Hauen, schubsen, treten, beschimpfen: Schon unter Erstklässlern geht es ruppig zu. An der OGS Villigst lernen die Kinder gewaltfreie Konfliktlösungen - und eigene Grenzen kennen.

Villigst

, 18.03.2019 / Lesedauer: 4 min

Klar, wissen die Erstklässler, was Gewalt ist: hauen, beißen, boxen, treten, schubsen. Die Wörter kommen wie aus der Pistole geschossen, als die Kinder im Kreis hocken und erzählen, welche Arten von Gewalt sie kennen. Gefragt hat Sina Brakmann, Mitarbeiterin des Offenen Ganztags (OGS) und Erzieherin im Anerkennungsjahr. Sie realisiert an der OGS ein Deeskalations-Projekt, bei dessen Premiere zehn Ganztagskinder etwa drei Wochen lang zweimal wöchentlich lernen sollen, Konflikte angemessen zu lösen.

Liam weiß, dass Beleidigungen „im Herzen verletzen“

Noch etwas ungelenk schreiben die Erstklässler die Gewalt-Wörter auf ein Plakat - “Ferstekenundaufeinenstürzen“ inklusive. Als Sina Brakmann nachfragt, ob die Kinder sich auch andere Formen von Gewalt vorstellen können, fällt schnell das Wort Beleidigung. Viele sind schon mal beleidigt worden und zumindest alle Jungs geben zu, selbst schon mal beleidigt zu haben.

Wie man sich dann fühlt, möchte Sina Brakmann wissen. Da müssen sie auch nicht lange überlegen: Die Antworten „Man fühlt sich blöd“, „Das tut überall weh“, „Damit verletzt man einen im Herzen“ zeigen, dass die Erstklässler sehr genau wissen, wovon gerade die Rede ist.

Schon Schwerter Grundschüler wissen: Mit Beleidigungen „verletzt man andere im Herzen“

Nachdenkliche Jungs sprechen mit Sina Brakmann über Gewalt. © Berkenbusch

Und so gibt Lenn zwar ehrlich, aber auch ein wenig verschämt zu, dass er zu Hause durchaus schon mal seine Schwester beleidige. Das Repertoire der Schimpfwörter, das vor allem die Jungs preisgeben, kann durchaus mit dem von Teenagern und Erwachsenen mithalten und soll an dieser Stelle nicht zitiert werden.

Obwohl die Schimpfwörter verletzen, lachen die Kinder, wenn sie sie aussprechen. Als Sina Brakmann sie darauf anspricht, reagieren sie verlegen. Sie wissen sehr wohl, dass „A-loch“ und andere Beschimpfungen eigentlich nicht witzig sind. Zumal sie es ja überhaupt nicht witzig finden, von anderen beleidigt zu werden.

Manchmal muss man sich einfach aus dem Weg gehen

Er habe sich auch schon mal Hilfe bei einer Lehrkraft geholt, berichtet Till. Statt zurückzuschlagen. Die habe ihm dann geraten, seinem Kontrahenten einfach mal eine Zeitlang aus dem Weg zu gehen. Das habe funktioniert. Sina Brakmann würde ihren Schützlingen wohl eher empfehlen, den Konflikt aktiv zu lösen.

Grenzen zeigen, Handgreiflichkeiten vermeiden, das ist ihr Ziel, das gut passt in das Konzept der Villigster OGS, wo zum Beispiel das soziale Kompetenztraining „Mut tut gut“ auf dem Programm steht.

OGS-Leiterin Petra Müller-Kramer sieht im Deeskalationsprojekt und sozialen Kompetenztraining nicht nur Vorteile für den Betrieb in Schule und OGS. Sie erkennt darin eine Aufgabe von gesamtgesellschaftlicher Relevanz. „Viele Kinder haben keine Geschwister und deshalb in ihrem häuslichen Umfeld kaum Erfahrung mit Konfliktlösungen auf Augenhöhe“, erklärt die erfahrene Pädagogin. In der OGS sollen sie lernen, mit Konflikten angemessen umzugehen. Dabei spielt die Schuldfrage eher selten eine Rolle.

Dabei gehe es längst nicht immer um körperliche Gewalt und längt nicht immer nur um Jungen, berichten die Frauen. „Mädchen können subtil brutal miteinander umgehen“, weiß Sina Brakhagen, „und tiefgründig verletzend sein.“

Petra Müller-Kramer: „Wir fragen nach Streitanteilen, wir wollen keine Gewinner und Verlierer markieren.“ Den Kindern sei es durchaus möglich, die eigenen Anteile am Konflikt zu erkennen. Gemeinsam mit den Pädagogen oder ausgebildeten Streitschlichtern aus den vierten Klassen werde dann nach einer Lösung gesucht. Wöchentlich müssen die Streithähne eine gewissen Zeit lang berichten, ob ihre „Friedensvereinbarung“ funktioniert.

Streit auf dem Pausenhof belastet auch den Unterrichtet

Tut sie das, profitiert in der Regel auch die Schule, denn Streit in den Pausen belastet den Unterricht. Sina Brakmann: „Die Kinder kommen oft dermaßen konfliktbeladen aus Pausensituationen, dass sie schlecht lernen können und die Lehrkräfte erstmal einige Zeit brauchen, um die Situation zu klären und den Unterricht wieder zu sortieren.“ Dabei sei die Schule selbst auch ein Stress-Faktor für die Kinder. Petra Müller-Kramer: „In den Ferien sind unsere OGS-Kinder wesentlich entspannter.“

Das Deeskalationsprojekt von Sina Brakmann soll dazu beitragen, dass sich auch die Schulzeit stressfreier gestaltet. „Was sind meine Tabuzonen?“ lautet deshalb eine Frage, die die zehn Projektteilnehmer beantworten sollen. Auf einer Skala von 1 bis 6 durften die Mädchen und Jungen bestimmen, an welchen Körperregionen Berührungen für sie in Ordnung sind.

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Das Körperbild half bei der Auswahl der Tabuzonen. © Berkenbusch

Bei den Tabuzonen sind die Kinder sich einig

Gesicht, Geschlechtsteile, Po - „das geht gar nicht“, waren sich Mädchen und Jungen einig. Während Sina Brakmann ihnen klarmachte, dass man bei anderen möglichst vermeiden soll, was man selbst auch nicht will, zanken Leonas und Phil um den Platz auf dem Bau-Teppich. Leise, aber mit deutlichem Körpereinsatz.

Sina Brakmann hat‘s gesehen und fragt gleich nach: „Hättet Ihr das nicht anders regeln können?“ Phil muss nicht lange nachdenken: „Ich hätte fragen können, ob er ein Stück rückt.“ Leonas nickt. Nicht so einfach, aus gewohnten Verhaltensweisen auszubrechen, auch für Erstklässler.

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