Tempolimit auf Autobahnen ist überfällig – aber die Politik ignoriert den Bürgerwillen

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Der Schwerter Matthias Geck (68) kämpft mit einer Online-Petition für ein Tempolimit auf Autobahnen. Unser Autor findet: Die Einführung wäre überfällig. Und würde sehr viele Probleme lösen.

Schwerte

, 01.12.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der Sommerurlaub mit der Familie an der niederländischen Nordseeküste hat es wieder deutlich gemacht, das unterschiedliche Fahrerlebnis auf deutschen und niederländischen Autobahnen.

Erst die Baustellen und Staus im Ruhrgebiet, der übliche Wahnsinn. Dann der Kontrast, die vergleichsweise wenig befahrene Route über die niederrheinische A3, eine Rennstrecke für jedermann – ganz gleich, ob er mit einem tiefergelegten Kleinwagen oder einem übermotorisierten SUV über die Piste donnert.

Und dann Holland. Tempolimit. Entschleunigung. Weil alle gleich schnell fahren (müssen), fließt der Verkehr. Staus? Fehlanzeige. Stress? Auch nicht. Keine Lichthupe, kein Hupen oder Drängeln von hinten. Wir kommen entspannt an – und fragen uns wieder einmal, warum das nicht auch in Deutschland möglich ist.

Am Recht auf Raserei ist in Deutschland nicht zu rütteln

Die Antwort kennen wir. Weil es in Deutschland kein allgemeines Tempolimit auf den Autobahnen gibt. Weil das in Deutschland anno 2019 politisch immer noch nicht vermittelbar ist, wie das jüngste Scheitern eines Grünen-Antrages im Bundestag gezeigt hat. Am Recht auf Raserei ist im Autoland Deutschland offenbar nicht zu rütteln. Wider jede Vernunft und gegen jedes noch so gute Argument.

Matthias Geck hat in seiner Online-Petition, die bereits mehr als 62.000 Unterzeichner gefunden hat, viele dieser Argumente zusammengetragen.

Die wichtigsten:

  • Mehr Sicherheit: Die Begrenzung der Höchstgeschwindigkeit senkt die Zahl schwerer und tödlicher Unfälle, wie eine Studie aus Brandenburg zeigt.
  • Mehr Klimaschutz: Deutschland zerbricht sich den Kopf darüber, wie es seine Klimaziele erreichen kann – mit der Einführung eines Tempolimits bräuchte es nicht mehr als ein paar Schilder, um sofort drei Millionen Tonnen CO2 jährlich einzusparen, wie das Umweltbundesamt vorrechnet.
  • Weniger Staus: Durch angepasste Geschwindigkeiten verbessert sich der Verkehrsfluss, ein ständiges Beschleunigen und Abbremsen entfällt.

Keines dieser Argumente ist übrigens neu, ebenso wenig wie die Reflexe der Tempolimit-Gegner. Deutschland dürfe sich diesen Luxus nicht nehmen lassen, schreibt etwa Marcel Leibner auf der Facebook-Seite unserer Redaktion. Doch der Vorstoß von Matthias Geck und seinem Bruder Benjamin stößt nicht nur auf Kritik aus der Kategorie „Freie Fahrt für freie Bürger“, sondern auch auf hämische Boshaftigkeiten der Marke „In dem Alter sollte der gute Herr auch nicht schneller als 130 fahren.“ Auch das ist Deutschland 2019.

Parallelen zur Debatte um das Rauchverbot

Dabei ist auch Gecks Verweis auf die einstige Debatte ums Rauchverbot in Gaststätten überaus berechtigt. Viele der Kritiker, die damals das große Kneipensterben fürchteten, freuen sich heute, dass sie dem gesundheitsschädlichen Gestank nicht mehr ausgesetzt sind.

Die mächtige Tabaklobby, die es geschafft hat, dass Deutschland bis heute als einziges EU-Land noch Zigarettenwerbung im Kino und Plakatwänden erlaubt, konnte das Rauchverbot nach jahrelangem erbitterten Widerstand irgendwann nicht mehr abwenden.

Die Mehrheit der Bevölkerung ist für ein Tempolimit

Die Autolobby ist in Deutschland noch stärker, ein Tempolimit deshalb noch schwerer durchzusetzen. Doch die Mehrheit der Bevölkerung, das zeigen Umfragen, ist inzwischen dafür.

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Und die Unterstützung für Gecks Petition ist ein Indiz dafür, dass die Zahl der Tempolimit-Befürworter weiter wächst.

Bleibt zu hoffen, dass es wie beim Rauchverbot läuft – und die Politik die guten Argumente und den Bürgerwillen irgendwann nicht mehr ignoriert.

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