Polizist beleidigt, dann gefesselt worden – So ging es für den Radfahrer (70) weiter

rnZwischen Schwerte und Hagen

Ein Hinweis an den Polizisten, schnell ein Streit. Ein Radfahrer liegt fixiert am Boden. Später soll er vor Gericht. Was Norbert Brinkmann (70) in Ergste erlebte und was daran typisch ist.

Ergste

, 10.02.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es gibt zwei Versionen dieser Geschichte: eine offizielle von der Polizei und eine von Norbert Brinkmann, einem 70-jährigen passionierten Radfahrer. Geschehen ist das alles im Mai 2019 auf einer Landstraße zwischen Schwerte und Hagen, auf der Ruhrtalstraße in der Nähe der A45-Auffahrt Ergste. Immerhin darin sind sich alle einig.

Chaotisch sei es zugegangen, erinnert sich Brinkmann. Die Landstraße war nach einem Unfall gesperrt. Viele Lastwagen, die von der Autobahn abfahren wollten, kamen hier nicht mehr nach Hagen und versuchten die 180-Grad-Wende direkt zurück auf die A45.

Brinkmann kam aus Schwerte und wollte zurück nach Hause, nach Hagen. Er sah das Chaos, fuhr weiter bis zur anderen Seite, wo die Polizisten den Unfall aufnahmen. So weit ist alles noch unstrittig.

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Erst eine Beleidigung, dann die Reaktion der Polizei

Wäre es nicht besser, wenn die Polizei auch auf der anderen Seite sichern würde, da beim LKW-Chaos? Nein, das entscheide die Polizei immer noch selbst. Und jetzt solle er weiter, nicht mehr weiterdiskutieren, sondern sich „verpissen“. So zumindest rekonstruiert Brinkmann das Gespräch aus seiner Erinnerung.

Was er eingesteht: dass auch er beleidigend wurde. „Pisser“ habe er den Polizisten daraufhin genannt, er habe sich über das herablassende Verhalten einfach so aufgeregt.

Die Reaktion, zumindest in Brinkmanns Version der Geschichte: Der Polizist habe ihn vom Rad gerissen, Hände nach hinten, mit Handschellen fixiert, ein Fuß auf den Rücken. „Ich kam mir vor wie ein Schwerverbrecher.“ Noch ein Wort und dann Einzelzelle, sei die Drohung gewesen.

Ermittlungsverfahren eingestellt, aber 700 Euro Kosten

In der Pressemitteilung der Polizei hatte gestanden: Der Radfahrer „widersetzte sich körperlich einer Personalienfeststellung und musste kurzfristig gefesselt werden.“ Dem sei eine Beschwerde über die Sperrung voraus gegangen.

Ermittelt wurde also gegen: Norbert Brinkmann. Zumindest bis jetzt. Anfang Februar 2020 erhielt er Post von der Staatsanwaltschaft. Das Ermittlungsverfahren sei eingestellt. Trotz des Widerstands gegen die Beamten.

Keine Gerichtsverhandlung also, keine Anklage. Anlass zur Freude also? Schon, aber auf den 700 Euro Rechtsanwaltskosten bleibe er ja dennoch sitzen, unterstreicht Brinkmann.

Will er jetzt seinerseits gegen den Polizisten vorgehen? Nachgedacht darüber habe er schon, sagt der 70-Jährige. „Aber für mich ist das erledigt. Ich lasse die Sache lieber auf sich beruhen.“

Polizist beleidigt, dann gefesselt worden – So ging es für den Radfahrer (70) weiter

Thomas Feltes ist Seniorprofessor für Kriminologie an der Ruhr-Universität in Bochum. © Katja Marquard

Kriminologie-Professor: Das Problem steckt im System

„Das Wort ‚lieber‘ ist da ganz zentral“, sagt Professor Thomas Feltes. Viele Jahre lang hat sich der Kriminologe der Ruhr-Uni Bochum, der in Ergste wohnt, mit dem Thema Polizeigewalt beschäftigt. Er weiß: Wo die Interaktion zwischen Bürger und Polizei problematisch werde, wo es zu Streit oder sogar Gewalt-Vorwürfen komme, greife oft ein Mechanismus, der im System stecke.

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„Die Beamten fallen oft in einen Selbstschutzmechanismus“, erläutert Feltes. Sie seien diejenigen, die nach einer solchen Konfliktsituation den Bericht schreiben würden. Die also die Kontrolle über die Formulierungen hätten. Zudem, so Feltes weiter, gebe es genügend Fälle, in denen nachgewiesenermaßen „im Nachhinein die damaligen Aufzeichnungen noch etwas ergänzt“ würden.

Nächster Punkt: das gegenseitige Abhängigkeitsverhältnis zwischen Polizei und Staatsanwaltschaft. Letztere müsse sich darauf verlassen, dass die Polizei bei den Ermittlungen gute Vorarbeit leiste. „Die Polizei kann der Staatsanwaltschaft da das Leben ganz schön schwer machen.“

Dadurch und durch viele berufliche Kontakte würden Polizisten einen Vortrauensvorschuss genießen: „Staatsanwälte und auch Richter glauben eher Polizeibeamten als ‚normalen‘ Bürgern.“

Weltweit gefragter Experte

Das ist Professor Thomas Feltes

Professor Dr. Thomas Feltes war 10 Jahre lang Rektor der Hochschule der Polizei in Baden-Württemberg. 2002 wurde er zum Professor für Kriminologie, Kriminalpolitik und Polizeiwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum berufen. Diesen Lehrstuhl hatte er bis 2019 inne. Feltes ist seit 40 Jahren als Experte für nationale und internationale Organisationen, Regierungen und Institutionen tätig, darunter die Vereinten Nationen, Interpol und das FBI. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit sind Straftaten durch und gegen Polizeibeamte.
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