Der Schwerter Stadtpark bleibt für viele ein Ärgernis, vor allem die sogenannte Stadtparkszene. Wir sprachen mit Polizei, Sozialarbeitern, Nachbarn aber auch mit der Szene.

Schwerte

, 31.08.2018, 20:38 Uhr / Lesedauer: 7 min

Es war im September 2016, als die Ruhr Nachrichten Redaktion einen Tag im Stadtpark verbrachte. Damals trafen wir auf Tina, Andreas oder Bernd. Auf Menschen, die im Park ihre Zeit verbringen. Aber auch auf Nachbarn, Eltern der Grundschüler und Mitarbeiter. Damals stellte sich schnell raus, dass es drei unterschiedliche Szene-Gruppen im Park gab. Und grundsätzlich sei das immer noch so, bestätigt Sozialarbeiter Peter Blaschke.

Die Trinkerszene kommt aus Schwerte

Da gibt es eine Gruppe, in der Alkohol eine wichtige Rolle spielt. Zumeist sitzen sie auf den Bänken in der Nähe der Bahnhofstraße. Fast alle, die sich hier treffen, kommen aus Schwerte, wenige haben einen Job, aber einige sind auch schon im Rentenalter.

Methadon-Patienten von außerhalb

Auch die Methadon-Patienten, die sich meist im hinteren Bereich des Parks treffen, haben selten einen Job. Zu sehr sind sie mit ihrer Sucht beschäftigt. Viele kommen von außerhalb, oft weit aus dem Sauerland. Denn es gibt vor allem außerhalb der Großstädte nur wenige Praxen, die den legalen Ersatzstoff für Heroin ausgeben. Die Patienten reisen täglich aus dem Umkreis zur kontrollierten Einnahme an. Zu ihnen gehörten übrigens auch Andreas, Tina und Bernd, von denen wir jetzt nach zwei Jahren niemanden mehr im Stadtpark treffen. Was aus ihnen geworden ist? Schwer zu ermitteln. Die Gruppe hat wenig Zusammenhalt. Anders als die Schwerter kennen sich ihre Mitglieder oft nur vom Sehen.

Alufolien für Heroin

Die für Außenstehende am schwersten zu erreichende Gruppe besteht aus Menschen osteuropäischer Herkunft. Sie gingen uns vor zwei Jahren aus dem Weg. Warum  – das zeigte uns damals der Hausmeister der benachbarten Schule: Im Gebüsch lagen überall schwarz versengte Alufolien. Von denen wird Heroin geraucht.

Die Büsche vor dem Gebäude der ehemaligen Realschule am Stadtpark sind weg. Und mit ihnen auch die Alufolien. Das Gebüsch galt damals auch als Ersatztoilette und war immer wieder ein Ärgernis. Doch mit dem Verschwinden der Büsche wurde auch die Szene im Park noch sichtbarer.

Beim Streetfoodmarkt wird die Szene sichtbar

Erst recht dann, wenn der Streetfoodmarkt an jedem dritten Donnerstag im Monat dort seine Buden und Wagen aufbaut. Die Veranstaltung soll Publikum in den Park holen. Aber damit wird auch das soziale Problem, dass sich im Park zeigt, offenbar.

„Man muss natürlich auch sehen, dass es ein langer heißer Sommer war“, sagt Sozialarbeiter Michael Blaschke. Dadurch haben sich viele Leute lange im Freien aufgehalten. Auch die Mitglieder der sogenannten Stadtparkszene. Blaschke ist überzeugt, dass ohne die Sozialarbeit, die nach der Diskussion vor zwei Jahren eingeführt wurde, sich die Situation in vielen Bereichen entspannt habe.

Doch zwei Sozialarbeiter ohne großen Etat haben angesichts der Probleme, die dort herrschen, nur wenig Chancen. Zumal Schwerter und Auswärtige, Trinker und Drogenkranke, Junge und Alte total unterschiedliche Probleme haben.

„Denn auch die einzelnen Gruppen sind nicht homogen“, betont Blaschke. Immer wieder wechseln die Protagonisten. Dennoch glaubt der Sozialarbeiter, dass die Lösung des Problems in einem alternativen Treffpunkt außerhalb des Kernbereichs der City liegt. Hinter dem Bahnhof biete sich da die ehemalige Fruchtbörse an. Allerdings klappe das nur, wenn der Treffpunkt attraktiv genug ist.

