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Am 31. Mai 1944 bombardierten die Amerikaner den Güterbahnhof und das Nickelwerk. Barbara Krage öffnet das Tagebuch ihrer Großmutter, die den schwersten Fliegerangriff auf Schwerte erlebte.

Schwerte

, 31.05.2019 / Lesedauer: 4 min

„50 Särge standen in der großen Kirche (heute: Viktorkirche, d. Red.) und 26 Särge in der Katholischen Kirche.“ Erschrocken las Barbara Krage (66), was ihre Großmutter Clarissa Spielmann (1895-1967) da unter dem 31. Mai 1944 in Sütterlinschrift in ihrem „Christlichen Vergißmeinnicht“ eingetragen hatte. Ganz willkürlich hatte die Schwerterin in dem ledergebundenen Bändchen geblättert, das in ihrer Familie generationenlang von der Mutter an die Tochter weitergereicht wurde. Meistens waren es Geburtstage oder Naturschauspiele wie die zugefrorene Ruhr, die auf dem weißen Raum jeweils unter dem Bibelspruch des Tages vermerkt waren. Doch dann kam diese Notiz in dunkler Tinte: „1944 wurde das Nickelwerk und der Güterbahnhof Schwerte durch Luftminen zerstört. Viele Männer und Frauen fanden dabei auf ihrer Arbeitsstätte den Tod.“

Weltkriegs-Tagebuch: Wie eine Schwerterin 1944 den Bombenhagel mit 300 Toten erlebte

In langer Schlange bewegten sich die Leichenwagen mit den Särgen die Hörder Straße zu den Friedhöfen herauf. © Repro: Reinhard Schmitz

Die Särge über Särge, die die entsetzte Clarissa Spielmann anschließend in den beiden Kirchen zählte, spiegeln aber nicht einmal die ganze Katastrophe wider. Ungefähr 300 Menschen starben innerhalb von nur sechs Minuten unter den Bomben der amerikanischen Bomber, wie der Historiker Alfred Hintz recherchierte. Die genaue Anzahl lasse sich nicht nennen, weil viele Zwangsarbeiter in Massengräbern verscharrt worden seien. Es sollte der schwerste Luftangriff auf die Ruhrstadt im Zweiten Weltkrieg sein.

54 amerikanische B54-Bomber kamen am helllichten Tage

Am helllichten Tage, um 11.05 Uhr, dröhnten die Sirenen, weil von Bielefeld her 54 amerikanische B54-Bomber herandonnerten. „Plötzlich waren sie über uns, und schwere und schwerste Bomben heulten durch die Luft“, berichtet der frühere Oberschichtmeister Norbert Kaufhold in seiner Kriegschronik: „Ganz schwere Detonationen machten das Haus erzittern, ein Luftzug war deutlich im Keller zu spüren.“ So ähnlich muss auch die damals 49-jährige Tagebuchschreiberin Clarissa Spielmann die schrecklichen Minuten erlebt haben. „Sie wohnte in der Bahnhofstraße 24“, berichtet ihre Enkelin Barbara Krage, der sie von dem schweren Knallen erzählte, das sie ihr Leben lang nicht mehr vergessen sollte.

Mine auf Mine explodierte im nur wenige hundert Meter entfernten Güterbahnhof, dem benachbarten Nickelwerk und dessen Werkssiedlung. Angriffsziel der Amerikaner - so fand Alfred Hintz später heraus - sei bei dieser „Operation 382“ eigentlich der Güterbahnhof gewesen. Doch weil der schwarze Rauch in Brand geschossener Benzinwaggons den Piloten die Sicht verdunkelt habe, hätten sie ihre todbringende Fracht ins Dunkle abgeworfen. Sie verwüsteten vor allem das Nickelwerk und dessen Arbeiterwohnungen.

Bomben durchschlugen die Decken der Luftschutzbunker

Im Bunker unter der Topffabrik wurden mehr als 100 Frauen tot unter den Trümmern begraben. Die Betondecke sei nur 20 Zentimeter dick gewesen, schreibt Norbert Kaufhold: „Das ist natürlich überhaupt kein Schutz.“ Ähnlich schwach gesichert gewesen sei der Bunker unter der Lehrlingswerkstatt, wo keiner der 80 Auszubildenden eine Überlebenschance hatte: „Das Ganze soll nur ein Brei sein, aus dem sie einzelne Körperteile, Körperfetzen bargen.“ Und zu Hause, vor ihren Wohnhäusern, mussten Arbeiter miterleben, wie die verstümmelten Leichen ihrer Frauen aus den Schuttbergen geborgen wurden.

