Wie Schwerter über die Wahl in den USA denken

„Am Morgen der Schock“

Es war keine lokale Nachricht, die am Mittwoch die Gespräche an vielen deutschen Frühstückstischen beherrschte. Denn das Ergebnis der US-Wahl überschattete alles. Wir sprachen deshalb mit Schwertern aus und in Amerika über die Wahl von Donald Trump.

SCHWERTE

, 10.11.2016, 16:53 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Schwerter Stefan Schneider lebt mit seiner Frau Ina seit 14 Jahren in Chicago. Er war wie fast jeder überrascht vom Wahlausgang. Von Freunden aus Deutschland habe er noch in der Wahlnacht viele Text-Nachrichten bekommen: „‘Was ist denn da los bei euch‘? wurde ich oft gefragt: ‚Haben die Amis denn nichts aus der Geschichte gelernt?‘“

Wähler in den "Rustbelt"-Staaten suchten eine Alternative

Schneider kann die Wahlentscheidung insbesondere der Wähler in den „Rustbelt“-Staaten (Ohio, Pennsylvania, Michigan, Wisconsin) nachvollziehen.  Man müsse sich in die Situation der Menschen dort versetzen, sagt er.

„Keine Jobs, keine Aussicht auf Arbeit, keine Sozialversicherung. Wenn man in den USA keine Arbeit hat, hat man nichts. Und dann kommen zwei Kandidaten einher, von denen die eine sagt, „wir machen so weiter wie bisher, denn wir sind auf einem guten Weg“ und der andere „poltert“, dass er die Jobs zurückholt. Die Frage, wen man wählt, wenn man seit Jahren nur leere Versprechungen hört und die persönliche Entwicklung stagniert, erübrigt sich wohl. Wenn man kein Geld für die Ernährung seiner Kinder hat, stellt man sich auch die Frage, ob man aus der Geschichte nichts gelernt hat, nicht.“

Was der Regierungsstil Donald Trumps angeht, hofft er, dass sich der neue Präsident anders gibt als im Wahlkampf. „Wir können tatsächlich für die Zukunft nur hoffen, dass seine Wahlkampf-Polterei, sein Polarisieren, nur Mittel zum Zweck war und er sich, entgegen vieler Erwartungen, als würdevoller und guter Präsident für alle Amerikaner (und auch für den Rest der Welt) entpuppt.“ Für den Ernstfall sind die Schneiders abgesichert: „Je nachdem, wie sich die Zukunft entwickelt, haben wir mit unserer doppelten Staatsangehörigkeit aber immer noch Plan B.“

Trump sei auf das Parlament angewiesen

Sven Goecke lebt schon seit 15 Jahren in Schwerte. Er hat deutsch-amerikanische Wurzeln und seit seiner Kindheit abwechselnd auf beiden Kontinenten gelebt. Er hat beide Staatsbürgerschaften, aber bei der Präsidentenwahl in den USA keine Stimme abgegeben: „Ich lebe da nicht, warum soll ich da wählen?“ Außerdem, so lautet sein hartes Urteil über Donald Trump und Hillary Clinton: „Man hatte die Wahl zwischen zwei schlechten Kandidaten. Von denen hat nun der schlechtere gewonnen.“

Für ihn sei dieser Wahlausgang keine Überraschung gewesen, aber auch kein Anlass für besondere Sorgen. Goecke: „Ich glaube nicht, dass durch Trump die Kriegsgefahr auf der Welt größer wird. Auch in Amerika gibt es schließlich ein Parlament, das die wichtigen Entscheidungen trifft.“ Was Trump ansonsten aus den USA mache, will sich der Vertriebsmitarbeiter bei Mercedes demnächst wieder persönlich anschauen. „Ich habe noch viele Freunde in Los Angeles und besuche die Gegend regelmäßig.“

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Dort wieder hinzuziehen, ist für den 51-Jährigen derzeit kein Thema, weder mit noch ohne Präsident Trump: „Die Familie fühlt sich hier zu Hause. Und vorerst stehe ich ja auch noch im Berufsleben.“ Die Aufregung um Donald Trump teilt der Wahl-Schwerter übrigens nicht. Er sieht die gesamte Politiker-Kaste kritisch: „In den USA hat alles vielleicht ein bisschen mehr Glamour und Pop, aber die Politiker machen da wie hier den gleichen Mist.“

"Störfaktor im Weltfrieden"

„Das ist ein Störfaktor im ganzen Weltfrieden“, befürchtet dagegen die frühere WfS-Ratsfrau Ilona Blank, die 25 Jahre lang regelmäßig mit ihrem Ehemann nach Florida reiste, wo sie bis 2012 ein Haus besaß. Überrascht hat sie der Wahlausgang nicht. „Das ist einfach fehlendes Wissen“, sagt sie.

Der Durchschnitts-Amerikaner kenne sich nicht einmal in den benachbarten Bundesstaaten seines Landes aus: „Die Floridaner beispielsweise sind in der Schule nur so informiert, als ob es nur den einen Staat Florida gäbe.“ Von Europa ganz zu schweigen. Noch vor zehn Jahren sei sie allen Ernstes gefragt worden, ob die Deutschen schon Waschmaschinen besäßen oder noch auf Waschbrettern rubbelten.

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Der Villigster Uli Kopitz erlebte die Wahl hautnah in Kalifornien, und zwar in der Kleinstadt Morro Bay nördlich von Los Angeles. „Hier hat niemand auch nur im Ansatz an einen Sieg von Trump geglaubt“, erzählt er. „Jeder, mit dem ich gesprochen habe, war der Überzeugung, dass ein Mann ohne politische Erfahrung und dann noch so einer wie Trump es nie ins Weiße Haus schaffen könne.“ Bei vielen sei dann am Morgen der Schock groß gewesen. Auf der anderen Seite beschäftigten sich die Kalifornier auch viel mit der gleichzeitig stattfindenden Kommunalwahl. 

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