Schwerter Tafel hat kaum Probleme mit Kunden

Nach Wattenscheider Hilferuf

"Du Hurensohn" - die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Wattenscheider Tafel mussten sich solche Beleidigungen zuletzt häufiger anhören. Der Umgangston verschlechterte sich zusehends, was den Chef der Einrichtung zu einem medialen Hilferuf veranlasste. Doch wie sieht die Situation in Schwerte aus? Wir haben nachgefragt.

SCHWERTE

23.02.2015, 06:30 Uhr / Lesedauer: 3 min
Lebensmittel-Ausgabe: Der Gang zur Tafel ist für viele Bedürftige mit Selbstüberwindung verbunden. Foto: Caroline Seidel/Archiv

Lebensmittel-Ausgabe: Der Gang zur Tafel ist für viele Bedürftige mit Selbstüberwindung verbunden. Foto: Caroline Seidel/Archiv

Schon im Jahr 2011 habe sich die Situation bei der Wattenscheider Tafel dramatisch verschlechtert. Ausgerechnet in der Weihnachtszeit: "Wir gestalten das gesellig, aber das interessierte nicht mehr. Die Pakete wurden direkt aufgerissen und über den Inhalt gestritten“, erzählte der 71-Jährige Leiter der Wattenscheider Tafel, Manfred Baasner, unserer Redaktion.

Die Reaktionen sowohl in unserem Kommentar-Bereich als auch bei Facebook waren unterschiedlicher Natur. Eine Seite sah eine allgemeine Zunahme aggressiven Klimas in der Gesellschaft, andere forderten aufgrund der Undankbarkeit sogar die Abschaffung von Einrichtungen wie der Tafel.

Für uns ein Grund, in den Einrichtungen der Region mal nachzufragen: Wie schlimm ist das Klima denn eigentlich wirklich? Wir haben uns bei den Tafeln in Dortmund, Schwerte, Lünen, Werne, Dorsten und Haltern umgehört.

Dorsten: "Freundchen, da ist die Tür"

Hedwig Schnatmann, Leiterin des Ladens der Dorstener Tafel sagt: "Wir kennen sowas zum Teil auch, aber wir lassen uns das nicht bieten. Von vornherein haben wir gesagt, dass wir uns so ein Verhalten nicht dulden. Da sind wir hart und sagen: ‚Freundchen, da ist die Tür‘. Deswegen haben wir bei der Dorstener Tafel damit keinen Stress. Außerdem haben wir ein Nummernsystem eingeführt: Wer sich nicht benimmt, kommt beim nächsten Mal erst zum Schluss dran.“ 

Schwerte: "98 Prozent der Leute verhalten sich nett"

Bei der Tafel in Schwerte ist die Situation im Vergleich zur Tafel in Wattenscheid paradiesisch: "Wir mussten in den vergangenen Monaten kein Hausverbot erteilen", sagt Praxisanleiterin Monika Wichmann. "Wir haben aber auch nicht so viele Gäste wie andere Tafeln." In ihren vier Jahren bei der Schwerter Tafel habe sie nur zwei Mal die Polizei rufen müssen, sonst würden sich "98 Prozent der Leute sehr nett" verhalten. "Das sind liebe Menschen hier, da gibt es kein Geschrei."

Haltern: "Im Allgemeinen sehr freundlich"

Helga Crabus, zweite Vorsitzende der Halterner Tafel sagt: "Im Allgemeinen sind die Kunden sehr freundlich. Wir sind ja auch freundlich und lächeln die Kunden an. Selbst wenn jemand erst ein brummeliges Gesicht macht, strahlt er dann."

Werne: "Wir haben keine Probleme hier"

In Werne an der Lippe ist die Lage ebenfalls sehr entspannt. "Wir haben keine Probleme hier", sagt der hiesige Tafel-Koordinator Dieter Schimmel. Mehr als 80 Menschen kommen regelmäßig zur wöchentlichen Lebensmittelausgabe – unangenehme Vorfälle habe es bisher nicht gegeben. "Wir sind immer freundlich und zeigen Verständnis für die Kunden", lautet Schimmels Begründung für die gute Stimmung.

Lünen: Die Tafel stellt nur ein "Zubrot" 

Für die größte Ausgabestelle der Tafel in Lünen Gahmen sprachen wir mit Ulrike Trümper, Vorsitzender der Unnaer Tafel. Auch sie hat, was die Aggression und den Ton angeht, einen Wandel bei den Tafel-Kunden bemerkt. Diese führt sie hauptsächlich auf die Sprachbarriere zurück. Während früher hauptsächlich Russen kamen, kommen heute Menschen aus vielen verschiedenen Ländern, die sich gegenseitig nicht verständen. Die Sprachbarriere führe oft zu Aggressionen der Kunden untereinander sowie zu Miss- und Unverständnis gegenüber der Mitarbeitern.

"Die verstehen dann nicht, warum zum Beispiel seit Wochen nur Orangen kommen, aber keine Bananen da sind", so Trümper. Das hänge mit der Saison zusammen, "was es gerade im Angebot gibt und was die Geschäfte für uns übrig haben." Den Kunden das zu erklären, wäre allerdings das Problem. "Wir bräuchten Dolmetscher oder zumindest Flugblätter in verschiedenen Sprachen", so Trümper.

Darauf solle man den Bedürftigen beispielsweise auch erklären, dass die Tafel nur ein "Zubrot" stelle, einkaufen müssten die Menschen von ihrem Arbeitslosengeld trotzdem. "Die denken meist,, dass wir den kompletten Bedarf decken müsst", erklärt Trümper. Außerdem herrsche oft Unverständnis, wenn begehrtes Obst an bestimmte Leute, zum Beispiel Familien mit Kindern, verteilt werden, während der Single weniger erhält. Dass dann ein rauher Ton herrsche und Aggressionen aufträten, sei nicht selten. Gerade ältere Ehrenamtliche wünschten sich mehr Wertschätzung.

Aggressionen vonseiten der Kunden seien besonders seit Mitte 2014 häufiger auftreten. Dies könne laut Trümper daran liegen, dass "Begehrlichkeiten geweckt worden sind, die wir langfristig nicht halten können." Denn es gebe immer Durststrecken: Obst und Gemüse sei auch für die Tafel im Winter teurer und schwieriger erhältlich. Das hielte sich meistens bis nach Ostern so. Wenn Aggressionen und Handgreiflichkeiten aufträten, würde die Polizei gerufen oder die Kunden der Tafel verwiesen, so Trümper.

Dortmund: "Ruhig, freundlich und dankbar"

Nebenan in Dortmund gibt es solche Probleme nicht, sagt der erste Vorsitzende der Dortmunder Tafel, Dr. Horst Röhr. Angesprochen auf die Situation in Bochum-Wattenscheid sagt Röhr: "Das ist bei uns nicht der Alltag. Aktuell haben wir an keinem unserer acht Standorte Probleme. Unsere Kunden sind ruhig, freundlich und dankbar." Auf massive Beleidigungen und Bedrohungen würde die Tafel rigoros reagieren und den Tafel-Ausweis des Betroffenen einziehen.

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