Tagelang foltern mehrere Männer einen Arbeitskollegen (35) – das soll in einem Haus in Ergste passiert sein. Ein Nachbar spricht darüber, wie die Leiharbeiter aus Polen wohl gehaust haben.

Ergste

, 27.07.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wie konnte es dazu kommen? Drei Männer (22, 26 und 29) sollen in Schwerte-Ergste tagelang einen Arbeitskollegen (35) gequält haben: ihn gefesselt, geschlagen, angeblich sogar Zigaretten im Ohr ausgedrückt haben.

Es sind schwere Vorwürfe, die im Raum stehen gegen die Männer, die seit Dienstag und Mittwoch in Untersuchungshaft sitzen: erpresserischer Menschenraub, schwere Misshandlung und Geiselnahme.

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Von Samstag bis Dienstag soll der 35-Jährige körperlich extrem gelitten haben unter dem, was die anderen Männer ihm angetan haben sollen. Während Polizei und Staatsanwaltschaft noch ermitteln, lohnt es einen Blick zu werfen auf den Tatort.

Einfamilienhäuser – und dazwischen dieses Gebäude

Wer mit Nachbarn spricht, bekommt schnell einen Eindruck, wie es zugehen muss in dem Haus, das schon optisch aus dem Rahmen fällt. Die meisten Gebäude an diesem engen Teilstück der Straße Am Derkmannsstück sind Einfamilienhäuser, bürgerlich und schick. Das eine oder andere Haus in der Siedlung wirkt fast nobel.

Der Bungalow mittendrin ist schlicht und unscheinbar. Erst wer auf ein Satellitenbild schaut, merkt, wie groß das Haus nach hinten heraus noch wird.

Die Einfahrt zur kleinen Straße in Ergste. Etwa 300 Meter bergauf liegt das Haus, in dem es zu Folterungen gekommen sein soll.

Die Einfahrt zur kleinen Straße in Ergste. Etwa 300 Meter bergauf liegt das Haus, in dem es zu Folterungen gekommen sein soll. © Björn Althoff

Leiharbeiter aus Polen, alle vier Wochen neu

Platz, der stets gut gefüllt ist, wenn man den Schilderungen der Nachbarn glaubt: „Alle vier Wochen ungefähr ist eine völlig neue Mannschaft hier“, sagt ein Mann, der ein paar Häuser weiter wohnt, der genau deshalb seinen Namen lieber nicht geschrieben lesen möchte. Stattdessen sagt er, wen er über den Zeitraum immer wieder beobachtet habe: junge Leute, alle aus Polen, die meisten 20 Jahre jung, maximal etwas älter, immer wieder neue.

Zeitarbeiter seien das, früher eher Ostdeutsche, seit längerer Zeit aber Polen. „Die leben nicht nur hier“, sagt der Nachbar und zeigt auf den Bungalow, „sondern auch dort in diesem Haus.“

„Die müssen zu fünft in einem Zimmer gewesen sein“

Jeden Tag seien die Kleinbusse gekommen, mit etwa zehn Sitzplätzen: Zur Frühschicht, zur Spätschicht seien die wohl gekarrt worden. Der Nachbar nennt den Namen einer Firma aus der Region.

Einen Eindruck, wie voll es in den Häusern sein muss, habe er kurz vor Ostern bekommen: Da seien alle offenbar zurück nach Polen gefahren: „Wir haben uns gewundert, das hörte überhaupt nicht auf. Da kamen Leute aus dem Haus heraus, unglaublich. Die müssen – keine Ahnung – zu fünft in einem Zimmer gewesen sein, mindestens.“

In diesem Bungalow ist ein 34-jähriger Pole offenbar mehrere Tage lang gefoltert worden.

In diesem Bungalow ist ein 34-jähriger Pole offenbar mehrere Tage lang gefoltert worden. © Björn Althoff

Fast wie bei Tönnies? Was sagt die Stadt?

Dass so etwas überhaupt möglich sei, überhaupt erlaubt „in Zeiten von Corona“, wundert sich der Nachbar. An Tönnies habe er denken müssen, der Vergleich dränge sich doch auf.

Deshalb habe man auch die Stadt angerufen. Doch die Antwort sei nur gewesen: „Wenn die da wohnen, dann hat das doch alles seine Richtigkeit. Dann sind die auch ordnungsgemäß über die Grenze gekommen.“

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Neue Kollegen im Haus? Laute Fete bis nachts

Laut sei es gewesen: „Am Wochenende, wenn wieder eine neue Mannschaft kam, haben sie immer eine große Begrüßungsfete gefeiert.“ Oft bis spätnachts. Andere Nachbarn berichten von Lärm bis nachts um zwei, drei Uhr. Und dass das sogar jedes Wochenende passiert sei.

Am Samstag – also dem Tag, an dem die Folter im Haus offenbar begann – sei es auch laut gewesen. Er habe die Polizei gerufen, sagt der Nachbar. Gekommen sei das Ordnungsamt, denn das sei bei reiner Lärmbelästigung ja zuständig.

Nach dem zweiten Ordnungsamts-Besuch sei Ruhe gewesen. Ob die Party sich dann von woanders in den Bungalow verlagert habe? Was dann geschehen sei? Keine Ahnung, sagt der Nachbar.

Eine zweite Eingangstür zum Bungalow. Auch sie war eigentlich versiegelt. Spätestens seit Sonntagmorgen allerdings fehlte das amtliche Siegel.

Eine zweite Eingangstür zum Bungalow. Auch sie war eigentlich versiegelt. Spätestens seit Sonntagmorgen allerdings fehlte das amtliche Siegel. © Björn Althoff

Opfer im Krankenwagen, zwei Männer gefesselt abgeführt

„Und dann war Anfang der Woche zwei Mal die Polizei da“, fährt er fort. Ein Mann sei schwer verletzt in einem Krankenwagen weggebracht worden, heißt es von mehreren Anwohnern. Zwei Männer seien gefesselt abtransportiert worden.

Dass hier offenbar so ein schweres Verbrechen passiert sei – schon erschreckend, findet der Nachbar. Aber dass es generell „bei der Anzahl von jungen Leuten immer zu Konflikten kommt, wenn die auf engem Raum leben, kann man sich ja vorstellen.“

Bei 30 Deutschen im Haus „wär‘ genau das gleiche Theater“

Wobei das nichts mit der Herkunft zu tun habe, das sei ihm wichtig: „Wenn hier 30, 40 junge Deutsche wohnen würden, wär‘ genau das gleiche Theater. So sind die Leute wahrscheinlich ganz okay, im Großen und Ganzen.“

Geblieben sind offenbar nicht mehr viele der Männer. „Die waren am Samstag hier und haben alles herausgeholt aus der Wohnung“, sagt der Nachbar.

Eingangstür am Boden – plötzlich schießt ein Kleinbus herauf

Am Sonntagmorgen, so berichtet ein anderer Mann, seien alle Jalousien am Haus oben gewesen. Eine neu eingebaute Holztür sei noch verschlossen gewesen.

Am Nachmittag liegt diese Eingangstür auf dem Boden, die Jalousien sind unten. Erst ist das Haus komplett still, dann dringt doch leise Musik heraus.

Irgendwann schießt ein Kleinbus die enge Straße herauf, dem Tempo 10 zum Trotz – eine Frau am Steuer, zwei Männer im Fond. Erst fahren sie um die Ecke, dann parken sie doch rückwärts ein, gehen in das andere Haus, das der Nachbar meinte. Reden möchten sie nicht.

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