Volksbühne Ergste: Wir blicken hinter die Kulissen

"Perspektivwechsel"-Reportage

Der Vorhang schließt sich, das Klatschen und Jubeln davor hält noch eine Zeit lang an. In unserer Serie "Perspektivwechsel" haben wir hinter die Kulissen der Volksbühne Ergste geschaut und seltene Einblicke in die Arbeit der Schauspieler, Bühnenbauer und des Spielleiters bekommen.

ERGSTE

, 03.05.2017, 15:34 Uhr / Lesedauer: 4 min
Volksbühne Ergste: Wir blicken hinter die Kulissen

Auf der Bühne laufen die letzten Vorbereitungen.

Noch 45 Minuten, bis der der Vorhang fällt. Dagmar Schulte und Michaela Figulla sitzen gerade in der Maske. Sie sind die Hauptdarstellerinnen des Stückes „In jeder Beziehung“, das die Volksbühne in der Rohrmeisterei aufführt.

Daneben sitzen Wolfgang Strauß und Laura Ulitzka, die im letzten Akt auf der Bühne stehen. Die Stimmung ist ausgelassen. Alle wirken sehr entspannt. „Innerlich sieht es aber anders aus“, sagt Strauß, der einen ungarischen Tennislehrer darstellt, und lacht.

Zwischen schweren Holzplatten und Schokoladenkuchen

Direkt hinter dem Bühnenbild geht Michael Krause auf und ab. Sein Textbuch ist dabei immer fest in seiner Hand. Ab und zu blickt er nach vorn. Spricht kurze Passagen leise vor sich hin, um kurz darauf wieder die Richtung zu wechseln. Auch Werner Jentsch taucht immer wieder hinter der Bühne auf. Der Bühnenmeister kontrolliert ein letztes Mal sein Bild.

Dicke Spannschrauben halten darin schwere Holzwände. Bunte Nummern leuchten darauf, um die Montagereihenfolge zu markieren. Die hölzernen Wände sind von einem geordneten Chaos umgeben. Rosen, Sporttaschen, Sektflaschen, ein Schokoladenkuchen, Garderobenständer mit jeder Menge Kleidung, Bettwäsche sowie zahlreiche Schuhe versammeln sich dahinter. Alles Requisiten, die heute noch auf der Bühne stehen werden.

Fünf Türen sind in die Wände eingebaut. Der Bühnen-Ein- und -Ausgang für die Schauspieler. Beim Gang durch sie steht man plötzlich mitten in der Welt von Leah und Paul, deren eingeschlafenes Eheleben heute auf der Bühne im Mittelpunkt steht.

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Perspektivwechsel in der Volksbühne

Zum letzten Mal präsentierte die Volksbühne Ergste am 23. April in der Rohrmeisterei ihr Stück „In jeder Beziehung“. In unserer Serie "Perspektivwechsel" haben wir hinter die Kulissen geschaut und seltene Einblicke in die Arbeit der Schauspieler, Bühnenbauer und des Spielleiters bekommen, die der Zuschauer so nicht erhält.
03.05.2017
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Letzte Einstimmung, bevor es losgehen kann.© Foto: Markus Trümper
In der Maske legen die Schauspieler auch mal selbst Hand an. Hier frisiert Dagma Schulte Michela Figulla.© Foto: Markus Trümper
Auch Michaela Figulla geht ihren Text nochmal durch.© Foto: Markus Trümper
Auf der Bühne laufen die letzten Vorbereitungen.© Foto: Markus Trümper
Noch schnell die Schminke überprüfen, bevor es losgehen kann.© Foto: Markus Trümper
Auf und ab, auf und ab. Michael Krause geht kurz vor dem Auftritt noch einmal seinen Text durch.© Foto: Markus Trümper
Auch Spielleiter Werner Frank gibt noch einmal letzte Instruktionen.© Foto: Markus Trümper
Über die kleinen Bildschirme können die Schauspieler das Geschehen auf der Bühne verfolgen.© Foto: Markus Trümper
Wer nicht auf den kleinen Bildschirm schaut, ist in seinen Text vertieft.© Foto: Markus Trümper
Michale Krause hat sich seinen Text farblich markiert.© Foto: Markus Trümper
In der Pause muss es schnell gehen. 20 Minuten bleiben, um das Bühnenbild komplett umzubauen.© Foto: Markus Trümper
Eine Trennwand muss her. Nach dem Aufbau verwandelt sich die Bühne in zwei Räume.© Foto: Markus Trümper
Auch für eine Kuscheleinheit mit der Enkelin hat Dagmar Schulte hinter der Bühne noch Zeit.© Foto: Markus Trümper
Auf der Bühne ist dann wieder volle Konzentration gefragt.© Foto: Markus Trümper
Es ist geschafft: Der verdiente Applaus.© Foto: Markus Trümper
Die Schauspieler fallen sich in die Arme. Ein gelungener Auftritt.© Foto: Markus Trümper
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Eine Welt, die erst am Morgen einen Tag vor der Aufführung in der Rohrmeisterei entstanden ist. „Der reine Aufbau hat rund sechs Stunden gedauert. Die Planung so eines Bühnenbildes nimmt natürlich noch wesentlich mehr Zeit in Anspruch. Das ist schon viel Arbeit“, erklärt Jentsch.

