Schwerter erinnert sich an die Goldgräber-Stimmung

Kurz nach dem Mauerfall

Mit einer Badewanne voller Geld kehrte sein Schwiegervater, ein Textilhändler aus Schwerte, von seiner ersten Verkaufsreise aus der damaligen DDR zurück. Wenige Wochen nach der Maueröffnung herrschte dort Goldgräberstimmung. Für uns erinnert sich Heinz Schmücker (55) noch einmal an diese verrückte Zeit.

SCHWERTE

, 03.10.2015, 08:17 Uhr / Lesedauer: 3 min
Schwerter erinnert sich an die Goldgräber-Stimmung

Heinz Schmücker (55) pendelte mit seinem Transporter nach dem Mauerfall zu den Märkten in der damaligen DDR, wo er die Goldgräberstimmung der ersten Stunde miterlebte.

Einen perfekten Riecher hatte der Textilhändler, als er nach Weihnachten 1989 seinen Transporter vollstopfte, um den Blinker in Richtung Eisenach zu setzen. „Wir dachten, er braucht 14 Tage“, erzählt Schmücker: „Aber er war nach drei Tagen wieder da.“ Wortlos machte der Heimkehrer die Tür auf und fiel in den Sessel, so dass alle schon einen Herzinfarkt befürchteten. Aber er stammelte nur: „Das könnt ihr euch nicht vorstellen – ich bin ausverkauft.“ Das hatte er noch nicht erlebt.

Niemals war der Wagen ohne irgendwelche Reste nach Schwerte zurückgekommen. Doch wo waren die Einnahmen? „Nimm eine Wanne mit, es ist alles lose“, wies der Schwiegervater an. Die Zeit beim Verkaufsmarathon hatte gerade dazu gereicht, Münzen und Scheine durch die einen Spalt breit heruntergekurbelte Seitenscheibe ins Führerhaus zu schmeißen. „Als wir die Beifahrertür öffneten, stürzte das Geld nur so raus wie aus einem geplatzten Tresor“, staunt Schmücker noch immer. Einfach unglaublich.

"Keiner wusste, was er tun sollte"

Noch am Neujahrstag 1990 wurden die Lieferanten angerufen, alle Rechnungen in bar bezahlt und der Transporter neu gefüllt, damit es am 2. Januar sofort wieder in den wilden Osten gehen konnte. Auf der Karte: die Wochenmärkte in Weimar und Rudolstadt, Apolda und Jena. Chaotisch ging es dort zu, nachdem die Obrigkeit alle Anweisungs-Macht verloren hatte. „Keiner wusste, was er tun sollte“, erinnert sich Schmücker: „In Jena gab es beispielsweise fünf Marktmeister, und jeder stellte uns auf einen anderen Platz.“

Ganz anders die Kunden. Sie waren Schlange stehen gewohnt, warteten geduldig in nicht enden wollender Reihe vor dem Stand mit der West-Mode: „Die haben alles gekauft, einfach alles.“ Bikinis im Winter, dicke Jacken im Sommer. Um den Umschlag zu beschleunigen, wurde ein zweiter VW-Transporter angeschafft. Damit ging es vollbeladen nach Kassel oder Weimar, wo der Schwiegervater im Tausch seinen leergekauften Wagen abgab. Mit dem düste Schmücker dann wieder zum Nachschubholen nach Schwerte zurück.

Drei Ostmark für eine D-Mark

„Die hatten Tausender gerollt in der Tasche“, demonstriert Schmücker mit Daumen und Zeigefinger. Damaliger Umtauschkurs: drei Ostmark für eine D-Mark. Doch woher kam das viele Geld? „Einer sagte uns: Wir konnten ja nichts kaufen.“ Auf einen Trabi habe er 16 Jahre warten müssen. Da sammelte sich einiges an.

Mit Fünf-Kilo-Eimern Kaviar bezahlten Offiziersfrauen der Roten Armee, die schon ihren Rückmarschbefehl in die Sowjetunion erhalten hatten. „Das kannte ich nur vom Honig“, konnte Schmücker über diese Mengen nur so mit den Ohren schlackern. Ganze Wagenladungen seien damit aufgekauft worden.

