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Zu Besuch bei Schwertes einzigem Tagesvater: „Es ist mein bisher anspruchsvollster Beruf“

rnKinderbetreuung in der Tagespflege

Carsten Rieck ist in Schwerte der einzige Mann, der in der Tagespflege Kleinkinder betreut. Ein Besuch bei ihm zeigt: Tageseltern haben einen Beruf, der viele Herausforderungen bereit hält.

Schwerte

, 07.02.2019 / Lesedauer: 5 min

Frieda streckt ihre kleine Hand aus: „Carsten, sauber“, sagt die Zweijährige. Gerade hat sie eine Portion Kartoffelbrei mit Spinat gegessen – und dabei nicht nur die Finger, sondern auch die Schnute eingesaut. „Soll ich dir den Spinat abputzen?“, fragt Carsten Rieck das aufgeweckte Mädchen und hat das feuchte Tuch schon in der Hand.

Gegenüber am Tisch sind Neo und Til noch dabei, mit den Löffel den Kartoffel-Spinat-Mix zu verputzen – oder besser gesagt: im Gesicht zu verteilen. „Die beiden essen erst seit einigen Wochen selbstständig, so sehen sie halt auch aus“, sagt Carsten Rieck mit einem Grinsen.

Der einzige Tagesvater neben 45 Tagesmüttern in Schwerte

Der 42-Jährige ist eine von insgesamt 46 Tagespflegepersonen, die in Schwerte 156 U3-Kinder in einem Teil ihrer Privatwohnung oder sogar in eigens angemieteten Wohnungen betreuen. Die Besonderheit: Carsten Rieck ist der einzige Tagesvater in Schwerte, alle anderen sind Tagesmütter. „Klar gibt es Eltern, die sich bewusst für einen Tagesvater entscheiden. Ich habe aber bisher fast nur Pärchen als Eltern gehabt, nicht nur Alleinstehende.“

Dass sich alleinerziehende Mütter bewusst für einen Tagesvater entscheiden, um eine männliche Bezugsperson für ihr Kind zu haben, sei also kein entscheidender Grund, warum er stets ausgebucht ist. Fünf Kinder darf eine Tagespflegeperson maximal parallel betreuen. „Alle Tageseltern sind stark nachgefragt“, so Rieck. Einen Unterschied, den er zu seinen weiblichen Kolleginnen sieht: „Gerade Jungs können sich mit mir anders austoben, da geht es auch mal körperbetont zu, es ist vielleicht manchmal eine andere Art des Spielens als bei Frauen.“

Tagespflege

Wie sieht der Tagesablauf aus?

Um 7 Uhr geht Carsten Rieck zum Bäcker und besorgt Milchbrötchen, Laugenstangen und Brötchen für das Frühstück. Anschließend bereitet er das Frühstück vor. Um 7.30 Uhr bringen die Eltern die Kinder. Um 8 Uhr gibt es Frühstück, eine halbe Stunde später ist man damit durch. An den allermeisten Tagen geht es dann raus an die frische Luft. Gegen 11.30 Uhr gibt es Mittagessen. Danach versucht man, etwas zur Ruhe zu kommen. Wenn die kleineren Kinder müde sind, können sie sich hinlegen. Nach und nach werden die Kinder dann von ihren Eltern abgeholt. Einige schon um 12.30 Uhr, andere erst um 15.30 Uhr.

Den Eindruck kann man durchaus bekommen, als die Fünfer-Bande des Tagesvaters nach einer Verschnaufpause nach dem Mittagessen wieder Fahrt aufnimmt: Während Lovis das Feuerwehrauto mit mehr als sanfter Gewalt über eine Kante der Bodenmatte ziehen will und sich Neo noch auf dem Schoss des 42-Jährigen einkuschelt, klettert Frieda auf den Rücken ihres Tagesvaters: „Aufstehen“, ruft sie. Carsten Rieck steht auf und dreht sich mit der Zweijährigen auf dem Rücken wild im Kreis.

Da will Lovis nicht zurückstehen, auch er dreht ein paar Runden auf Riecks Rücken - und quietscht dabei laut auf. Frieda trägt ihren Teil zum Geräuschpegel bei und kippt eine große Kiste mit Spielzeugautos aus.

Zu Besuch bei Schwertes einzigem Tagesvater: „Es ist mein bisher anspruchsvollster Beruf“

Frieda will sich auspowern - da muss auch der Tagesvater als Turngerät herhalten. © Bernd Paulitschke

„Hier geht es oft laut zu“, sagt Carsten Rieck - und betont, dass das zu seinem Konzept gehört. „Wir fangen viel zu früh damit an, Kinder Druck und Stress auszusetzen und zu sagen: Sei mal still und sitzt ruhig – im Restaurant, im Auto, beim Einkaufen. Deshalb dürfen sie hier toben, laut sein.“

Das Wohnzimmer ähnelt daher einer Spiellandschaft: eine Rutsche samt Kletterturm, ein Bällebad, Bodenmatten und jede Menge Spielzeug und Bücher.

