Winter-Treffpunkt für die Schwerter Stadtpark-Szene in ehemaligem Knast

rnRathauskeller

Im Winter ist es ruhig rund um den Stadtpark. Auch weil der Treff im Rathaus wieder geöffnet hat. Bei einem Besuch erfuhren wir, wer sich dort triff und was man dort über den Park denkt.

Schwerte

, 21.12.2018, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

2,20 mal 5 Meter Grundfläche, ein Weihnachtskalender an der Wand, sechs Stühle, ein einfacher Tisch und eine uralte Küchenzeile: Der Raum, in dem Jutta Pentling und die fünf Männer sitzen, hat den Charme einer Ausnüchterungszelle.

Aus gutem Grund: Der Rathauskeller diente einst als Arrest für die Polizei. Dann wurde er zur Übernachtungsstelle für Obdachlose, und seit sechs Wochen dient er provisorisch als Treff für die Stadtparkszene. „Kein idealer Treffpunkt, aber wir machen das Beste draus“, sagt Peter Blaschke vom Verein VSI, der für die Stadt die Sozialarbeit im Stadtpark organisiert.

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Warmer Raum mit Zigarettenrauch

Im Raum ist es warm. Ein Zigarillo und selbstgedrehte Zigaretten verströmen dichten Qualm. An der Wand hängen zwei Blätter aus einem Schreibheft. Weihnachtsfeier und Wintergrillen sind sie überschrieben. Bis zu 20 Leute haben sich schon eingetragen. „Die Feiern finden nicht hier statt“, betont Jutta Pentling. Die ehemalige Leiterin des Hauptamtes der Stadt ist jetzt beim VSI für die Stadtparkszene ztuständig, gemeinsam mit zwei Sozialarbeitern. Einer von ihnen, Mario Clausen, hat auch an diesem Donnerstag Dienst.

Die Männer unterhalten sich lautstark, trinken Kaffee und rauchen. Zwei haben sich eine Flasche Bier mitgebracht. Einer steht auf, um neues Bier zu besorgen. Im Rathauskeller ist das erlaubt. Schnaps und illegale Drogen müssen außen vor bleiben.

Die Gruppe ist altersmäßig gemischt. Manche, die hier sitzen, haben seit Jahren Alkoholprobleme, andere nehmen harte Drogen. Gemeinsam ist ihnen der Stadtpark. Hier haben sie im Sommer ihre Heimat, zumindest tagsüber. „Nach 18 Uhr gehen wir nach Hause“, betont einer, als das Thema auf die Beschwerden von Anwohnern kommt. Für den Lärm nachts seien andere zuständig.

Keine Chance für einen anderen Treffpunkt

Die engen Räume im Rathauskeller wurden vor allem deshalb wieder geöffnet, weil sich alle Hoffnungen auf einen neuen Treffpunkt für die Stadtpark-Szene zerstoben haben. Das Salzlager der Stadt, weit hinter dem Bahnhof an der Margot-Röttger-Rath-Straße, entpuppte sich als zu teuer, um es renovieren zu können.

Und andere Räume anzumieten, ist bislang nicht gelungen. Für Sozialarbeiter Peter Blaschke ein klarer Fall: „Der politische Wille fehlt, uns da mal Ross und Reiter zu nennen.“ Gemeint ist ein möglicher finanzieller Rahmen, denn der zuständige Ratsausschuss hatte den VSI ja mit der Lösung des Problems betraut. Was ein Treffpunkt kosten dürfe, wurde aber nicht festgelegt. Das Problem Stadtpark ist erkannt. Für die Menschen der Stadtparkszene gibt es dennoch wenig Unterstützung.

Winter-Treffpunkt für die Schwerter Stadtpark-Szene in ehemaligem Knast

Von Obdachlosen über Gelegenheitstrinker bis zu Patienten des Metadonprogramms reicht vor allen in den Sommermonaten die Szene in Stadtpark. © Heiko Mühlbauer

„Natürlich gibt es im Stadtpark auch Randalierer“

„Ich kann das nachvollziehen“, meint ausgerechnet David. Er gehört seit rund 15 Jahren zur Stadtparkszene. Gleich zu Beginn des Gesprächs sagt er: „Ich bin heroinabhängig“, als wolle er sich für das Folgende entschuldigen. Doch was dann folgt, ist eine relativ klare Analyse der Situation: „Natürlich gibt es im Stadtpark auch Randalierer. Die meisten von uns haben im Leben nicht den Arsch hochgekriegt und sind deshalb gescheitert.“

Dass da keiner sechs- oder gar siebenstellige Beträge in die Hand nehmen will, um einen Treffpunkt zu schaffen, könne er nachvollziehen. Im Sommer bei der öffentlichen Diskussion im Stadtpark war David einer von denen die lautstark einen eigenen Treffpunkt gefordert hatten. Aber ähnlich wie die anderen Männer hier, nimmt er, was er kriegen kann. Und das ist im Moment halt nur der Keller.

