Nachdem ein Tankstellen-Mitarbeiter in Idar-Oberstein erschossen wurde, machen sich auch Schwerter Mitarbeiter Gedanken über die Tat - und ihren Arbeitsalltag. © Foto: Manuela Schwerte (A)
Idar-Oberstein

Nach Mord an Tankstelle: „Man glaubt nicht, wie viele uneinsichtig sind“

Ein Tankstellenkunde hat in Idar-Oberstein einen Aral-Mitarbeiter erschossen. Der hatte den Kunden zuvor ermahnt, eine Maske zu tragen. Wie gehen Tankstellenmitarbeiter in Schwerte damit um?

Der Mord an einem jungen Mann (20) in Idar-Oberstein in Rheinland-Pfalz beschäftigt auch Tankstellenleiter und Mitarbeiter in der Ruhrstadt. Der Student, der an einer Aral-Tankstelle gearbeitet hatte, hatte am Samstagabend einem Kunden nach einem Streit um die Maskenpflicht kein Bier verkauft. Daraufhin soll der 49-jährige Kunde den jungen Mann mit einem Schuss in den Kopf getötet haben.

Mitarbeiter haben der Familie kondoliert

Das Ereignis beschäftigt auch Tankstellen-Mitarbeiter in Schwerte. Wie zum Beispiel Phillipp Senneca. Der 28-Jährige arbeitet seit sieben Jahren an der Aral-Tankstelle an der Hörder Straße. Dort ist er stellvertretender Stationsleiter. Er sagt: „Alle Mitarbeiter reden darüber, diese Tat hat Aral tatsächlich schwer getroffen.“

Innerhalb des Unternehmens habe man sich sofort kontaktiert. „Das wurde in den Aral-Gruppen sofort publiziert. Wir alle haben der Familie kondoliert und unsere Unterstützung zugesichert“, sagt Senneca.

Dass bei der Tat ein Streit um die Maskenpflicht eskaliert ist, macht den Stationsleiter fassungslos – doch auch in Schwerte gebe es mitunter Konflikte mit der Kundschaft. „So ist es einfach. Viele Leute zeigen sich uneinsichtig. Das glaubt man nicht, wenn man es nicht gesehen hat.“

Warum ziert sich jemand, für zwei Minuten eine Maske zu tragen?

Der Stationsleiter kann nicht verstehen, warum sich jemand ziere, für zwei Minuten eine Maske anzulegen. „Letztlich dient es doch auch dem eigenen Schutz. Und wir Mitarbeiter müssen die Maske acht Stunden am Stück tragen.“

Trotzdem werde das Tankstellen-Personal auch weiter Kunden anhalten, ihre Maske zu tragen. Phillipp Senneca: „Daran hat sich nichts geändert. Wenn jemand versehentlich keine Maske dabei hat, verkaufen wir manchmal notgedrungen etwas über den Nachtschalter.“

Werde jemand aus irgendwelchen Gründen aggressiv, rufe man die Polizei. Doch diese Chance, glaubt der Stationsleiter, hätte der junge Kollege nicht gehabt. „Das war ja keine Tat im Affekt, der Mann ist gegangen und später mit der Waffe wiedergekommen. Das war ja nun geplant. Da hat niemand Zeit, die Polizei zu rufen.“

„Regel ist Regel, aber man muss die Kirche im Dorf lassen“

Auch an der Star-Tankstelle gibt es mitunter Diskussionen. Ein Mitarbeiter, der seinen Namen nicht nennen, möchte, erzählt: „Bei uns kommen öfter mal Kunden ohne Maske rein. Wir diskutieren dann, aber versuchen, deeskalierend zu bleiben. Richtigen Stress gibt es bei uns in Schwerte nicht.“

Manchmal gebe man Kunden, die ihre Maske vergessen hätten, auch kostenlos ein Exemplar an der Kasse heraus. „Wenn jemand wegen der Maske richtig Streit anfangen würde – ich weiß nicht, ob ich dem Kunden dann einfach nichts verkaufen würde“, sagt der Mitarbeiter. „Regel ist Regel, aber man muss die Kirche im Dorf lassen.“

Damit meine er aber nicht, dass der Tankstellen-Mitarbeiter in Idar-Oberstein übertrieben reagiert habe. „Ich glaube, der Täter hat schießen wollen. Das hätte an jeder Ecke passieren können, auch einem Busfahrer im Bus.“

„Wenn jemand getankt hat, kann ich ihn schlecht wegschicken“

Robert Rajan ist Stationsleiter der Access-Tankstelle an der Schützenstraße. „Wir hatten durchaus Befürchtungen, dass unsere Mitarbeiter jetzt beunruhigt sind“, erzählt der 37-Jährige. Doch obwohl man über den Fall spreche, habe niemand wirklich Angst. Auch Konflikte wegen der Maskenpflicht seien eher selten. „Wer seine Maske vergisst, bekommt eine von uns gratis. Und wir haben auch Kunden mit einer Befreiung aus medizinischen Gründen. Das sind unsere Stammkunden, da wissen wir dann auch Bescheid.“

In Schwerte seien die Kunden zum Großteil sehr verständnisvoll und hielten sich an die Regeln. „Das habe ich von Kollegen aus anderen Städten schon ganz anders gehört“, sagt Rajan. Trotzdem würde er auch jemanden bedienen, der keine Maske trägt. „Wenn der Mensch vorher getankt hat, muss er auch bezahlen. Was soll ich da machen? Ich kann ihn ja schlecht wegschicken.“

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Redakteurin
Begegnungen mit interessanten Menschen und ganz nah dran sein an spannenden Geschichten: Das macht für mich Lokaljournalismus aus.
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Martina Niehaus