Schwerterin erlebte den Putschversuch in de Türkei

Beim Familienbesuch

Aynur Akdeniz hat ihn erlebt, den Putschversuch in der Türkei. Die Schwerterin war für einen Familienbesuch zum Zuckerfest an die türkische Nordküste gereist. Während der letzten Tage in der Provinzhauptstadt Trabzon kam dann alles ganz anders als gedacht. Hier schildert Akdeniz ihre Erlebnisse.

SCHWERTE/TRABZON

, 18.07.2016, 18:13 Uhr / Lesedauer: 2 min

Für die Regierung auf die Straße zu gehen, für die Demokratie zu kämpfen, nicht zu wissen, wer sich einem in den Weg stellt – Furcht und Unsicherheit begleitete einige der Türken, die für ihre demokratisch gewählte Regierung und gegen die putschenden Einheiten des Militärs am Freitag auf die Straße gingen. Auch Aynur Akdeniz aus Schwerte war dabei.

„Das war eine schlaflose Nacht“, erinnert sie sich. Wie viele Türken war sie geschockt als die Nachricht vom Putsch die Runde machte und im staatlichen Fernsehsender TRT die Botschaft des Militärs verlesen wurde. „Da geht einem schon ziemlich viel durch den Kopf. Man konnte nicht einschätzen, wer am Putsch beteiligt war. Es gab nicht viele Informationen.“

"Keiner hat das auf die leichte Schulter genommen"

Die Situation war undurchsichtig und chaotisch. Dann hat Staatspräsident Erdogan sein Statement abgegeben. „Viele hielten den Aufruf, auf die Straße zu gehen, für verantwortungslos. Ich denke aber, dass es genau das Richtige war. Es gab zwar viele Tote und auch Verletzte, aber die Bevölkerung konnte den Putsch beenden, das war der Verdienst des Volkes.“

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Der Putschversuch des Militärs in der Türkei

16.07.2016
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Den Putsch im Jahr 1980 habe sie kaum mitbekommen, damals sei sie noch zu klein gewesen, erinnert sich die 40-Jährige. Dennoch: Sie und die meisten Türken wissen um die Geschichte des Landes, die vorangegangenen Coups des Militärs, das bereits öfter ins politische Geschehen des Landes eingegriffen hatte. „Keiner hat das am Freitag auf die leichte Schulter genommen“, macht Akdeniz deutlich.

Unsicherheit und Wut

Dieser Putsch allerdings sei anders gewesen als andere. „Das war mir sofort klar. Allein, dass es nicht in den frühen Morgenstunden passiert ist, war ungewöhnlich“, so die 40-jährige Schwerterin. Auch, dass sich die Bevölkerung hinter die Regierung Erdogans gestellt habe, sei bemerkenswert gewesen. „Das war historisch für ein Land wie die Türkei, die verschiedene Ethnien und Religionen beherbergt. Diesen Zusammenhalt der Menschen kann man nicht beschreiben.“

Aynur Akdeniz erinnert sich nicht nur an die Unsicherheit, sondern auch an die Wut, die viele Türken auf die Straße drängte. „Die Leute waren sehr schnell unterwegs“, das weiß sie, weil auch sie dabei war. In Trabzon an der Nordküste sei die Lage relativ ruhig geblieben, schildert sie ihre Erlebnisse. „Es gab keine spürbaren Übergriffe seitens des Militärs.“

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„Das Land hat sich enorm entwickelt, die Türken stehen hinter ihrer demokratisch gewählten Regierung. Ein Putsch war für die Leute schlicht inakzeptabel. So kann ein Wechsel nicht aussehen.“ Sie sei überzeugt, dass die Türkei ein demokratisches Land sei, in dem ein Putsch heute keinen Erfolg mehr haben werde, so Akdeniz. Auch, wenn sie weiß, wie es im Westen um den Ruf Erdogans als Demokrat bestellt ist. „Die türkische Regierung hat für sich schon den Schuldigen gefunden“, so die Schwerterin. Bis die Hintergründe geklärt seien, müsse allerdings man abwarten.

Von Schwerte aus Verwandte angerufen

Hakan Namlisoy war nicht vor Ort, sondern hat die Ereignisse von Schwerte aus verfolgt. Er habe seine Familie in Izmir direkt angerufen, sagt er: „Ich konnte es gar nicht fassen. Auch um 3 Uhr nachts waren alle noch auf den Beinen. Meine Mutter sagte, dass Vater Tränen in den Augen habe. Sie wussten ja nur zu gut, was so ein Coup bedeuten kann.“ Namlisoy ist wie viele andere Türken froh, dass der Putsch nicht erfolgreich war.

Ob in der Türkei nun tatsächlich wieder Ruhe einkehren kann, bleibt abzuwarten.  

Militär und Politik in der Türkei
Die türkische Armee hat in der Türkei nicht zum ersten Mal einen Coup versucht. 1960, 1971, 1980 sowie 1997 war das Militär für Umstürze verantwortlich.
Der Unterschied zum nun versuchten Putsch ist, dass die Bevölkerung sich hinter den demokratisch gewählten Präsidenten Recep Tayyip Erdogan stellte. Der Rückhalt im Volk blieb den putschenden militärischen Einheiten versagt.
Generalstabsmäßig geplant wurde der Coup nicht, so scheint es. Der Putsch startete beispielsweise bereits am späten Abend, als noch viele Bürger draußen unterwegs und aktiv waren. Und wurde auch nur von einem Teil des Militärs mitgetragen.

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