Warum brauchte Schwerte im Mittelalter gleich zwei Galgen, um Verbrecher aufzuhängen?

rnTodesstrafe in Schwerte

Zwei Galgen für das kleine Schwerte? War die Stadt im Mittelalter so kriminell, dass eine einzige Hinrichtungsstätte nicht ausreichte? Heimatvereins-Vorsitzender Uwe Fuhrmann recherchierte.

Schwerte

, 16.11.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Achtung Verbrecher, hier droht die Todesstrafe. Sieh dich vor, wenn du nach Schwerte kommst. Als mahnendes Zeichen thronte der Galgen an der Stadtgrenze zu Dortmund. Weithin sichtbar oberhalb des Holzener Wegs hatte der Magistrat im ausgehenden Mittelalter die Richtstätte bauen lassen. Das verrieten alte Flurnamen wie „Am Galgendyck“ und „Am alten Galgen“ dem Heimatvereins-Vorsitzenden Uwe Fuhrmann. Aber warum der Zusatz „alter“ Galgen? War das Holzgerüst durch häufigen Gebrauch so abgenutzt, dass es erneuert werden musste?

Schüler sangen bei der Hinrichtung ein Lied

Eine spannende Frage, die Fuhrmann nicht los ließ. Mit den erweiterten Stadtrechten – so berichtet er – hatte der Graf Dietrich von der Mark Schwerte im Jahre 1397 auch die eigene Gerichtsbarkeit verliehen. Der Henker, erstmals im Jahre 1520 in Kirchenbüchern erwähnt, musste sich wie vielerorts jedoch wohl sein Zubrot als Bordellwirt oder Abdecker verdienen. Denn so sehr Fuhrmann auch in den Archiven stöberte: Er konnte nur einen einzigen Fall aufstöbern, bei dem die Todesstrafe am Strang vollstreckt wurde. Am 26. Juni 1663 wurde der notorische Dieb Johann Bomheves gehenkt – ausführlich geschildert vom damaligen lutherischen Pfarrer, der die Anwesenden zum Vaterunser-Beten aufforderte und dem Verurteilten beim Hinaufsteigen auf die Leiter per Händedruck eine „selige Reise zu den himmlischen Freuden“ wünschte. Vor dem Nachhauseweg stimmte der Lehrer noch mit seinen Schülern das Lied „Nun bitten wir den Heiligen Geist“ an.

Gelände am Kreinberg sah ohne die Eisenbahnen ganz anders aus

Da der Weg vom Gefängnis im früheren Hüsingtor (nahe der Baustelle für das Café Extrablatt) über das Alte Rathaus am Markt bis zur Hinrichtungsstätte am neuen Galgen in dem Bericht ebenfalls detailliert beschrieben ist, konnte Fuhrmann deren Standort auf der Schwerterheide lokalisieren: ungefähr an der Gabelung der Ostberger Straße mit der Sackgasse Eckey, dem Reststück des verschwundenen Wiesenwegs nach Dortmund. „Alle dachten, der Galgen habe am Kreinberg gestanden“, sagt der Heimatvereins-Vorsitzende. Aber im Mittelalter habe der „Krähenberg“ ganz anders ausgesehen: „Da gab es noch nicht den Einschnitt durch die Eisenbahnlinien.“ Der Hügel zog sich bis weit hinter die heutige Heilig-Geist-Kirche hin.

Warum brauchte Schwerte im Mittelalter gleich zwei Galgen, um Verbrecher aufzuhängen?

An den alten Galgen erinnert der 350 Kilogramm schwere Findling, den Heimatvereins-Vorsitzender Uwe Fuhrmann und Steinmetzmeisterin Gisela Oberschelp an der Ecke Holzener Weg/Westhellweg aufgestellt haben. © Reinhard Schmitz

Das Rätsel, warum die Stadt einen neuen Galgen brauchte, konnte Fuhrmann zwar auch nicht klären. Aber er fand heraus, dass es diesen schon um 1613 gegeben haben muss. Denn bei den Adressen in Geburts- und Sterberegistern jener Zeit sei zur Unterscheidung schon von „am alten Galgen“ die Rede. Dessen Plateau sei erst in den 1930er- bis 1940er-Jahren bebaut worden. Lange befand sich dort das Möbelgeschäft Glingener, das jetzt einem Wohnhausprojekt gewichen ist.

Gedenksteine für die Galgen sind recycelte Grabsteine

„Die beiden Galgen waren fast gleichweit von der Ortsmitte entfernt“, entdeckte Fuhrmann noch eine weitere Eigentümlichkeit. Die Standorte sind jetzt wieder für jedermann sichtbar. Der Heimatverein hat sie mit Gedenksteinen aus Granit gekennzeichnet, denen kein Mensch ihr Vorleben als Grabsteine ansieht.

Nach dem Fristablauf ihrer Gruften auf irgendeiner öffentlichen Halde gelandet, wurden sie für ihren neuen Einsatz sozusagen recycelt. „Man muss ja sehen, was man für seine Stadt machen kann“, sagt Steinmetzmeisterin Gisela Oberschelp von der Firma Steffens. Sie übernahm diese Aufgabe sogar kostenlos.

Die früheren Bronzebuchstaben wurden abmontiert, die Löcher mit Zement verschmiert, bevor Oberschelp gekonnt die neue Inschrift in den Granit schlagen konnte. „Der war extrem hart, ein richtiger Meißelfresser“, sagt die Steinmetzmeisterin. Für jeden Buchstaben musste das Werkzeug neu angeschliffen werden. Als Dank und Anerkennung für die ehrenamtliche Unterstützung überreichte Fuhrmann ihr die Verdienstmedaille des Heimatvereins am rot-weißen Band.

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