Doppelbelastung für den Spielleiter

Gelbe Tapete ziert die Holzwände auf der Bühnenseite. In der Mitte liegt ein großer Teppich, der mit Schrauben auf dem Holzboden der Bühne fixiert ist. Darauf steht eine Couch. In der linken Ecke wartet eine große Pendeluhr darauf, ihre Glocken läuten zu dürfen. Es riecht nach Bohnerwachs und Spießigkeit, könnte man passenderweise sagen, denn das berühmte Lied von Udo Jürgens soll an diesem Abend noch eine Rolle spielen.

Auch Werner Frank taucht immer wieder hinter der Bühne auf, um kurze Zeit später wieder auf eine Zigarette zu verschwinden. Dem Spielleiter, der heute zudem im Souffleusen-Kasten sitzt, ist die Anspannung am meisten anzumerken. „Dieses Mal musste ich strenger sein. Normalerweise haben unsere Darsteller viel Spielraum. Dieses Mal müssen sie sich aber sehr genau an die Rollenbeschreibungen und die Texte halten, damit das Ganze funktioniert“, sagt der Experte.

Dann sind es noch zehn Minuten. Unter dem lauten Stimmengewirr, das vor dem Vorhang zu hören ist, trommelt Werner seine Schäfchen dahinter noch einmal zusammen. Er bedankt sich für die tolle Mitarbeit aller Beteiligten. Stolz und Vorfreude weichen der Anspannung. Dann drücken sich alle noch einmal und wünschen sich das obligatorische „toi, toi, toi“.

Die Bühne trennt zwei Lautstärke-Welten

Frank macht sich auf den Weg zu seinem Souffleusen-Kasten, der direkt vor der Bühne steht. Dagmar Schulte, Michael Krause, Michaela Figulla und Werner Jentsch verschwinden schnell wieder hinter ihren Rollenbüchern. Der erste Gong hat bereits geläutet. Beim dritten öffnet sich der Vorhang. „Wenn der erste Satz draußen ist, dann gehts“, sagt Schulte. „Aber der muss erst mal raus.“

Dritter Gong. Ruhe im Publikum. Der Vorhang geht auf, Schulte auf die Bühne. Kurze Zeit später ist der erste Satz raus. Und schon nach wenigen Sekunden hat sie das Publikum. Die Komödie um Seitensprünge, eingeschlafene Ehen, verpasste Chancen und das große Liebesglück trifft schnell den Nerv des Publikums. Viele Lacher und stetiger Applaus sind der Lohn.

Während das bunte Treiben auf der Bühne seines Weges geht, ist es hinter der Bühne fast totenstill. Wer sich unterhält, flüstert. Wer sich bewegt, schleicht über die leicht knarrenden Holzbretter des Bodens. Wer nicht in seinem Text versunken ist, beobachtet die kleinen Bildschirme in den Ecken. Darauf ist die Bühne zu sehen und mit ihr das Geschehen darauf.

Technische Probleme sorgen für Hektik

Plötzlich kommt Schulte das erste Mal aus einer Seitentür geschossen. Schnell fallen Hose und Oberteil. Wenige Sekunden später betritt sie die Bühne in einem roten Hausanzug wieder. Dann ist der erste Akt vorbei – und es wird trubelig.

Der elektrische Vorhang lässt sich nicht schließen. Auf halben Weg bleibt er stehen. Die Kulisse weiter unverhüllt. Frank kommt hinter die Bühne gestürmt. Vier Bühnentechniker an seiner Seite. Mit einer großen Leiter machen die sich am Vorhang zu schaffen. Für den Rest des Abends muss er von Hand bewegt werden. „Ja, das ist live“, sagt Frank.

