Schwerter schreibt Biografie über Leben im Heim

Misshandlung und Willkür

Er hatte weiß Gott nichts zu lachen. Misshandelt und halb verhungert wurde Harald Miesem als Zehnjähriger von der Fürsorge ins Kinderheim gesteckt. Doch da begann wenig später das Martyrium von Neuem. Jetzt hat der 65-jährige Schwerter seine Biografie geschrieben.

WANDHOFEN

, 08.04.2017, 06:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Schwerter schreibt Biografie über Leben im Heim

Seine Biografie hat Harald Miesem (65) in 85.000 Worten als Manuskript geschrieben. Bis zum Herbst möchte er es als Buch auf den Markt bringen und sucht derzeit einen Verlag.

Schläge ohne Grund, Drohung mit der Erziehungsanstalt, Teppiche knüpfen ohne Lohn, schließlich mit fünf Mark auf die Straße gesetzt. Dass der 65-jährige Harald Miesem jetzt trotzdem herzlich lachen kann, liegt nicht nur an den neuen Schneidezähnen, die die vom ewig betrunkenen Stiefvater ausgeschlagenen ersetzten. Eine Begegnung mit Gott hat sein Leben total auf den Kopf gestellt. 

„Ich möchte anderen Mut machen, dass es selbst bei schwersten Verletzungen möglich ist, dass die Seele heilt“, erklärt Miesem. Viele Heimkinder habe er erlebt, die immer noch traumatisiert sind von ihren Erfahrungen mit einer brutalen Willkürherrschaft der Erzieher. „Nur keine Verbitterung und Groll“, habe er immer zu sich selbst gesagt – von klein auf: „Denn das ist nur zum eigenen Schaden.“

Odyssee durch die ganze Republik

Leicht kann es nicht gewesen sein, diesen Grundsatz durchzuhalten. An das Elternhaus in Duisburg, „das man keinem Kind wünscht“, hat Miesem so gut wie keine Erinnerungen mehr. Brutale Prügel und viermaliges Weglaufen gehören zu den wenigen Bruchstücken, die ein „Filmriss“ zurückgelassen hat. Vermutlich eine Art Selbstschutz der Seele. Eingebrannt hat sich dort dagegen der komplette Leidensweg durch die Heime.

Menschlichkeit erlebte er nur in der allerersten Station, als er 1962 mit seinen vier Geschwistern von der Fürsorge aus der Hölle der Familie befreit wurde. Seine jüngste Schwester war da als Baby so unterernährt, dass sie sofort in eine Klinik gebracht wurde. Erst im Jahre 2002 sollte er sie wiedersehen: „Sie wusste gar nicht, dass es mich gibt.“

Gerade erst neu gebaut war das Heim in Bottrop-Fuhlenbrock, das von „Schwestern der Göttlichen Vorsehung“ geleitet wurde. Fortschrittlich war auch die Pädagogik. „Die Kinder wurden dort liebevoll behandelt“, berichtet Miesem. In Einfamilienhäusern lebten sie in kleinen Gruppen zusammen.

Alles wurde anders, als der Junge vier Jahre später nach Espelkamp bei Minden umziehen musste. Es folgten Traunreut in Oberbayern, wo er in der Weberei arbeiten musste, Duisburg und schließlich das sogenannte „Bullenkloster“ in Hagen, wo lauter junge Männer zwischen 16 Jahren und dem damaligen Volljährigkeitsalter von 21 Jahren zusammenlebten.

Vor die Tür gesetzt

So lange durfte Miesem nicht in der Obhut bleiben. „Sieh zu, wie du klar kommst“, wurde ihm beschieden, als er als 19-Jähriger vor die Tür gesetzt wurde. Ohne Begleitung für jemanden, der das selbstständige Leben nie lernen konnte. Glücklicherweise hatte eine Erzieherin aus Espelkamp ihn zuvor irgendwie in ihr Herz geschlossen. Sie hielt ständig den Kontakt und besorgte in Paderborn Unterkunft und Arbeit am Schweißautomaten.

Dennoch habe er sein Leben nie in den Griff gekriegt, berichtet Miesem. Drei Ehen setzte er in den Sand, bis er 1989 zum Glauben kam. „Ich habe eine Begegnung mit Jesus gehabt“, erzählt der Rentner. In einem Traum sei ihm ein Mann erschienen, dessen Gesicht von Tausenden von Jahren gezeichnet war: „Der hatte eine Liebe und Güte in den Augen – da reicht mein Verstand nicht aus, um das zu beschreiben.“ Die Traumgestalt lud ihn ein in eine Freikirchliche Gemeinde in Hagen. Deren Pfarrer wusste: „Das war nicht Gott, das war Jesus.“ Und der begegnete ihm im Laufe der folgenden Jahre noch mehrmals. Half, die hohen Mauern einzureißen, die das ehemalige Heimkind als Schutz um sein Herz gebaut hatte.

Der Pfarrer half

Überaus sympathisch empfand Miesem, der Beten eigentlich nur aus der Zeit bei den „Schwestern der Göttlichen Vorsehung“ in Bottrop kannte, die Menschen in der Kirchengemeinde. Auch der Pastor half ihm. Er besaß eine CD mit allen Adressen in Deutschland, mit der die im ganzen Ruhrgebiet verstreuten Geschwister wiedergefunden wurden. Und nicht zuletzt lernte der Wandhofener in der Gemeinde seine jetzige Ehefrau Margit kennen: „Die vierte Ehe hält seit 20 Jahren – länger als alle drei anderen zusammen.“ An ihrer Seite fand der Mann, der vorher „nicht mal ansatzweise Humor“ hatte, auch das Lachen wieder.

„Man kann sich gar nicht vorstellen, was damals los war“, sagt das ehemalige Heimkind: „Gott sei Dank hat sich die Einstellung gewandelt in den letzten Jahren.“ Schon 2001 hatte er erstmals den Gedanken, die eigene Biografie niederzuschreiben. Auch um den Menschen zu erzählen: „Es gibt tatsächlich einen Gott, der voller Liebe ist – und nicht nur der alte Urgroßvater da oben.“ Nach fünf Jahren intensiver Arbeit ist das rund 85.000 Worte umfassende Manuskript nun fertig im Rechner gespeichert. Jetzt fehlt nur noch ein Verlag. Doch auch, wenn er das Buch eines Tages in gedruckter Form auf dem Tisch liegen hat, wird für Miesem eine Frage wohl zeit seines Lebens immer offen bleiben: „Was wäre aus mir geworden, wenn ich nicht in dieser Familie aufgewachsen wäre? Da ist viel zerschlagen worden – buchstäblich.“  

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