Schwerter Stadtpark: Eine andere Welt nebenan

Ein Sommertag mit der Szene

Von unserer Redaktion zum Schwerter Stadtpark sind es kaum 100 Meter. Dennoch ist es eine eigene Welt, der man dort begegnet. Spaziergänger, Nachbarn, Methadon-Patienten und Zecher treffen dort aufeinander, nicht immer konfliktfrei. Wir haben einen Tag in dem Park verbracht, um einen Einblick in diese Welt zu erhalten.

SCHWERTE

, 17.09.2016, 05:10 Uhr / Lesedauer: 4 min

Es ist die Welt von Tina, Andreas oder Bernd, die im Schwerter Stadtpark ihre Zeit verbringen. Denn Zeit ist das Einzige, was sie im Überfluss haben. Es ist aber eben auch ein Park für die anderen Schwerter. Die in den Altenwohnungen, jene, die hier zur Schule gehen oder den Park in ihrer Mittagspause nutzen wollen.

Um 10 Uhr treffen wir uns an der Ecke zur Gasstraße und beginnen unseren Tag im Stadtpark. Schon am Eingang kommen wir mit Altenpflegerin Theresa ins Gespräch, die eine Bewohnerin des benachbarten Pflegeheims im Rollstuhl durch den Park schiebt. Was sie uns sagt, gibt im Prinzip den Tag vor: Eigentlich seien die Leute hier höflich. Angepöbelt würde man kaum. Aber die Bänke seien halt besetzt und dann noch das Problem, dass alle öffentlich ihre Notdurft verrichten.

In der Tat: Um 10.30 Uhr sind es über sechs Gruppen mit insgesamt über 60 Menschen, die sich um die Bänke scharen. Manche haben Bierkisten mitgebracht, einer hat sogar einen Campingstuhl dabei. Man hört Musik. Getrunken wird überwiegend Bier vom benachbarten Discounter.

Fürs Methadon reisen sie an

Hier treffen wir auch auf die Gruppe mit Tina, Andi und Bernd. „Wir kommen aus Menden“, erzählt Andi. Der große Mann ist offensichtlich der Wortführer. Sie alle nähmen an einem Methadon-Programm teil. Dafür müsse man morgens anreisen. Täglich. Bis vor einigen Wochen waren sie bei einem Arzt in Fröndenberg in Behandlung. Als der plötzlich starb, habe die Schwerter Praxis Spanke die Patienten aufgefangen. „Ohne Theo wäre wir hier alle am A...“, sagt Andi.

Bevor man mit der Bahn zurückfahre, bleibe man noch ein, zwei Stündchen im Stadtpark, trinke Bier und treffe sich mit den Leuten hier. „Mit wem wollen Sie denn über unsere Probleme sonst reden?“ Und dann verweist er darauf, dass alle hier ihren Müll abtransportieren würden.

Auch der Hausmeister des benachbarten Schulkomplexes, Ewald Hylla, bestätigt das. „Die bekommen manchmal von mir Tüten oder einen Besen.“ Doch die Methadon-Patienten sind nicht die Einzigen, die sich im Stadtpark treffen.

Lesen Sie unter unserem interaktiven Rundgang durch den Stadtpark mit Stimmen aller Beteiligten, was Anwohner und vor allem Eltern von Schulkindern in dem Park stört.

 

Anderswo sitzt eine Gruppe von Schwertern. Hier ist ausschließlich Alkohol ein Thema. „Wohnungen haben hier alle“, erklärt ein bärtiger Mann. Aber hier könne man sich halt besser treffen. Und dann ist da noch eine spezielle Clique: „Geht mal den Weg runter, dort, wo das Gebüsch neben der Schule runtergetrampelt ist“, fordert uns Hylla auf.

An der Bank vor dem Trampelpfad sitzt eine Gruppe von jungen Erwachsenen, die sich mal auf Deutsch, mal auf Russisch unterhält. Ein Gespräch kommt nicht zustande, und als wir zum Trampelpfad gehen wollen, schallt ein lauter Ruf auf Russisch durch den Park. Im Gebüsch beginnt ein hektisches Treiben, und drei junge Männer bauen sich schweigend vor uns auf, bis hinter den Büschen alle verschwunden sind. Der Hausmeister ist überzeugt: „Die rauchen da Heroin.“

Später, als sich die Lage beruhigt hat, gehen wir nachsehen. Doch Folien oder gar Nadeln und Spritzen finden wir nicht. Dafür aber eklige Überreste menschlicher Notdurft. Es stinkt, Toilettenpapier und Tempos liegen herum – hier, direkt vor der Wand der Realschule.