Eine erneute Glocke deutet den Beginn des zweiten Aktes an. Bis jetzt ist das Bühnenbild unverändert. Das soll sich nach dem zweiten Akt ändern.

Während des Spiels wechseln die Blicke hinter der Bühne weiter zwischen Textblättern und Bildschirmen. Das Textbuch von Michael Krause ist von einer gewissen Farbvielfalt geprägt. „Grün steht für Regieanweisungen, Orange ist mein Text und Gelb der meines Spielpartners. Den muss man zumindest auch sinngemäß lernen, damit man auf die Stichworte reagieren kann“, erklärt der erfahrene Mann von der Volksbühne. Dabei hält er die Klinke der mittleren Tür bereits in der Hand. Er spricht leise die Passage auf der Bühne mit. Dann muss er selbst wieder raus. Kurze Zeit später fällt der zweite Vorhang. Dann wird es hektisch.

Eine Viertelstunde Zeit für den Umbau

Rund 20 Minuten haben die Bühnenbauer und Schauspieler Zeit, die Kulisse zu verwandeln. Neun Leute wuseln durcheinander. Figulla räumt das Wohnzimmerregal leer. Ein paar Minuten später liegt das auf dem Boden – und ist jetzt ein Bett. Leisten werden abgeschraubt, der Teppich verschwindet, und die Wände wechseln ihre Farbe. Werner Jentsch entfernt die erste Schicht der vorherigen Wohnungswand. Dahinter tauchen weitere Platten auf – mit grünen und rosafarbenen Tapeten.

In der Mitte der Bühne wird eine Zwischenwand montiert. Neue Bilder kommen an die Wände. Über den Türeingängen prangen plötzlich Notausgangs- und Nichtraucher-Schilder. Nach 17 Minuten steht alles, und aus dem einstigen Wohnzimmer von Leah und Paul sind in kürzester Zeit zwei Hotelzimmer entstanden.

Durch den Hintereingang der Rohrmeisterei verschwinden die ersten Requisiten in einem LKW. Durch eine riesige Tür kann der direkt hinter der Bühne beladen werden. „Den Umbau haben wir geübt. Jeder weiß, was er zu tun hat. 20 Minuten sind nicht viel Zeit, das muss fluppen“, sagt der Spielleiter.

Tränen und Feuerwerk

Auf der Bühne steht der letzte Akt an. Nun betreten auch Strauß und Ulitzka die Bühne. Ulitzka ist zuerst an der Reihe. Während Strauß sich in sein Tennis-Oufit schmeißt, macht sich die Jüngste des Ensembles bereit, die Bühne zu betreten. Sie atmet noch einmal tief durch, schaut konzentriert nach vorn. Wenige Sekunden später steht sie vor dem Publikum.

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Die anderen beobachten die Bildschirme. Immer wieder lachen auch sie. Der Spaß ist ihnen sichtlich anzumerken. In allen steckt viel Leidenschaft, Enthusiasmus und Freude am Spiel. Dann ist es geschafft. Während „Ich war noch niemals in New York“ aus den Boxen dröhnt und Tischfeuerwerk in das Publikum fliegt, schließt sich langsam der letzte Vorhang. Als sich die Umarmungen aufgelöst haben, laufen Werner Frank Tränen über die Wange. Es sind Tränen der Freude. „Wir hatten lediglich 17 Proben bis zur Premiere. Das ist nicht viel. Alle haben toll gespielt. Ich bin wirklich stolz“, sagt er.

Im Hintergrund hat sich die große Tür bereits wieder geöffnet. Die nächsten Requisiten finden ihren Weg in den LKW. In zwei Stunden wird hinter dem Vorhang nichts mehr von der Volksbühne zu sehen sein. Dafür werden davor viele Erinnerungen bleiben.

Das ist unsere Serie "Perspektivwechsel"
Bei einer Geschichte wird schnell klar, wer die Protagonisten sind. Doch was passiert, wenn man den Blickwinkel ändert? In unserer Serie „Perspektivwechsel“ machen wir genau das. Wir erzählen Geschichten und lenken den Fokus auf vermeintliche Nebenschauplätze. In unserer vierten Geschichte sind wir beim Theater – und blicken während der Aufführung hinter die Bühne. Denn während das Publikum dem Schauspiel folgt, spielt sich auch hinter der Bühne ein buntes Treiben voller Aufgaben ab.

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