Weltkriegs-Tagebuch: Wie eine Schwerterin 1944 den Bombenhagel mit 300 Toten erlebte

Barbara Krage (66) fand in einer Schublade das „Christliche Vergissmeinnicht", in dem ihre Großmutter Clarissa Spielmann unter dem 21. Mai 1944 vom todbringenden Bombenangriff auf das Nickelwerk berichtet. © Reinhard Schmitz

Weil die Leichenhallen nicht ausreichten, mussten die Toten schließlich in der Sporthalle im Friedrich-Bährens-Gymnasium und in der Turnhalle Am Stemmert (hinter der Gaststätte Haus Tiemesmann) aufgebahrt werden. Die Anblicke müssen fürchterlich gewesen sein, wie Norbert Kaufhold berichtet: „In einer kleinen Kiste lagen die Reste von drei Personen. Eine junge Frau lag ganz splitternackt da. Die Scham hatte man mit einem kleinen Tuch zugedeckt.“ Er erlebte, wie immer weitere Leichen hereingetragen wurden. „Eine Mutter lag da mit ihren beiden kleinen Kindern!“, schreibt er.

Bahnstrecke war schon nach zwei Tagen wieder repariert

In langer Schlange bewegten sich die Trauerwagen am 4. Juni 1944 zur Beerdigung die Hörder Straße herauf. Jeweils fünf Särge hatte man auf ein Pferdefuhrwerk gestellt. Die jagten nach dem Abladen sofort in die Stadt zurück, um neue Tote heranzukarren. Am Tag zuvor war eine staatliche Trauerfeier mit einer SA-Kapelle vor dem Rathaus organisiert worden. Ein Kreisleiter der Nationalsozialisten sprach von einer Verpflichtung zum Sieg, die man den Toten schuldig sei.

So groß das menschliche Leid war, so gering scheint der militärische Nutzen der Bombardierung gewesen zu sein. Die Reichsbahn karrte Hundertschaften von Arbeitern herbei, die die zerstörten Eisenbahnstrecken Richtung Westen rasch wieder befahrbar machten. Bereits nach zwei Tagen dampften wieder die ersten Güterzüge nach Westhofen.

Auf dem Reiterstellwerk im Bahnhof Schwerte war die Tochter der Tagebuchschreiberin Clarissa Spielmann, Charlotte Krage, beschäftigt gewesen. Als die Amerikaner den verheerenden Luftangriff auf Schwerte flogen, war sie aber schon längst abkommandiert in die Ukraine. In Minsk verband sie als Fräulein vom Amt die Reichsbahn-Telefone durch „Stöpseln“. Immer wieder am Hörer hatte sie dabei einen netten Eisenbahner, Karl Krage. „Da haben die sich kennengelernt“, sagt Barbara Krage und klappt das „Christliche Vergissmeinnicht“ zu. Sie selbst hat dort nichts mehr eingetragen. Sie bekam schon ein Poesiealbum.

Schwerte wurde im Zweiten Weltkrieg 48 mal bombardiert

Insgesamt 48 Bombenangriffe flogen die Alliierten im Zweiten Weltkrieg zwischen 1940 und 1945 auf das Schwerter Stadtgebiet, wie der Historiker Alfred Hintz ermittelt hat. Bei den Bombardierungen starben über 400 Schwerter sowie fast 200 Kriegsgefangene und ausländische Arbeiter. Das sind zusammen mehr Tote als an den Fronten, wo 576 Schwerter als Angehörige der Deutschen Wehrmacht das Leben ließen. Als Mahnzeichen für den Frieden ist bei der Renovierung des Bahnhofs ein Träger des Bahnsteigdachs vom Gleis 5/6 gesichert worden, dessen dicker Stahl bei dem Angriff auf das Nickelwerk von Bombensplittern durchsiebt worden ist. Die Eisenbahnfreunde Schwerte suchen nach einem geeigneten Aufstellungsort.
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