"Wenn die Szene abends abrückt, kommen die Jugendlichen"

„Das Schlimmste ist, dass die in jede Ecke pinkeln“, sagt auch die 77-jährige Nachbarin. Seit zehn Jahren wohnt sie in einer der Altenwohnungen an der Gasstraße, direkt am Park. Dass hier getrunken werde, sei nichts Neues. Aber in diesem Jahr sei daraus ein andauernder Belagerungszustand geworden. „Ich kenne Nachbarn, die gehen schon gar nicht mehr durch den Park“, erzählt sie. „Und wenn die Szene abends abrückt, kommen die Jugendlichen.“ Die feiern meistens rund um den Spielplatz und hinterlassen dort Pizzaschachteln und Flaschen.

Gegen Mittag werden die Gespräche lauter. Bei vielen steigt der Alkoholpegel. Alle zehn Minuten läuft jemand zum benachbarten Netto und holt Nachschub. Und auch das Kloproblem wird offensichtlicher. Denn mit steigenden Promillezahlen sinken entweder die Wahrnehmung oder die Hemmung. Ständig läuft irgendwer ins Gebüsch. Manche verschwinden komplett, manche eben nicht.

Gerade jetzt, wo die Grundschulkinder Schulschluss haben, ärgert das die Eltern. Eine Mutter geht nahezu täglich hier lang, weil es der Schulweg ihrer Tochter ist. „Mir tut hier zwar keiner was, aber es fühlt sich schon komisch an, hier langzugehen“, erzählt sie.

Der Alkoholpegel steigt gegen Nachmittag

Gegen Nachmittag haben sich die jungen Erwachsenen bereits verzogen. Und auch die ersten Methadonpatienten machen sich auf den Weg zum Bahnhof. Andi, Tina und Co. sitzen jetzt auf den Bänken direkt an der Straße. Ihr Alkoholpegel ist merklich gestiegen. Bernd erzählt von seinem Job als Landschaftsgärtner. Den habe er trotz Methadon noch ausüben können. Doch jetzt, wo er täglich mit der Bahn fast zwei Stunden zur Methadonausgabe fahren müsse, sei das nicht mehr möglich. Eine extrem dünne Frau mischt sich ein: „Kinder schicken wir immer weg“, sagt sie etwas zusammenhanglos. „Wir würden nie Drogen abgeben.“

Dass es aber durchaus Dealer im Park gibt, bestätigt uns ein älterer Herr. Als Gießer bei Hundhausen habe er gearbeitet, jetzt gehe er oft in den Stadtpark und unterhalte sich mit den Menschen dort. „Ich weiß, hier wird gedealt“, bestätigt er. Aber das betreffe ja nicht alle.

Im Hintergrund entsteht Streit. Eine benachbarte Gruppe beschuldigt Andi und Co., Zinker (Verräter) zu sein, weil sie mit uns reden. Wenig später kommen wir mit derselben Gruppe ins Gespräch. Jetzt heißt es: „Die lügen, die sind beim Methadonprogramm längst rausgeflogen.“ Was stimmt, lässt sich nicht ermitteln. Im Hintergrund streiten zwei Männer lautstark, beruhigen sich dann aber wieder.

Am späten Nachmittag löst sich das Treiben auf

Nur die einheimischen Zecher bleiben noch etwas länger. Langsam erarbeiten sich die Bürger den Park zurück. Auf den Bänken sitzen jetzt auch mal Ehepaare, die Einkaufstüten dabei haben. Mit der beginnenden Dunkelheit leert sich der Park vollends. Die Jugendlichen kämen ja nur am Wochenende, hatte uns die Nachbarin erklärt. Und in der Tat, um 20.30 Uhr ist nur noch eine Bank besetzt. Mit zwei jungen Männern, die mit der Bahn von der Arbeit nach Hause gefahren sind und jetzt hier noch kurz plaudern. Das Wetter sei zu schön, um noch in die Kneipe zu gehen.

Wir beenden den Tag in dem Park, der gar nicht so weit von der Redaktion entfernt liegt. Aber unendlich weit von unserer Lebenswirklichkeit.

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