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Goldrausch nach der Grenzöffnung

Ein Vierteljahrhundert ist der Fall der Mauer, die einst die Bundesrepublik von der DDR trennte, schon her. Der Schwerter Heinz Schmücker (55) erinnert sich noch zu gern an den Winter vor der Wiedervereinigung, also 1989/90 - damals, so sagt er, schien alles möglich. Besonders für Schmückers Schwiegervater, einen Textilhändler, galt dieser Spruch. Der Kaufmann fuhr seine Waren in den "wilden Osten" - und verdiente sich eine goldene Nase. Wir haben ein paar historische Fotos von Mauer und Mauerfall zusammen gestellt.
30.09.2015
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Die sprichwörtliche Badewanne voll Geld hat Schmückes Schwiegervater von seinen Verkaufsfahrten in die ehemalige DDR mitgebracht. Das Foto zeigt die alte Währung, wie sie in einem unterirdischen Stollen bei Halberstadt (Sachsen-Anhalt) lagerten. Rund 620 Millionen Geldscheine - der gesamte eingelagerte Bestand der früheren DDR-Staatsbank - sollte Untertage verrotten - doch die Scheine zersetzten sich nicht, wie erwartet, und wurden dann verbrannt.© Foto: dpa
Der 6. Oktober 1961: Volkspolizisten und Arbeiter der DDR beim Errichten der Berliner Mauer im Norden Berlins an der Grenze zum westberliner Bezirk Reinickendorf.© Foto: dpa
Eine Passantin steht am 28.06.1990 in Magdeburg vor einem Geschäft und schaut sich die im Schaufenster ausgestellte Bademode an. Ein Schild weist darauf hin, dass es diese Waren ab dem 2. Juli 1990 für DM zu kaufen gibt.© Foto: dpa
Soldaten der Grenztruppen der DDR beim Abbau von Teilen der Berliner Mauer an der Bernauer Straße in Berlin (Archivfoto vom 13.06.1990).© Foto: dpa
Jubelnde Menschen stehen auf der Berliner Mauer am Brandenburger Tor am 10.11.1989. Am Abend des 09.11.1989 teilte SED-Politbüro Mitglied Günter Schabowski mit, daß alle DDR-Grenzen in die Bundesrepublik und nach West-Berlin für DDR-Bürger geöffnet werden. Daraufhin strömten binnen weniger Stunden tausende von Ost-Berlinern in den Westteil der Stadt, wo es zu volksfestartigen Verbrüderungen zwischen Bürgern aus Ost- und Westdeutschland kam. © Foto: dpa
28 Jahre nach dem Mauerbau löste das Inkrafttreten des neuen DDR-Reisegesetzes einen Ansturm von DDR-Besuchern in den Westen aus. Hier eine Menschenschlange am neuen Grenzübergang Bernauer Straße kurz vor der Öffnung, aufgenommen am 11. November 1989. © Foto: dpa
Riesenandrang auf die Ost-Berliner Deutsche Bank: Es gab Verletzte, als die Scheiben barsten, aufgenommen am 01.07.1990. Mit der am 1.7.1990 vollzogenen Währungsunion war die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten einen entscheidenden Schritt nähergerückt. Der erste Tag der im Staatsvertrag vereinbarten Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion begann mit einem regelrechten Ansturm auf das begehrte neue Geld.© Foto: dpa
Blick vom westlichen Teil der Stadt über die Mauer in der Heidelberger Straße auf Ost-Berliner Wohnhäuser (undatiertes Archivbild). In Berlin existiert von dem am 13. August 1961 errichteten «antifaschistischen Schutzwall» kein Stück mehr, das einen echten Eindruck von dem Bauwerk vermitteln könnte: Von dem Unwirklichen der vielen Kilometer Betonwand. Vom Unbegreiflichen, in einer Stadt nicht in die andere Hälfte, ja nicht einmal auf die andere Straßenseite wechseln zu können.© Foto: dpa
Das Archivbild vom 11.11.1989 zeigt jubelnde Menschen, die mit Wunderkerzen auf der Berliner Mauer sitzen. Nach der Öffnung eines Teils der deutsch-deutschen Grenzübergänge in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 reisten Millionen DDR-Bürger für einen kurzen Besuch in den Westen. In der Folge wurde die innerdeutsche Grenze abgebaut, seit dem 3. Oktober 1990 ist Deutschland wieder vereint.© Foto: dpa
Dieses Archivbild vom 12.11.1989 zeigt den neuen Übergang an der Bernauer Straße an der Berliner Mauer, wo tausende von Menschen von Ost- nach West-Berlin strömen. Der historische 13. August 1961 war längst nicht der "Tag des Mauerbaus", er war nur der Tag, an dem die Katastrophe begann. An eine wirkliche Mauer, an einen kahlen, tödlichen Grenzstreifen, noch dazu an ein für Jahrzehnte eingemauertes Volk dachte niemand. © Foto: dpa
Das Archivbild vom August 1984 zeigt ein Schild mit der Aufschrift "Achtung Sie verlassen jetzt West-Berlin" vor der Mauer am Brandenburger Tor Berlin. Am 13. August 1961 hatten DDR-Streitkräfte unter dem Decknamen "Aktion Rose" damit begonnen, den Ostteil der Stadt zunächst mit Straßensperren aus Stacheldraht in Richtung Westen abzuriegeln. Der Bau des "antifaschistischen Schutzwalls" besiegelte die Teilung Deutschlands, die erst am 9. November 1989 mit dem friedlich erzwungenen Fall der Berliner Mauer endete. © Foto: dpa
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Nach und nach kriegten auch andere kleine Geschäftsleute den Goldrausch im Osten spitz. „Weil es keine Hotels gab, schlief ein Käsehändler in seinem Wagen auf der Ware“, berichtet Schmücker, der sich selbst später in einer Laubenkolonie eingemietet hatte. Auch pfiffige DDR-Bürger eröffneten einen eigenen Markthandel, um auf den Zug des schnellen Geldes aufzuspringen. Und einige der VW´s, der über Nacht arbeitslosen „Vietnamesischen Werktägigen“, organisierten ruckzuck einen schwunghaften Handel mit Zigarettenstangen, wie Schmücker beobachtete.

