Hausaufgaben ganz im Zeichen der Wiener Klassik: Was ist eigentlich genau drin in so einer Mozartkugel? Und wer will das überhaupt wissen? Hauptsache es schmeckt! © Martina Niehaus
Homeschooling

Mozartkugeln und geni(t)ale Hausaufgaben „aus der Hölle“: Teil III

Am 31. Mai startet der Präsenzunterricht für alle. Es wäre zu schön. Denn eine Mathelehrerin ist an mir nicht verlorengegangen. Besser klappt es mit Musik. Und Bio läuft von ganz allein...

Neulich habe ich meinen alten Schultornister im Keller gefunden. Den von Scout mit blau und orange, wie ihn jeder in den Achtzigern hatte. Zugestaubt und voll mit alten Schulheften. Die meisten davon Klassenarbeiten. 38 Jahre nach Beginn meiner Schulkarriere habe ich es wieder mal schriftlich: In Mathe bin ich eine lausige Beraterin für Homeschooling-Kinder. Mit mir kann man nicht rechnen.

Deshalb freue ich mich wie verrückt auf die nächste Woche. Ja, die Jungs werden jammern, wenn sie um halb sieben aufstehen müssen anstatt um halb zehn. Ich werde auch müde sein und blinzelnd stapelweise Brote schmieren – aber das ist besser, als den ganzen Tag über Snacks zuzubereiten.

Und sie werden weg sein. Weg! Um viertel nach sieben spätestens. Mit ihren Mathebüchern, den Bioheften, den Englisch-Portfolios und ihren tausend Fragen. Die sie jetzt wieder den Menschen stellen können, die wissen, wie man sie vernünftig beantwortet. Hoffe ich jedenfalls.

Denn bei mir ist schnell Schluss mit der Geduld. Bei Textgleichungen zum Beispiel.

„Der Vater der Familie Schneider ist dreimal so alt wie sein Sohn. Die Tochter der Familie ist zwei Jahre älter als ihr Bruder. Die Mutter ist so alt wie ihre beiden Kinder zusammen. Alle zusammen sind 158 Jahre alt. Wie alt ist jeder einzelne?“

Hier bin ich mir mit meinem Sohn (der 30 Jahre jünger ist als seine Mutter, die in sechs Jahren 50 wird) überraschend einig: Das hat nichts mit der Realität zu tun. Welche Familie macht auf diese Weise ein Geheimnis aus ihrem Alter? Mit solchen Verrückten will man nichts zu tun haben – das ist das Einzige, was ich daraus lerne.

Ägyptische Hieroglyphen sind nichts gegen meine alten Mathearbeiten. Die immer in roter Tinte verschwanden.
Ägyptische Hieroglyphen sind nichts gegen meine alten Mathearbeiten. Die immer in roter Tinte verschwanden. © Martina Niehaus © Martina Niehaus

Nein, Mathe und die Schneiders sind nicht meins. Da helfe ich schon lieber dem Zwölfjährigen bei Musik. Der Musiklehrer hatte im Distanzunterricht Kinder und Eltern auf die Palme gebracht, weil er die Schüler reihenweise Lieder ins Notenheft abschreiben ließ. Mittlerweile ist der Mann etwas anspruchsvoller geworden – mein Sohn meint, es ginge gerade um Mozart. Klassisch, ist ja super.

„Fülle den Lückentext zur Mozartkugel aus. Halbiere vorsichtig eine Mozartkugel und beschrifte dann die Skizze mit dem Querschnitt. Klebe anschließend das Blatt mit der Überschrift ,Mozart für Leckermäuler‘ in dein Heft ein.“

Das ist echt süß. Am Ende weiß mein Sohn, dass die größte Mozartkugel der Welt 633 Kilo wog. So viel wie 32.000 Kugeln normaler Größe. Was wiegt dann eine Mozartkugel? Da bin ich schon fast wieder bei Mathe und Familie Schneider. Wer die Zauberflöte und den Don Giovanni komponiert hat, weiß der Junge leider immer noch nicht. Ist ja auch unwichtig. Vielleicht Paul Fürst, der Erfinder der Mozartkugel.

