Wie eine Familie den Tod des Vaters verarbeitete

Aus Westhofen

Es war eine Tragödie, die sich kurz vor Weihnachten 2014 in Westhofen abspielte. In der Wohnung starb der 33-jährige Familienvater Alexander vor den Augen seiner Frau und der beiden kleinen Söhnen an einer Lungenembolie. Doch die Familie gab sich nicht auf. Wir erzählen, wie die drei nach tiefer Trauer wieder neues Glück fanden.

SCHWERTE

, 20.05.2017, 06:32 Uhr / Lesedauer: 3 min
Wie eine Familie den Tod des Vaters verarbeitete

Die Hochzeitsreise führte Chrisi Leemhuis-Grashof und Stefan Leemhuis mit Linus und Phil nach Mauritius.

Reisen war das große Hobby von Chrisi und Alexander Grashof, sie wollten ihren Kindern die Welt zeigen. Für ein Internet-Gewinnspiel eines Reiseveranstalters schrieb Alexander Grashof einen Reisebericht über Neuseeland, die Internetnutzer sollte vier Monate lang über den besten Text abstimmen. Dem Gewinner winkte ein Reisegutschein über 50.000 Euro. Noch während das Gewinnspiel lief, starb Alexander.

Die Internetgemeinde erfuhr durch Freunde der Familie davon, verbreitete die Geschichte und innerhalb kürzester Zeit stimmten Nutzer aus der ganzen Welt ab für Alexanders Reisebericht. So gewann seine Witwe den Gutschein. „Ich war überwältigt davon, wie viele Menschen helfen wollten, Alexanders Herzenswunsch zu erfüllen“, sagte Chrisi Grashof damals. „Aber was für einen Preis mussten wir zahlen? Mir ist bewusst, dass wir vermutlich nicht gewonnen hätten, wenn Alex nicht gestorben wäre.“

Reise als Flucht

Die Familie erlebte nach Alexanders Tod düstere Monate. „Vor allem die ersten eineinhalb Jahre waren sehr schwierig“, erinnert sich Chrisi Grashof. „Ich kam oft an meine Grenzen.“ Viele Freundschaften blieben auf der Strecke. „Manche wussten nicht, wie sie mit uns umgehen sollten. Andere akzeptierten nicht, wie wir trauerten. Ich musste lernen, Grenzen zu ziehen, damit ich weiter funktionieren konnte für meine Söhne“, sagt Chrisi Grashof rückblickend. Geburtstage, Einladungen, das alles war für die junge Mutter damals schwer zu ertragen.

Chrisi Grashof flüchtete sich mit ihren Kindern ins Reisen. „Ich war viel unterwegs in der Zeit. Wir waren mit dem Gutschein drei Wochen auf Mauritius und La Réunion.“ Zum ersten Todestag von Alexander fiel Chrisi in ein tiefes Loch. Weihnachten und Silvester 2015 erlebten sie in einer Mutter-Kind-Kur in Bodenmais – auch eine Flucht vor dem schmerzlichen Datum und den Menschen in ihrem Umfeld.

"Wann kriegen wir wieder einen Papi auf der Erde?"

„Dort war mein absoluter Tiefpunkt. Ich habe nichts mehr gefühlt, wollte nur noch raus aus meinem Leben. Sogar mit meinem Glauben habe ich gehadert, wieso hatte Gott uns Alex genommen?“ Doch der Tiefpunkt war zugleich der Wendepunkt in Chrisis Trauerarbeit. Sie erkannte, dass es so nicht weiterging. Nicht für sich, nicht für ihre Kinder. Im Februar flog sie für dreieinhalb Wochen mit ihren Söhnen nach Oregon zu einer befreundeten Familie.

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So geht es Familie Leemhuis-Grashof heute