Sogar das Gras war dunkler

„Es war ein Eldorado“, erlebte der Schwerter die Monate des Aufbruchs. Da war es zu verschmerzen, dass die neu bespannten Marktschirme in Nullkommanichts von einer dicken Rußschicht überzogen waren, wenn die DDR-Bürger ihre Ofenheizungen mit Braunkohle anfeuerten. „Ich dachte, es schneit schwarz“, glaubte Schmücker angesichts des dunklen Flockenregens vom Himmel: „Das war damals wirklich Dunkel-Deutschland.“ Selbst das Gras sei dunkelgrüner gewesen, sobald man den Grenzübergang Herleshausen hinter sich gelassen habe.

„In Weimar gab's nur die Prunkstraße mit dem Goethe-Schiller-Denkmal“, erlebte der Schwerter, wenn er nach der Verkaufsschlacht einmal Zeit fand, durch die Innenstädte zu streifen: „In den Seitenstraßen standen nur Ruinen, wie ich das sonst nur von Kriegsbildern kannte.“ Bei manchen Häusern habe man sogar die Hand durch das Fachwerk stecken können. Als eines der ersten Gebäude sei der Erfurter Dom, vorher „schwarz wie Dachpappe“, per Sandstrahl gereinigt worden.

Nach und nach änderte sich auch die Atmosphäre auf den Marktplätzen. „Die Stimmung kippte“, bemerkte Schmücker. Die Menschen seien hektischer und ungeduldiger geworden, so wie man es aus dem Westen kannte. Nach zwei Jahren zog der Schwerter den Schlussstrich. „Das waren Zeiten“, kann er kaum glauben, dass seitdem schon wieder ein Vierteljahrhundert vergangen ist.

 

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