mittlerweile sind die Kinder vieles gewohnt. Viele finden Märchen langweilig.“ Um auch Fünft- und Sechstklässler zurück zum Märchen zu locken, holt er dann auch schon mal die heftigeren Sachen heraus: „Fitchers Vogel“ zum Beispiel.

Endlich kam sie auch zu der verbotenen Thür, sie wollte vorüber gehen, aber die Neugierde ließ ihr keine Ruhe. Sie besah den Schlüssel, er sah aus wie ein anderer, sie steckte ihn ein und drehte ein wenig, da sprang die Thür auf. Aber was erblickte sie, als sie hinein trat: ein großes blutiges Becken stand in der Mitte, und darin lagen todte zerhauene Menschen: daneben stand ein Holzblock und ein blinkendes Beil lag darauf.

„Wenn ich meinen Schülern das vorlese, sind sie ganz fasziniert. Vor allem die Jungs. Und plötzlich sind Märchen nicht mehr uncool“, erklärt Oliver Geister.

Am Ende wird keine Person, sondern das Böse schlechthin besiegt

Jüngeren Kindern reicht der böse Wolf noch völlig aus. Besonders gefällt ihnen das gute Ende. Auch dafür hat Oliver Geister eine einfache Erklärung: Für Kinder werde am Ende mit der bösen Hexe oder dem Wolf keine Person oder ein Tier getötet, sondern „das Böse schlechthin wird vernichtet“. So kann das Gute zu seinem Recht kommen.

Oliver Geister, Christine Kranz und Christian Lüdke sind sich einig: Märchen gehören zum Vorleseritual unbedingt dazu. Auch die gruseligen. Oliver Geister sagt: „Das Märchen hat die Ängste nicht erfunden.“ Doch es thematisiert sie – und schafft Bewältigungsstrategien.

Über die Autorin
Redakteurin
Begegnungen mit interessanten Menschen und ganz nah dran sein an spannenden Geschichten: Das macht für mich Lokaljournalismus aus.
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Martina Niehaus

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