Das sagen Angehörige der Szene selber:

Problemfall Stadtpark: Alkohol, Drogen und bislang keine Lösung

Von Obdachlosen bis zu Patienten des Methadonprogramms reicht die Szene in Stadtpark. © Mühlbauer

Vormittags um 10 Uhr sitzen bereits sechs Leute auf den Parkbänken entlang der Bahnhofstraße und trinken ihr Bier. Sie möchten weder namentlich genannt noch fotografiert werden. Sie wissen um das Misstrauen und die Vorwürfe aus der Bevölkerung, im Park würden Drogen verkauft.

„Die Polizei soll ruhig ihre Kontrollen machen. Die werden hier nichts finden. Wenn hier so viel gehandelt würde, dann müssten doch täglich Menschen festgenommen werden“, sagt eine 43-Jährige, die schon als Kind im Park unterwegs gewesen ist. Sie beteuert im Namen der Gruppe, nichts Illegales zu machen. Die anderen nicken.

„Wir treffen uns schon immer hier, um uns an der frischen Luft bei schönem Wetter zu unterhalten. Wir kennen uns ja auch untereinander. Viele sind hier geboren“, so die Schwerterin weiter.

Ein anderer ergänzt: „Ich treffe mich hier mit meinen Jungs, seitdem ich zwölf bin. Ist doch besser als an den Haltenstellen. Die Lage hier ist halt sehr zentral. Der Bahnhof und die Geschäfte sind in der Nähe, falls wir mal was brauchen.“

Wo soll man hin, wenn es keine Toiletten gibt?

Selbst im Winter seien sie im Park. Als Grund gibt einer an, dass sie sich nun mal keine vernünftigen Kneipen leisten könnten. Stattdessen trinken sie ihr Bier im Park. Ungefragt fügt er hinzu: „Wo sollen wir denn unser Geschäft verrichten, wenn es hier keine Toiletten gibt?“

„Manchmal schimpfen auch Leute beim Vorbeilaufen, weil keine Sitzplätze frei sind. Aber wir wären die letzen, die nicht aufstehen, wenn uns jemand höflich fragt.“

Die Probleme im Park möchten sie nicht ganz von der Hand weisen. „Das größte Theater machen Leute, die nicht in Schwerte wohnen. Die holen sich in Schwerte ihr Methadon.“ Gemeint ist die Hausarztpraxis in der Nähe, in der unter anderem Heroinsüchtige behandelt werden. Dort erhält man unter Auflagen Methadon als Ersatzstoff. Ziel der Behandlung ist es, die Drogensucht zu überwinden oder sie so im Zaum zu halten, dass man sich wieder an ein normales Leben annähern kann.

Aber auch die Leute von außerhalb dürfe man nicht alle über den Kamm scheren. Außerdem kämen abends auch Jugendliche, die hier Lärm machen. Das falle dann auch auf sie zurück.

Das sagen die Nachbarn:

Alkohol, Drogen und Lärm – darüber klagt die 76-jährige Nachbarin. Eigentlich würde sie so gerne frische Luft im Stadtpark genießen. Denn die Grünanlage liegt direkt vor der Tür des Mietshauses, in dem sie seit 25 Jahren wohnt. So schön sei es dort früher gewesen, berichtete die Schwerterin bei einem Besuch in der Lokalredaktion: „Das war Erholung pur.“

Stadtpark-Anwohnerin über Ruhestörungen und Drogenhandel: „Da muss etwas passieren“

Doch jetzt seien die Bänke den ganzen Tag über von Menschen blockiert, die sie der Trinker- oder Methadonszene zuordnet. Nicht einmal in ihrer Wohnung fand die Seniorin ihre Ruhe. In der Sommerhitze habe sie wegen des Lärms aus dem Stadtpark die Fenster nicht zum Lüften öffnen können, klagte sie. Denn bis tief in die nachtschlafenden Stunden hätten draußen die Gruppen zusammengesessen: „Diese Brüllerei!“ Es müsse endlich was passieren. Ältere Menschen trauten sich schon lange nicht mehr in die grüne Innenstadt-Oase.

Keine Angst kennt indes Christel Timmer. In einem Leserbrief berichtete sie, dass sie mehrmals in der Woche durch den Stadtpark gehe, um das Seniorenheim oder oder den Bahnhof zu besuchen. „Die Menschen, die dort auf den Bänken sitzen oder auf den Wegen stehen, sind immer sehr freundlich zur Seite getreten und bedanken sich für einen Gruß meinerseits“, schrieb sie. Und fragte: „Warum sollen sie dort nicht sein dürfen?“

Das sagt die Polizei:

Problemfall Stadtpark: Alkohol, Drogen und bislang keine Lösung

Alufolien zum Heroinkonsum lagen früher immer an der Wand zu Schule am Stadtpark. © Foto: Bernd Paulitschke

Aus polizeilicher Sicht betrachtet hat sich an der Lage im Stadtpark wenig verändert. „Es ist nicht so, dass es mehr Beschwerden oder gar Einsätze gebe, so Polizeisprecher Thomas Röwekamp. „Natürlich sitzen die Leute da und ich kann auch das Unwohlsein der Passanten nachvollziehen“, so Röwekamp. Die Polizei ist aber erst dann zuständig, wenn Straftaten verübt werden oder Menschen massiv belästigt werden. Wenn die Menschen da nur sitzen und trinken, ist das kein Fall für die Polizei.