Es war eine Tragödie, die sich kurz vor Weihnachten 2014 in Westhofen abspielte. In der Wohnung starb der 33-jährige Familienvater Alexander vor den Augen seiner Frau und der beiden kleinen Söhnen an einer Lungenembolie. Doch die Familie gab sich nicht auf. Wie es ihnen heute geht, sehen Sie in der Fotostrecke.
12.05.2017
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Linus (l.) und Phil möchten den herzförmigen Stein, den sie aus Neuseeland für das Grab ihres "Himmelspapis" Alexander Grashof mitgebracht haben, noch bunt anmalen.© Foto: Leemhuis-Grashof
Stefan Leemhuis fand schnell einen guten Draht zu Phil und Linus.© Foto: Leemhuis-Grashof
Die Familie Grashof-Leemhuis liebt das Reisen.© Foto: Leemhuis-Grashof
Die Hochzeitsreise führte Chrisi Leemhuis-Grashof und Stefan Leemhuis mit Linus und Phil nach Mauritius.© Foto: Leemhuis-Grashof
An diesem Steg in Kaikoura (NEuseeland) fand die Familie einen herzförmigen Stein, den die Kinder anmalen und auf das Grab ihres Vaters in Mettmann legen werden.© Foto: Leemhuis-Grashof
Phil und Linus mit einem Seelöwen in Kaikoura, Neuseeland im Februar 2017. Diese Reise realisierte die Familie Leemhuis-Grashof über den gewonnenen Reisegutschein.© Foto: Leemhuis-Grashof
Stefan Leemhuis möchte Phil und Linus adoptieren, die drei fanden schnell einen guten Draht zueinander.© Foto: Leemhuis-Grashof
Stefan Leemhuis hatte zu den Söhnen von Chrisi gleich einen guten Draht.© Foto: Leemhuis-Grashof
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„Dort Teil der Familie sein zu dürfen, hat uns so gut getan. Wir kamen zur Ruhe. Das war ein Impuls, mir wurde bewusst, dass ich wieder eine Familie, einen Partner haben wollte. Und dass ich meine Söhne nicht ohne Vater aufwachsen lassen wollte. Alex selbst ist ohne Vater aufgewachsen, eine Sehnsucht, die er immer gespürt hat“, sagt Chrisi Grashof. „Ich selbst konnte den Kindern ihren Papi nicht ersetzen. Linus und Phil haben in ihren Abendgebeten jeden Abend Gott gefragt: Wann kriegen wir wieder einen Papi auf der Erde?“

Kontakt über eine Partnerbörse

Chrisi Grashof fasste neuen Mut und die Sehnsucht nach einem Partner wurde größer. Sie meldete sich in einer Internet-Partnerbörse an. „Ich machte gleich klar, dass es bei uns um eine Familie geht. Mein Profilbild zeigte die Jungs und mich. Aber ich fragte mich natürlich, wer wird schon gleich eine ganze Familie haben wollen?“

Und dann meldete sich Stefan Leemhuis, Mitte 30, ein waschechter Ostfriese, auf der Suche nach der großen Liebe, gerne auch mit Kindern. Ihm war es ernst, das merkte Chrisi gleich. Doch zuerst ließ sie ihn zappeln, aber er ließ nicht locker. Obwohl sie erst noch in die Schweiz reiste, schrieben sie sich täglich. „Wir harmonierten sofort.“ Viel verband sie auf Anhieb, der Glaube, der Wunsch nach Familie. Ostern 2016 dann das erste Treffen. Auch Linus und Phil fassten sofort Zutrauen zu Stefan. „Er kann wirklich gut mit Kindern, ist ruhig, hat einen guten offenen Draht.“

Antrag nach zwölf Tagen Beziehung

Nach zwölf Tagen Beziehung machte Stefan ihr einen Antrag. „Eigentlich verrückt, aber es stimmte für uns einfach alles“, erinnert sich Chrisi Grashof zurück. Im September 2016 heirateten die beiden in Stefans Heimat Hollen, einer 1200-Seelen-Gemeinde. Dann zog Chrisi mit Phil und Linus zu ihm, in sein Haus mit Garten auf dem Land. Die beiden Jungen sagen heute Papi zu Stefan. „Aber Alex ist immer noch bei uns, er bleibt immer ein Teil von uns“, betont Chrisi Leemhuis-Grashof (34), wie sie seit der Hochzeit heißt.

Auch die Söhne haben auf eigenen Wunsch den Doppelnamen angenommen, es sind die Namen ihres „Himmels-Papis“ und ihres neuen Papis. Stefan wird die beiden adoptieren. Die Hochzeitsreise führte die Familie wieder nach Mauritius. Von dort, und auch von der gemeinsamen Neuseelandreise im Februar 2017, brachte die Familie, wie sie es sich vorgenommen hatte, einen Stein für Alexanders Grab in Mettmann mit.

Im Juli erwartet das Paar ein drittes Kind

Das neue Familienglück empfindet Chrisi Leemhuis-Grashof als großes Geschenk – für sich, aber auch für Stefan. „Ich habe deshalb kein schlechtes Gewissen. Aber immer wieder gibt es diese Momente, die mich stocken lassen. Als Phil seinen ersten Zahn verloren hat, seine Einschulung im Sommer – das alles ohne Alex. Linus hat nur einen Geburtstag mit Alex, aber schon drei ohne ihn gefeiert. Alex durfte nicht erleben, wie sich unsere Kinder entwickeln, dass sie Lego genauso lieben wie er selbst. Das schmerzt und ist so ungerecht.“

Für Chrisi, Phil und Linus aber geht das Leben weiter. Und es kommt sogar neues hinzu. Chrisi und Stefan erwarten im Juli eine Tochter. Sie soll Talia heißen, das bedeutet „Tau Gottes“. „Für die Langstreckenflüge fallen wir damit in diesem Jahr aber erstmal raus“, sagt Chrisi lachend. Ihren Neuseelandtraum behalten sie aber im Auge. „Wir haben dort noch längst nicht alles gesehen.“

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