„Wir machen das Beste aus den Möglichkeiten“

„Wir machen das Beste aus den Möglichkeiten“, verspricht Jutta Pentling. An diesem Morgen seien neue Stühle gekommen, und auch über eine neue kleine Küchenzeile und eine Kaffeemaschine habe man schon erfolgreich mit der Stadt verhandelt. Aktuell gibt es allerdings nur Nescafé und einen Wasserkocher.

„Die Öffnungszeiten könnten besser sein“, merkt einer der Männer an, denn derzeit ist nachmittags meistens geschlossen. Und wenn man morgens Arzttermine habe, könne man gar nicht in den Treffpunkt. Mit Arztterminen meint er wohl die Methadonausgabe in Fröndenberg.

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Zwei Leute mindestens vor Ort

Doch erweiterte Öffnungszeiten sind in dem schlauchartigen Flur mit den kleinen Zellen links und rechts und den Toiletten für Männer und Frauen getrennt an den jeweiligen Enden nicht umsetzbar. „Wir müssen mindestens zwei Leute Personal vor Ost haben, weil die Räume so sind, wie sie sind“, so Blaschke. Der Vormittag wurde wegen der Nachfrage gewählt.

Denn die Schwerter Methadonausgabe in einer Praxis an der Haselackstraße beginnt mittlerweile um 14 Uhr, sodass deren Patienten ohne Weiteres den Keller nutzen können. Doch es kämen ohnenhin nicht so viele aus dem Methadonprogramm, weiß Jutta Pentling. Die meisten, die den Keller nutzen, sind alte Bekannte. Überwiegend kommen Männer, aber auch einige Frauen. Letztlich ist die Akzeptanz auch vom Wetter abhängig. Noch sei es ja nicht eiskalt. Für das neue Jahr sind erweiterte Öffnungszeiten angedacht.

„Und dann gibt es ja auch die, die aus gutem Grund im Park bleiben, weil sie da ihr Geschäft haben“, merkt David düster an. Dass im Park auch gedealt wird, ist hier ein offenes Geheimnis.

Stadtparkszene ist keine echte Szene

Überhaupt ist die Stadtparkszene keine echte Szene. Sie besteht aus verschiedenen Gruppen. Trinkern, Menschen aus dem Methadonprogramm, Drogenabhängigen und gelegentlichen Drogenkonsumenten, kaum einer ist wirklich obdachlos. Aber viele leben in unsicheren Wohnverhältnissen, zum Beispiel bei Bekannten.

Gedrückt würde im Park aber nicht, eher geraucht, sagt David. Und im Keller sind illegale Drogen eh verboten. Er selbst nutze deshalb das Drogencafé in Dortmund. Das sei auch soweit okay. Da gebe es einen Druckraum. Im Keller ist er nur, um Bekannte zu treffen und Kaffee zu trinken. Und in der Tat, während um ihn rum die Bierflaschen kreisen, kocht er Wasser und schüttet löslichen Kaffee rein.

Im Büro warten die Weihnachtstüten

Während die Männer weiter im Rathauskeller sitzen und quatschen, stapeln sich 700 Meter entfernt im Büro des VSI im Roten Haus an der Jägerstraße Weihnachtstüten. „Wir haben eine ganze Reihe Spenden aus der Geschäftswelt, aber auch von Privatpersonen erhalten“, sagt Jutta Pentling. Damit könne man Heiligabend eine Weihnachtsfeier mit Bescherung ausrichten. Auch einige BVB-Fanartikel und Wollmützen finden sich neben Süßigkeiten in den Tüten.

„Die Nutzer des Kellers freuen sich auf die Feier“, sagt Pentling, das merke man alleine daran, wie sie über ihre Eintragungen in der Namensliste für die Feier diskutieren. Peter Blaschke vom VSI ist für die Spenden, auch wenn es sich immer um eher kleine Zuwendungen handelt, sehr dankbar. Es gebe so viele Dinge, für die man sinnvoll spenden könne und: „Eine Lobby haben die Menschen im Stadtpark nicht“, sagt er.

Das weiß auch David. Deshalb will er im nächsten Jahr selber etwas an seiner Situation ändern und eine Drogentherapie machen, aber das ist eine andere Geschichte.

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