Schwerterin teilte sich mit 40 Flüchtlingen ein Haus

Unter einem Dach

Als Frau allein unter einem Dach mit etwa 40 männlichen Flüchtlingen – das ist für manche Leute eine beklemmende Vorstellung. Inge Lamann war in dieser Situation und teilte sich länger als ein halbes Jahr ein Haus mit den Asylsuchenden. Was sie für Erfahrungen gemacht hat, erzählte sie unserem Mitarbeiter Hendrik Schulze Zumhülsen.

GEISECKE

, 11.11.2016, 15:38 Uhr / Lesedauer: 2 min
Inge Lamann kam zu einem Gespräch in die Redaktion. Acht Monate lebte sie mit Flüchtlingen in einem Haus.

Inge Lamann kam zu einem Gespräch in die Redaktion. Acht Monate lebte sie mit Flüchtlingen in einem Haus.

Sie wohnten in einem Haus mit 40 Flüchtlingen. Wie kam es denn dazu?

Im September 2014 bezog ich eine Dachgeschosswohnung in einem Haus, wo auch der Vermieter mit seiner Partnerin wohnte. Irgendwann Ende September 2015 bekam ich ohne Vorwarnung meine Kündigung. Da stand dann drin, dass der Vermieter den Wohnraum zur Unterbringung von Asylsuchenden nutzen wollte.

Was geschah dann?

Ich habe dem über einen Anwalt widersprochen. Das Ergebnis war, dass ich dort wohnen bleiben durfte.

Was haben Sie denn gedacht, als Sie erfahren haben, dass sie mit etwa 40 männlichen Flüchtlingen unter einem Dach leben sollten?

Bevor es losging, vom Herbst bis in den Februar rein, habe ich unheimlich viel zu hören bekommen. „Mach, dass du da wegkommst“, haben mir viele gesagt, „Das gibt eine Katastrophe. Du, ganz allein als Frau unter Flüchtlingen.“ Ich hatte wahnsinnige Angst. Das hat mich psychisch sehr belastet.

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Was war, als die Asylsuchenden dann kamen?

Die sind eingezogen in das Erdgeschoss und die erste Etage. Die lebten da mit vier bis sechs Leuten im Zimmer. Was mir als Erstes aufgefallen ist, war, dass sie sehr zurückhaltend, vielleicht sogar ängstlich waren. Die wussten ja nicht, dass meine Angst größer war als ihre.

Wie ist es weitergegangen?

Ich war präsent, aber trotzdem unauffällig. Das habe ich mir von Anfang an so angewöhnt. „Guten Tag“ habe ich gesagt, meine Hunde habe ich an der Leine nach unten geführt, weil ich wusste: Die haben auch Angst vor Hunden. Abends habe ich meine Tür verrammelt und einen Besenstiel unter die Klinke gestellt.

Und dann hat sich was verändert?

Ja, mit der Zeit wurde die Atmosphäre ein wenig lockerer. Ab und zu habe ich beim Spazierengehen einen Schlenker gemacht und habe ihnen „Gute Nacht“ gesagt. Nach einer gewissen Zeit kannten sie mich.

Und dann?

Und dann kamen die Leute auf mich zu. Wenn ich nach Hause gekommen bin, haben sie mir die Tür aufgemacht. Wenn ich mit Einkaufssachen kam, haben sie sie mir nach oben getragen. Sie haben mir signalisiert, sie möchten mir gerne helfen. Und irgendwann haben die mich auf einen Tee eingeladen. Da gab es so süßes Gebäck. Das hat mir nicht geschmeckt. Aber das war ihnen wahnsinnig wichtig. Die Krönung war dann, dass ich auf eine Wasserpfeife eingeladen wurde. Höher geht es schon nicht. An Fremde geben die ihre Wasserpfeife nämlich nicht ab.

Und dann sind Sie ausgezogen, warum denn?

Das hatte persönliche Gründe. Ich wollte in die Nähe meiner Tochter ziehen. Ich hab jetzt auch einen Garten für meine Hunde.

Fiel der Abschied schwer?

Mit ein paar Albanern und Syrern hatte ich viel zu tun. Als sie erfahren hatten, dass ich ausziehe, hieß es „Wir sind sehr traurig“. Dann haben sie gefragt „Wann ziehst du aus? Wir helfen!“

Ist es auch so gekommen?

Ja, dann kam die Stunde X und 15 bis 18 Leute haben mir beim Umzug geholfen. Es war unbeschreiblich. Mich hat das unglaublich beeindruckt.

Haben Sie noch Kontakt?

Ja, mit den beiden Albanern, die noch in dem Haus leben, habe ich noch regen Kontakt, auch über Whatsapp. Die habe ich auch kürzlich getroffen. Wir sind folgendermaßen verblieben: Ich werde ab und zu hinfahren und sie besuchen. Jeden Tag da aufzuschlagen, das wäre zuviel. Wir leben ja schließlich in verschiedenen Welten.

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