Die Möhne-Bombardierung machte Jürgen Grewe zum Schwerter Chronisten

rnAltstadt-Nachbarn trauern

Seine Großmutter ertrank, als die Briten die Möhne bombardierten. Weil er alles darüber wissen wollte, wurde Jürgen Grewe zum Heimatforscher. Jetzt ist er im Alter von 72 Jahren gestorben.

Schwerte

, 08.07.2020, 16:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Kein anderer konnte so viel über die Altstadt und deren schlimmste Stunde, die Möhnekatastrophe im Zweiten Weltkrieg, berichten: Das Nachbarschicht 1 trauert um den Ur-Schwerter Jürgen Grewe, der im Alter von 72 Jahren gestorben ist. Der frühere Postbeamte hütete ein Privatarchiv, mit dem er auch die Lokalredaktion oft bei Recherchen unterstützt hat.

Großmutter ertrank bei der Möhnekatastrophe

Es war ein trauriger Anlass, der Jürgen Grewe zum Heimatforscher machte. Seine Großmutter Auguste Grewe war am 17. Mai 1943 im Fachwerkhaus der Familie an der Mühlenstraße 22 ertrunken, als britische Bomber den Staudamm der Möhnetalsperre zerstört hatten. Bis zur Fensterbank im ersten Obergeschoss hatte die Flutwelle aus dem Ruhrtal damals die Räume geflutet. „Ich wollte Einzelheiten über ihren Tod wissen. Das war der Anfang“, hat der 1948 geborene Jürgen Grewe einmal berichtet. Schon in seiner Jugend, als die Katastrophe in der Altstadt noch häufig ein Gesprächsthema war, ließ er unter den Nachbarn eine Art Poesiealbum herumgehen, um deren Erinnerungen an die verhängnisvolle Nacht festzuhalten.

Das Nachbarschicht 1 trauert um den gestorbenen Jürgen Grewe, der im Jahre 1995 auch die Schichtmeisterkette trug.

Das Nachbarschicht 1 trauert um den gestorbenen Jürgen Grewe, der im Jahre 1995 auch die Schichtmeisterkette trug. © Dr. Peter Nisipeanu (A)

Es war der Beginn einer erfolgreichen Sammler- und Chronisten-Leidenschaft, auf die schnell sogar die Historiker des damaligen Kreises Iserlohn aufmerksam wurden. Anfang der 1970er-Jahre baten sie um eine Genehmigung zum Abfotografieren der Unterlagen, zu denen zu dieser Zeit schon 150 historische Aufnahmen, Schwerter Notgeld aus der Inflationszeit, Lebensmittelmarken und Zeitungsausschnitte zählten.

In seinem Fachwerkhaus wurde der Dichter Albert Knülle geboren

Ein Stück Stadtgeschichte war auch sein Fachwerkhaus, in dem er zeitlebens wohnte. Seit 1797 steht es nur einen Steinwurf vom Mühlenstrang und der alten Mühle entfernt, seit 1871 ist es im Besitz der Familie. Der 200. Geburtstag der „ollen Bude“, wie sie die Familie liebevoll getauft hatte, wurde mit Freibier und Eis groß gefeiert. Tafeln an der Fassade erinnern nicht nur eindrucksvoll an den Wasserstand bei der Möhnekatastrophe, sondern auch daran, dass hinter den Mauern der Schwerter Heimat- und Plattdeutsch-Dichter Albert Knülle (1878-1961) geboren wurde.

Nachbarn vermissen seine Sprüche und Anekdoten

Fest verwurzelt in der Altstadt, engagierte sich Jürgen Grewe bei seinen Nachbarn vom Schicht 1. Schon in den 1980er-Jahren initiierte er das jährliche Adventssingen vor der Mühle. 1995 war er auch als Schichtmeister tätig. „Uns werden seine vielen klugen, aber auch seine vielen kuriosen Sprüche und Anekdoten fehlen, die uns zum Schmunzeln, oftmals aber auch zum Nachdenken angeregt haben“, sagt Schichtsprecher Dr. Peter Nisipeanu: „Noch mehr vermissen wir aber den Menschen, der immer Zeit und Muße und ein gutes Wort für jedermann hatte.“

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