Altersarmut: Wie groß ist das Problem in Schwerte eigentlich?

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Arm im Alter? Was heißt das eigentlich? Wer fällt unter „arm“? Wie viele Menschen in Schwerte betrifft das? Wird das Problem größer oder kleiner? Die Zahlen vom Kreis Unna sind eindeutig.

Schwerte

, 23.01.2020, 19:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Grundsicherung – das offizielle Wort beschreibt sehr gut, was der Staat macht. Er sichert das Grundlegende, will dafür sorgen, dass Menschen nicht in bodenlose Armut fallen.

Man orientiert sich am Existenzminimum – noch so ein Wort: Was muss ein Mensch wenigstens haben, um weiter existieren zu können, auch finanziell, auch gesellschaftlich?

Eine pauschale Summe für alle gibt es nicht. Stattdessen ist es kompliziert: Wohnt der Mensch alleine oder in einer Familie, und falls ja, wie groß ist die? Wie hoch ist also der finanzielle Mindestbedarf? Wie hoch ist die Miete? Gibt es zusätzliche Kosten, die übernommen werden müssen?

Im Amt heißt das dann „bedarfsorientierte und bedürftigkeitsgeprüfte Sozialleistungen zur Sicherstellung des Lebensunterhalts“. Eben die Grundsicherung.

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322 Menschen im Renten-Alter erhalten die Grundsicherung

Die zahlt der Staat für zwei Gruppen: für die Menschen zwischen 18 und 65 Jahren, die „dauerhaft voll erwerbsgemindert“ sind, und für diejenigen, die das Rentenalter schon erreicht haben, deren Einkommen aber kleiner ist als das Existenzmininum.

575 Menschen aus Schwerte haben diese Grundsicherung im Jahr 2018 erhalten. Das geht aus den aktuellsten Zahlen hervor, die der Kreis Unna heraussuchen kann. 322 von ihnen sind im Rentenalter, nur 253 noch jünger.

Und der Trend? Eindeutig ansteigend. Das gilt für ganz Deutschland, das gilt auch im Kreis Unna. 2014 gab es noch weniger als 4700 Menschen, die Grundsicherung bezogen. Die Zahl für 2019 ist noch vorläufig, liegt aber aller Voraussicht nach über der 5200er-Marke. Knapp 2900 Menschen davon sind im Rentenalter.

Für Schwerte gibt es zwar keinen Langzeitvergleich – das liegt laut Auskunft des Kreises Unna an einer Umstellung der Computer-Programme. Doch die Verantwortlichen beim Kreis sagen: Es wäre erstaunlich, wenn es hier anderswo wäre als sonst überall.

Die Vermutung: Längst nicht alle Älteren stellen einen Antrag

Wichtig bei der Grundsicherung: Die bekommt nur, wer einen Antrag stellt. Automatisch von amtswegen geprüft wird nicht. Die Vermutung, die sowohl die Verantwortlichen beim Kreis Unna als auch bei der Schwerter Tafel haben: Viele Ältere scheuen es, den Antrag zu stellen.

Wer es ein Leben lang ohne Sozialleistungen geschafft habe, opfere lieber den Notgroschen, vielleicht auch das geerbte Eigenheim, als sich die Blöße zu geben und sinngemäß zu erklären: Ich komme finanziell nicht mehr hin, helft mir bitte.

„Altersarmut ist ganz klar ein Thema bei uns“, unterstreicht Peter Höck. Seit etwas mehr als zwei Jahren ist der Diplom-Sozialarbeiter Leiter der Schwerter Tafel und des Sozialkaufhauses. Er weiß um die Scham der Älteren. Und er bemerkt auch: Je später im Monat, desto größer der Andrang bei den Lebensmittelausgaben.

Die ist dienstags und freitags von 13 bis 14.30 Uhr. Kommen dürfen alle, die einen Berechtigungsschein haben. 446 Menschen, beziehungsweise Familien seien das aktuell, erklärt Höck.

Altersarmut: Wie groß ist das Problem in Schwerte eigentlich?

Peter Höck ist Leiter der Schwerter Tafel und des Sozialkaufhauses. © Björn Althoff

Das sind die Voraussetzungen, um zur Schwerter Tafel gehen zu können

Die Voraussetzung: ein Einkommen, das auf Grundsicherungs- oder Hartz-IV-Niveau liege. Wobei es sich immer um Einzelfall-Entscheidungen handele, erläutert Höck. „Wir drücken schon mal ein Auge zu.“ Wichtig sei es doch, gezielt denen zu helfen, die Hilfe bräuchten.

„Viele nutzen uns auch als Kommunikationszentrum“, erklärt er und meint damit die Mittwochs- und Donnerstags-Termine. Da erhalten die Berechtigen für wenig Geld – 1,50 Euro – ein frisch gekochtes Mittagessen, wenn genug da ist auch mit Nachschlag.

Leiharbeit, geringer Mindestlohn, Jobs ohne Sozial- und Rentenversicherung – Höck weiß aus seinem Alltag: Das soziale Netz fängt längst nicht mehr so schnell und so viele wie in vergangenen Jahrzehnten. Und genau deshalb gebe es viel zu tun in der Schwerter Tafel und ähnlichen Einrichtungen.

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