Grünes Marzipan oder Nussnougatcreme? Irgendwie geht es ja auch hier um Kompositionen. Geschmacklicher Art.
Grünes Marzipan oder Nussnougatcreme? Irgendwie geht es ja auch hier um Kompositionen. Geschmacklicher Art. © Martina Niehaus © Martina Niehaus

Nach so viel Nussnougatcreme und grünem Marzipan überlasse ich den Kleinen seinen Arbeitsblättern und der leeren Pralinenschachtel und sehe beim Großen nach. Der hat Familie Schneider inzwischen in den Papierkorb geworfen (richtig so!) und ist völlig vertieft in seine Bio-Hausaufgaben. Komisch, das ist selten.

„Zeichne die weiblichen und männlichen Geschlechtsorgane.“

Ich glaube, die Lehrer unserer Schule haben dieses Thema ganz absichtlich noch schnell vorverlegt. Die sind ja nicht auf den Kopf gefallen. Ersparen sich so das irre Gekicher von 30 pubertierenden Maskenträgern und erledigen die Fortpflanzung ratzfatz auf Distanz. Chapeau!

Wobei ich sagen muss: Anatomisch korrekt ist er schon. Die Maße entsprechen zwar eher dem Wunschdenken als der Realität, aber Hilfe beim Zeichnen braucht er diesmal nicht. Bei der Fortpflanzung der Stechmücke hatte ich noch mitzeichnen müssen. Gut zu wissen, dass Kinder selbstständiger werden. Einer Veröffentlichung der Zeichnung hat der Künstler übrigens nicht zugestimmt. Schade eigentlich.

Die alte Tonne riecht zwar etwas muffig, birgt aber ungeahnte Schätze.
Die alte Tonne riecht zwar etwas muffig, birgt aber ungeahnte Schätze. © Martina Niehaus © Martina Niehaus

Gut, dass wenigstens einer weiß, was er tut. Die nächste Anfrage kommt eine halbe Stunde später aus dem Zimmer des Sechstklässlers. Dort geht es um Religion im Allgemeinen, und um wichtige Etappen im Leben Jesu im Speziellen. Als kindgerechte Vorlage dient ein Tagebucheintrag von Maria.

„Wir sind immer noch in Bethlehem. Die Geburt von unserem kleinen Jesus ist nun schon acht Tage her und heute war wieder ein wichtiger Tag. Denn heute wurde Jesus beschnitten. Langsam hab ich genug von dem Stall und bin froh, wenn wir wieder daheim in Nazareth sind.“

Jetzt darf ich, Maria sei Dank, erklären, was genau ein Beschneidungsritual ist und wie das anatomisch so abläuft. Am liebsten würde ich den Experten von nebenan herüberholen, damit der eine anschauliche Zeichnung liefert.

Nachdem ich dem Zwölfjährigen mit religiösem und medizinischem Halbwissen erklärt habe, was der kleine Jesus im Alter von acht Tagen Schönes erlebt hat, kontrolliere ich noch schnell die Hausaufgaben in Gesellschaftslehre. Da geht es um das Leben im Mittelalter. Ob das die Zeit war, in der Mozart gelebt habe? Nein, mein Kind. Im Mittelalter gab es auch noch keine Mozartkugeln.

„Beschreibe die Unterschiede zwischen dem Leben auf dem Land und dem Leben in der Stadt im 11. Jahrhundert.“

Wie ich bei der Korrektur erfahre, war das Leben auf dem Land wegen der harten Arbeit sehr anstrengend, aber man hatte eine schönere Aussicht. Und es gab nicht so viele „Vieren“. Vermutlich hat der Junge an Coronaviren gedacht. Ich befürchte, wenn er so weitermacht, gibt es eine Vier in Deutsch.

Auf dem Land gab es nicht so viele Vieren. Das war schön.
Auf dem Land gab es nicht so viele Vieren. Das war schön. © Martina Niehaus © Martina Niehaus

Bevor ich an meinen Arbeitsplatz im Homeoffice flüchten kann, fragt mich der Große, ob ich ihm noch helfe, den Oberflächeninhalt eines Trapezes zu berechnen. Damit er ausrechnen kann, wie viele Dachpfannen ein Haus bekommt.

Dieses Mal muss ich passen. Ich vertröste ihn auf später (wenn der Papa Feierabend hat) und setze mich an die Arbeit. Wird auch Zeit, dass ich mich auf meine Artikel konzentriere. Es geht nämlich um Mathe – Inzidenzwerte und exponentielles Wachstum. Läuft bei mir.

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Über die Autorin
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Begegnungen mit interessanten Menschen und ganz nah dran sein an spannenden Geschichten: Das macht für mich Lokaljournalismus aus.
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Martina Niehaus

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