Schwerterin kam Heiligabend 1945 als Flüchtling an und stand vor Trümmerbergen

rnDeutsche Flüchtlinge

Damals wurden auch Deutsche zu Flüchtlingen: Die Vertreibung aus Danzig machte aus Elisabeth Emde (88) eine Schwerterin. In bitterer Kälte stand ihre Familie Heiligabend 1945 vor dem Nichts.

24.12.2018 / Lesedauer: 4 min

Nur noch Trümmerberge statt der ersehnten warmen Stube in der Eisenindustriestraße. Das Haus der weitläufigen Verwandten, von dem man auf der Flucht aus Danzig so lange geträumt hatte, war zerbombt. Es war Heiligabend 1945, als Maria Muschke, die Mutter von Elisabeth Emde (88), geschockt und verzweifelt durch Schwerte irrte. Gerade war sie mit ihren drei Töchtern völlig erschöpft aus einem der wenigen Züge geklettert, die im Schwerter Bahnhof anhielten. Jetzt standen die Flüchtlinge ohne Hab und Gut auf der bitterkalten Straße.

Schwerterin kam Heiligabend 1945 als Flüchtling an und stand vor Trümmerbergen

Glückliche Familie: In Schwerte lernte Elisabeth Emde ihren Ehemann Ludwig Emde kennen, dem sie Sohn Thomas schenkte. © Reinhard Schmitz

Doch dann die frohe Botschaft. Irgendwer wusste: Die Verwandten lebten, hatten eine Bleibe an der Kuhstraße gefunden. Die Wohnung war klein, umso größer indes die Wiedersehensfreude, die sich mit der Weihnachtsfreude mischte. Bei Erbsensuppe als Festtagsessen.

Ohne Schuhe aus Polen ausgewiesen

Endlich eine warme Mahlzeit nach all den Monaten voller Entbehrungen und Angst, die die Familie nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs durchleiden musste. „Am 4. August sind wir von den Polen enteignet und ausgewiesen worden“, erinnert sich Elisabeth Emde noch ganz genau. Von einer Stunde auf die andere raus aus dem eigenen Haus, in dem sie mit drei Mietparteien gelebt hatte. Und rein in Viehwaggons: „Wir durften nichts mitnehmen. Meiner Schwester haben sie sogar die Schuhe ausgezogen.“

Barfuß ging die Irrfahrt nach Berlin, wo man nächtelang nach Fahrkarten anstehen musste. Als die Flüchtlinge schließlich in Schwerte ankamen, war die Schwester Gertrud so diphtheriekrank, dass sie sofort ins Krankenhaus musste.

Vater sollte Bahnhof Geisecke wieder aufbauen

Für die anderen blieben Betten vorerst ein Traum. „Wir haben auf dem Fußboden gelegen“, berichtet Elisabeth Emde. Nach Weihnachten konnte eine Sozialdienst-Mitarbeiterin aber eine erste Wohnung in der Mährstraße besorgen. Das Ärgste schien überstanden, aber die Familie immer noch längst nicht vereint. Vater Paul Muschke hatte sich wie alle Danziger Eisenbahner in Hamburg bei der Eisenbahn melden müssen.

Dann half ein glücklicher Zufall mit: „Mein Vater bekam den Auftrag, als Rottenmeister den Bahnhof Geisecke wieder aufzubauen.“ Das Ansinnen, mit Frau und drei Kindern in den Bauzugwagen zu leben, konnte er erfolgreich ablehnen: „Da haben sie uns eine Wohnung gegeben.“

Bruder Hans wähnte die Familie tot

Blieb die Sorge um Bruder Hans, der zur Wehrmacht eingezogen und verschollen war. Über Suchdienste erfuhr man, dass er lebte und in Mittenwald als Dolmetscher bei den Amerikanern diente. Durch eine Verwechslung glaubt er allerdings, dass seine Familie ausgebombt und gestorben sei. Denn in der damaligen Horst-Wessel-Straße in Danzig hatte es zwei Familien namens Muschke gegeben.

Als plötzlich die totgeglaubte Schwester Gertrud in Mittenwald vor der Tür stand und klingelte, wollte der Bruder seinen Augen nicht trauen. Er erlitt einen derartigen Schock, dass seine Haare auf einen Schlag weiß wurden. Im April 1946 konnte auch er nach Schwerte ziehen – von der amerikanischen in die britische Besatzungszone.

Schwerte wurde zur Heimat

Alle hatten überlebt, aber die alte Heimat war fern. Ob sie bisweilen das Heimweh plagte? „Nein“, sagt Elisabeth Emde: „Dazu hatten wir keine Zeit. Es war zu aufregend.“ Und sie hätten doch immer geglaubt, nur eine Zeit überstehen zu müssen, um dann wieder nach Danzig zurückkehren zu können.

Als es ganz anders kam, richtete sich die Familie in Schwerte ein. Mit 16 Jahren trat Elisabeth Emde eine Lehre als Putzmacherin bei Anni Graf an, die ihr Geschäft in der ersten Etage über dem Spielwarengeschäft Bartsch an der Bahnhofstraße betrieb. Eigentlich sei es ja ihr Wunsch gewesen, Schneiderin zu werden: „Aber da wurde nicht nach gefragt.“ Später arbeitete sie in der damaligen Kleiderfabrik Irringer.

„Leicht ist es uns nicht gefallen, aber wir haben es geschafft“, sagt Elisabeth Emde. Schwerte sei zu ihrer Heimat geworden. Auch dank der Aufnahme in der Pfarrgemeinde St. Marien und in der Kolpingfamilie. Dort erlebte sie auch ihr privates Glück, als sie ihren späteren Ehemann Ludwig Emde kennenlernte. Daraus ging der Sohn, der Medien-Designer Thomas Emde, hervor.

Lesen Sie jetzt