Keine größeren Delikte ermittelt

Als die Sache vor zwei Jahren schon einmal hochkochte, sei man vermehrt Streife im Park gegangen, habe aber auch damals keine größeren Delikte ermitteln können. „Wenn es die Kapazitäten zulassen, schicken wir Beamte in Zivil in den Park“, so Röwekamp. Die kennen die Szene.

Was passiert überhaupt strafrechtlich im Stadtpark? Drogendelikte, Körperverletzungen der Szenebeteiligten untereinander und Diebstähle verzeichnet die Polizei. Wobei die meisten Delikte von Mitgliedern der Szene an Mitgliedern der Szene verübt werden. Schwerte ist mit diesem Problem nicht alleine. In Unna ist es der Kurpark, in Kamen der Marktplatz. „In Städten dieser Größe gibt es eine Trinkerszene, in der man sich untereinander kennt und auch verabredet“, so Röwekamp. Und grundsätzlich haben die ja auch das Recht, sich dort zu treffen. Bei groben Belästigungen oder Ruhestörungen kann die Polizei einen Platzverweis aussprechen. Eine dauerhafte Lösung sie das aber nicht. Der Stadtpark ist auch Dauerthema der Ordnungspartnerschaft von Stadt und Polizei.

Das sagen die Geschäftsleute

Bernhard Druffel vertritt als Sprecher der Interessen- und Standortgemeinschaft Bahnhofstraße die Hausbesitzer und Gewerbetreibenden. Für viele von ihnen ist die Situation besonders ärgerlich, weil sie Kunden abschreckt. „Ich habe mittlerweile schon gehört, dass Menschen von außerhalb Schwertes hierhin kommen, um zu trinken, weil es so schön ist“, berichtet er.

Dennoch glaubt er nicht, dass ein Alkoholverbot, wie es der stellvertretende Bürgermeister Jürgen Paul fordert, etwas hilft. „Das hat auch schon in anderen Städten nicht funktioniert.“ Große Hoffnung hatte die ISG in die Aufwertung des Stadtparks gesetzt. „Das Projekt scheint vorerst gestoppt“, so Druffel.

Park sollte doch eigentlich heller werden

Problemfall Stadtpark: Alkohol, Drogen und bislang keine Lösung

Vor der Umgestaltung zum Stadtpark war das Areal der Friedhof der Ruhrstadt. © Foto: Ruhrtalmuseum

Die ursprünglichen Pläne, die Stadtplaner Adrian Mork vorgelegt hatte, sahen vor, dass der Spielplatz von der Beckestraße zur Bahnhofstraße verlegt würde. Außerdem sollten dort noch Attraktionen für ältere Menschen gebaut werden. Und es sollten einige Bäume fallen und den Park insgesamt heller erscheinen lassen.

Im Moment sei dieses Verfahren aber auf Eis gelegt, bis die Diskussion um die Anliegerbeiträge beendet sei. Denn der Park gehört nicht der Stadt, sondern als ehemaliger Friedhof den beiden Kirchen, die ihn der Allgemeinheit überlassen.

Zu den Wartehäuschen verlagert

Die Interessengemeinschaft Bahnhofstraße plädiert genau wie die Sozialarbeiter des VSI für eine Verlagerung der Szene in die ehemalige Güterhalle. „Da würden wir uns auch einbringen“, so Druffel.

Besonders problematisch sei die Kombination mit der neuen Haltestelle. Damit hat sich die Szene aus dem Park nach vorne verlagert, zumal man in den neuen schönen Wartehäuschen auch Schutz vor Regen hat“, so Druffel. Man habe die Streetworker eingeschaltet, doch aus der Sicht der Geschäftsleute bewege sich dort wenig.

