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„Wir haben alle Rotz und Wasser geheult.“ Marcel Martens aus Schwerte hat Neven Subotic auf Brunnenbau-Reise nach Äthiopien begleitet. Hier erklärt er, warum er ein „Arschbomben-Typ“ ist.

Schwerte

, 27.06.2019 / Lesedauer: 5 min

Wie die Reise war? Die Antwort hat man schon, bevor Marcel Martens redet. Ein Blick in dieses Gesicht reicht. Die Fältchen rund um die Augen des 40-Jährigen zeigen, wie müde der Extremsportler aus Schwerte ist. Wie groß die Anstrengungen auch körperlich gewesen sein müssen in zehn Tagen Äthiopien.

Aber dieser Blick! Dieses Strahlen aus den Augen. Dazu die Mundwinkel: immer oben, wie festgetackert. „Das Grinsen musste man uns allen aus dem Gesicht prügeln“, sagt er und lacht. Martens war einer von zehn Unterstützern, die im Juni 2019 mit Neven Subotic und seiner Stiftung nach Äthiopien reisen durften.

Und die innerhalb weniger Tage sahen, was Wasser aus den Menschen, aus den Dörfern, aus der ganzen armen Tigray-Region im Norden Äthiopiens macht.

Schwerter begleitete Neven Subotic nach Äthiopien - „Haben alle Rotz und Wasser geheult“

Gemeinsam für Äthiopien: Marcel Martens und Fußballprofi Neven Subotic. © Patrick Temme & Philipp Nolte - N2S Media Team

Erst ein Besuch in einem Dorf, in dem die Menschen das ganze Jahr über aus den Resten der Regenzeit schöpfen. Dann dabei sein bei einer Bohrung - in dem Moment, in dem zum allerersten Mal sauberes Wasser aus dem tiefen Boden sprudelt. Schließlich zu Gast in einer Schule, die seit Jahren Brunnen hat. In der es nicht nur Wasser gibt, sondern ganz deutlich auch Bildung, Hoffnung, Zukunft.

„Darin würden wir nicht einmal unser Fahrrad waschen“

Doch zurück zu Station 1, zum Dorf ohne Brunnen: „Dort graben die Menschen im Boden eine kleine Mini-Kuhle“, erinnert sich Martens: „Das Wasser sieht von Speißbecher zu Speißbecher immer sauberer aus. Erst ist es milchig bis pottendreckig, später wird es klarer, denn das Kiesgestein drumherum ist wie ein Filtersystem.“

Schwerter begleitete Neven Subotic nach Äthiopien - „Haben alle Rotz und Wasser geheult“

Wasser, das nicht aus dem Brunnen kommt. So sieht der Alltag in vielen Bereichen Äthiopiens aus. © Patrick Temme & Philipp Nolte - N2S Media Team

Doch auch klares Wasser ist nicht sauber, weiß Martens: „Es ist zweieinhalb Meter entfernt von der anderen Wasserstelle, in die ein Esel pinkelt, aus der dann eine Kuh trinkt...man kann sich vorstellen, wie die Qualität ist. Da werden Bakterienbelastungen sein, darin würden wir nicht einmal unser Fahrrad waschen. Und da trinken das die Kinder ab dem siebten Lebensmonat.“

Selbst der Weg zu diesem Wasser ist lang und hart: zwei Kilometer durch die Hitze, dabei einen 25-Liter-Kanister auf der Schulter oder dem Kopf. „Eine Mutter sagte uns, sie bräuchte nur für die Wasserversorgung jeden Tag fünf Stunden.“

„Wie ein Fassanstich“ - Das allererste saubere Wasser im Leben

In einigen Wochen ist das vorbei. Dann bekommt auch dieses Dorf einen Brunnen. Und erlebt einen Moment wie bei Station 2 der Reise: wenn das Wasser erstmals aus dem Boden sprudelt.

Schwerter begleitete Neven Subotic nach Äthiopien - „Haben alle Rotz und Wasser geheult“

Und plötzlich sprudelt Wasser aus dem Boden. Dorfbewohner und Gäste staunten und jubelten. © Patrick Temme & Philipp Nolte - N2S Media Team

48 Stunden Bohrung am Stück lagen da hinter den Bauarbeitern - bis sie in 55 Metern Tiefe auf Grundwasser stießen. „Es war fast wie ein Fassanstich“, sagt Martens. „Da war eine Frau, die hat ihr Kind in die Fluten gehalten, das sah aus wie eine Taufe. Dann habe ich mich mit einem Speiß-Eimer in die Fontäne gestellt, damit etwas nach unten läuft und damit die Dorfbewohner etwas abgreifen können. Ich habe ihnen Becher gereicht - und die haben zum ersten Mal im Leben Wasser getrunken, also sauberes, kaltes Wasser. Die Gesichter waren der Hammer.“

Wie soll man dieses Gefühl beschreiben? Martens überlegt. Fast so wie bei der Geburt der eigenen Kinder. Ja, das komme dem am nächsten: „Wir haben alle Rotz und Wasser geheult: die zehn Unterstützer, das Media-Team, die Mitarbeiter der Stiftung. Alle lagen sich heulend in den Armen - so als hätten wir gerade das erste Mal Wasser gesehen.“

Schwerter begleitete Neven Subotic nach Äthiopien - „Haben alle Rotz und Wasser geheult“

Der allererste Schluck sauberes Wasser im Leben: Marcel Martens reichte ihn an. © Patrick Temme & Philipp Nolte - N2S Media Team

Wer 10.000 Euro sammelt, finanziert umgerechnet einen Brunnen

Rund 12.000 Euro Spenden hat Martens bisher gesammelt - in insgesamt drei Aktionen, die letzte lief bis Mitte Juni, bis kurz nach seiner Rückkehr aus Äthiopien. Umgerechnet bedeutet das, dass Martens damit das Geld für einen kompletten Brunnen zusammenbekommen hat, „dass also 500 Menschen dadurch Zugang zu sauberem Wasser haben.“

Die Augen strahlen, Martens grinst immer noch: „Ich habe viel getanzt, geklatscht, hab mich immer mitreißen lassen, überall. Die Gruppe war wohl auch froh, dass ich so ein Arschbomben-Typ war, der direkt immer den Weg in die Menge gesucht hat. Das war auch völlig unbewusst und ungeplant, aber es fühlte sich einfach nur komplett richtig an. Ich hatte keine Lust Distanz aufzubauen. Ich bin immer mitten in den Pulk hinein, habe alle umarmt, hab High-Five gespielt mit den Kindern, es war herrlich.“

Der Junge, der zur Schule geht und Pilot werden will

So hob er denn bei Station 3 der Reise auch Tesfaye hoch. Der Schuljunge symbolisiert wie kaum ein anderer, dass sauberes Wasser im nächsten Schritt auch Bildung mit sich bringt. Oder anders herum: Nur wo die Mütter nicht mehr fünf Stunden pro Tag Wasser holen müssen, kann der Nachwuchs überhaupt eine Schule besuchen, statt die kleinen Geschwister zu hüten.

„Tesfaye geht jetzt in die achte Klasse, bald in die neunte und will Pilot werden und in Addis Abeba studieren. Da weißt du, dass du so viel richtig gemacht hast, hier zu unterstützen.“

Schwerter begleitete Neven Subotic nach Äthiopien - „Haben alle Rotz und Wasser geheult“

Marcel Martens hebt den Schuljungen Tesfaye in die Luft. Der will später einmal studieren und Pilot werden. Ohne sauberes Wasser wäre all das nicht möglich. © Patrick Temme & Philipp Nolte - N2S Media Team

Drei Jahre ist es her, dass das Media-Team der Stiftung Fotos vom Dorf machte, natürlich Polaroids, damit sie direkt dort bleiben konnten. „Und dieses Jahr steht Tesfaye da mit einem Megafon wie ein Vorredner des Dorfes und sagt stolz: ‚Ich habe das Foto immer noch.‘ Dann legt er das Polaroid da hin, das war drei Jahre alt. Daran war keine Macke, es war nicht vergilbt, verblichen, gar nichts. Das sah aus, als hätte er das gestern im dm abgeholt. So stolz war er auf dieses Foto.“

Um Nachhaltigkeit gehe es, unterstreicht Martens - nicht darum, einmal einen Brunnen zu installieren und dann weiterzuziehen. Das sei auch Neven Subotic ganz wichtig. Stetige kleine Verbesserungen: geruchsärmere Latrinen an der Schule, getrennte für Mädchen und Jungen. Oder bald Pumpen, die der Herstellerfirma automatisch melden, wenn Teile gewechselt werden müssten.

Mehr Bildung, mehr Hygiene, weniger Krankheiten, eine höhere Lebenserwartung - der Zugang zu sauberem Wasser bringt laut Daten von Unicef alles mit sich. Doch 2,1 Milliarden Menschen weltweit hätten keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser - Tendenz durch den Klimawandel steigend.

Äthiopien sei ein wunderschönes Land, schwärmt Martens: „Es lässt sich vergleichen mit dem Outback in Australien oder der Sierra Nevada. Und die Menschen da sind tatsächlich glücklich, vielleicht sogar glücklicher als wir. Vielleicht weil wir uns mit viel mehr Nebensächlichkeiten befassen.“

Schwerter begleitete Neven Subotic nach Äthiopien - „Haben alle Rotz und Wasser geheult“

Bewegt von all den Eindrücken der Reise: Marcel Martens in einem der Dörfer. © Patrick Temme & Philipp Nolte - N2S Media Team

„Wie viele Kohle versandet in Deutschland?“

200 Menschen, die tanzen. Die den Gästen Popcorn und Limetten anbieten, Weißbrot mit Honig, eine Kaffeezeremonie. „DIE Reise meines Lebens“ hat Martens den Zehn-Tages-Trip nach Äthiopien bei Facebook genannt. Und im Gespräch schwärmt er - weiterhin grinsend: „Du guckst in so charakterstarke Gesichter. Die Menschen sind mit den einfachsten Dingen zufrieden. Wenn ich da nur daran denke, wie griesgrämig wir manchmal durch die Welt laufen, nur weil der Verkehr gerade am Rad dreht...“

Eigentlich sei es doch ganz einfach: „Wie viele Kohle versandet in Deutschland in Schrott? Wie viele Bauprojekte stehen da und kein Mensch braucht sie. Ganz ehrlich: Bau doch lieber einen Brunnen in Äthiopien, is‘ viel geiler.“

Wasser, Bildung, Nachhaltigkeit

Neven-Subotic-Stiftung gibt es seit 2012

„Für uns ist es unerträglich, dass Millionen Menschen weltweit keinen Zugang zu sauberem Wasser und Sanitäranlagen haben. Ihnen fehlen damit elementare Lebensgrundlagen und die Voraussetzung für Gesundheit, Bildung und eine selbstbestimmte Zukunft. Das ist menschenunwürdig.“ So formuliert die 2012 gegründete Stiftung von Ex-BVB-Fußballprofi Neven Subotic ihr Leitbild. Mehr als 200 Projekte hat die Stiftung im armen und trockenen Norden Äthiopiens schon realisiert oder will das noch tun. Es geht um sauberes Wasser für mehr als 80.000 Menschen, zudem um den Bau und die Unterstützung von Schulen.
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