Das sagt der Sozialarbeiter´

Peter Blaschke ist beim Verein für Soziale Integrationshilfen (VSI) als Sozialarbeiter tätig. Er kennt die Szene seit Jahren und warnt vor Pauschalisierungen und einfachen Lösungen. „Die Situation ist kompliziert“, so Blaschke. Betrachte man das alles nur ordnungsrechtlich, würde man im Stadtpark im vergangenen Jahr nur zwei maßgebliche Polizeieinsätze verzeichnen. „Im Frühsommer gab es zwei massive Ruhestörungen, wobei eine von jemandem begangen wurde, der nicht zur Szene gehört.“

Keine homogene Szene im Stadtpark

Dabei müsse man zunächst einmal feststellen, dass es sich im Stadtpark nicht um eine homogene Szene handele. „Es gibt dort drei Gruppen mit wechselnden Beteiligungen“, so Blaschke. Dazu gehört ein Gruppe Schwerter, die sich hier zum Alkoholtrinken treffen, eine Gruppe von Patienten, die am Methadon Projekt teilnehmen und eine Gruppe Menschen osteuropäischer Herkunft.

Niemand dieser Menschen wohne wirklich im Stadtpark. Sie nutzen den Park vom späten Mittag bis zum frühen Abend. Danach träfen sich dort normalerweise andere Menschen. „Ich habe vollstes Verständnis für Anwohner, die sich da gestört fühlen“, so Blaschke. Und wenn es da Straftaten oder Ordnungswidrigkeiten gebe, sei er auch dafür, durchzugreifen. „Aber diese Menschen gehören nun mal auch zu unserer Gesellschaft.“ Und man dürfe sie auch nicht alle über einen Kamm scheren. In diesem Zusammenhang habe ihn das Bild mit der Wäscheleine besonders geärgert. In diesem Fall habe es sich um einen verwirrten Menschen gehandelt, den seine Kollegen dann auch in die Psychiatrie begleitet hätten. Der steht jetzt aber für die Szene im Stadtpark.

Wäscheleine war ein Ausnahmefall

Natürlich falle so eine Gruppe auch deshalb auf, weil sie durch den heißen Sommer und die neue bauliche Situation plötzlich deutlich sichtbar geworden sei. „Meine Kollegen werben auch immer innerhalb der Gruppe dafür, weiter nach hinten in den Stadtpark zu gehen.“ Das klappe manchmal, aber eben nicht immer. Fakt sei aber auch, dass selten wirklich alle Bänke besetzt seien.

„Ich kann verstehen, dass bei Passanten ein unwohles Gefühl aufkommt, wenn die Szene dort in einer Gruppe zusammensteht. Aber dass tatsächlich jemand auch nur verbal angegangen worden sei, käme kaum vor. Zumindest dann nicht, wenn die Passanten nicht massiv gepöbelt hätten.

Lösung liegt an der Röttger-Rath-Straße

Die Sozialarbeiter seien oft vor Ort und im Einsatz. Nicht nur in Gesprächen oder bei Projekten. Sie begleiten auch Menschen zur Entgiftung oder zum Haftantritt, wenn eine Ladung vorliegt. „Ich bin der Überzeugung, dass deren Arbeit für deutliche Entspannung im Park gesorgt hat“, betont Blaschke. Eine wirkliche Lösung sei ein Treffpunkt für die Szene, außerhalb. Denn im Innenstadtbereich, gebe es überall Anwohner. Dabei hofft der VSI immer noch auf die ehemalige Fruchtbörse an der Margoth-Röttger-Rath-Straße. Denn der Treffpunkt müsse attraktiv genug sein, um mit dem Stadtpark zu konkurrieren. Der Rathauskeller sei dagegen nur eine Übergangslösung. Ohne einen geeigneten Außenbereich und mit dem Charme ehemaliger Zellen tauge er nur als Schlechtwetterlösung.

Dass die Szene durchaus auch ansprechbar sei, habe man bei verschiedenen Aktionen, von der Weihnachtsfeier bis zum Grillen erfahren. „Die rollen dir quasi den roten Teppich aus, wenn du sie ernst nimmst und etwas für sie tust.“

Auch Thema der Ratspolitik

Die CDU-Fraktion im Generationenausschuss lädt Anwohner, Gewerbetreibende und interessierte Bürger für Montag, 3. September, zu einer offenen Bürgersprechstunde in den Stadtpark ein. Bianca Dausend hat auch die für den Stadtpark zuständigen Streetworker sowie Vertreter der Stadtverwaltung dazu gebeten. „Offen und ohne Scheu“ sollen Bürger mit den Lokalpolitikern um 17 Uhr ins Gespräch kommen über die Lage im Stadtpark. Treffpunkt ist der Eingang zum Park an der Bahnhofstraße. Auch im Ausschuss selbst am 13. September steht das Thema auf der Tagesordnung. Danach soll laut Bürgermeister Dimitrios Axourgos die vor zwei Jahren ins Leben gerufene Projektgruppe wieder tagen.
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