Ausstattung der Tagespflege

Für Erstausstattung gibt es finanzielle Unterstützung

500 Euro bekommen Tageseltern für die Ersteinrichtung eines Betreuungsplatzes, also maximal 2500 Euro, erklärt Brigitte Wahl vom Jugendamt. Davon können zum Beispiel Spielgeräte gekauft werden. Die Wohnung muss, um für die Tagespflege genutzt zu werden, einige Voraussetzungen erfüllen: Sie muss einen Bereich zum Schlafen/Ausruhen haben, das darf auch ein Bett sein, dass man in einen anderen Raum hineinstellt, außerdem genügend Platz zum Spielen und Essen. Treppen müssen abgesichert sein, die Spiegel mit Folie abgesichert sein, ebenso müssen Herd und Steckdosen gesichert werden. „Eben alles, was man in einer Wohnung macht zum Kleinkinderschutz“, so Wahl.

Aber fast jeden Tag geht es auch raus an die frische Luft. „Manchmal gehen wir nur auf die Straße runter, das ist ja eine ruhige Sackgasse, und fahren Puky oder Bobby Car. Letztens haben wir natürlich auch im Schnee gespielt. Oder wir fahren mit dem Lastenfahrrad zu unserem Garten, und gucken da die Hühner an. Wobei wir die Hühner eigentlich eher jagen, ne, Lovis?“, sagt Carsten Rieck und guckt den Zweijährigen an.

„Heute sind wir mal drinnen geblieben, weil alle noch etwas schnupfeln. Dann wird viel Chaos gemacht, gespielt, geknetet, gebastelt. Heute haben wir Vanilleplätzchen gebacken.“ Und die landen nicht nur im Mund: Lovis und Til hinterlassen Keks-Krümel im gesamten Wohnzimmer. Carsten Rieck bückt sich immer wieder und sammelt Krümel und angebissene Plätzchen auf. Beantwortet nebenher zig Warum-Fragen, wechselt im Nebenzimmer, in dem Betten und Wickeltisch stehen, Windeln und hat ständig alle Kinder im Blick.

Zu Besuch bei Schwertes einzigem Tagesvater: „Es ist mein bisher anspruchsvollster Beruf“

Am Nachmittag wird noch im Bällebad getobt. © Bernd Paulitschke

„Das ist auch etwas, was den Job ausmacht. Man muss einfach viel auf einmal machen, was als Mann oft nicht so einfach ist“, sagt der Tagesvater mit einem Lächeln. „Man muss super organisiert sein, sonst klappt es einfach nicht.“ Daher sagt Carsten Rieck über die Aufgabe als Tagesvater auch: „Es ist bisher mein anspruchsvollster Beruf – mit Abstand.“ Gelernt hat er Bürokaufmann. „Aber ich bin kein guter Büromensch.“

Über das Hobby den Einstieg die Tagespflege gefunden

Ein eher ungewöhnliches Hobby zeigte dann den Weg zu seinem neuen Job auf: Er interessiert sich sehr für Neurobiologie, die Funktionsweise des Gehirns. „Darüber bin ich dann zur Frage gekommen: Wie funktioniert eigentlich das Lernen?“ Über die Themen frühkindliche Entwicklung und Lernfenster entwickelte sich der Wunsch, den Kindern dabei zu helfen, sich zu entwickeln, zu lernen, die Welt zu entdecken. Und dabei auf die natürliche Entwicklung der Kinder zu achten.

Als er vor drei Jahren las, dass das Jugendamt für die Fortbildung zu Tageseltern warb, entschied Carsten Rieck sich für den neuen Job. Beim Jugendamt sind Larissa Wahl und Brigitte Ossa Ansprechpartner für die Tageseltern. Sind die Voraussetzungen erfüllt, folgt eine Fortbildung. Auch danach müssen sich die Tageseltern ständig weiterbilden: mindestens zwei Workshops pro Jahr, außerdem jährlich ein Erste-Hilfe-Kurs.

Jugendamt prüft Interessenten

Welche Voraussetzungen müssen Tageseltern erfüllen?

Wenn sich Interessenten im Jugendamt melden, laden Larissa Wahl und Brigitte Ossa sie zum Gespräch ein: „Wir hören dann an, was die Leute von dem Beruf erwarten, schildern, was aus Sicht des Jugendamts dazu gehört. Klären, ob es schon pädagogische Erfahrungen gibt“, so Brigitte Ossa. Das Führungszeugnis wird überprüft, es gibt einen Hausbesuch. „Wer keine eigenen Kinder hat, muss Praktika machen.“ Die eigentliche Fortbildung über 180 Stunden wird in Schwerte immer samstags angeboten, sie zieht sich also über Monate hin. „Eine kleine Kinderzahl kann schon während dieser Phase betreut werden“, so Wahl. Damit die Eltern während der Betreuung einen Überblick über die Entwicklung ihres Kindes haben, führen die Tageseltern zudem eine Bildungsdokumentation. „Das ist in der Kita auch so. Da werden Entwicklungsschritte der Kinder festgehalten, aber auch Gemaltes oder Fotos. Eltern können da immer mal rein gucken“, so Wahl.

Der Kontakt zum Jugendamt bleibt außerdem weiterhin eng, das betonen sowohl Brigitte Ossa und Larissa Wahl als auch Carsten Rieck. Es gibt eine Arbeitsgemeinschaft, in der sich Jugendamts-Vertreter und Tageseltern regelmäßig treffen. „Wir tauschen uns aus, versuchen die Voraussetzungen für den Beruf zu verbessern. Die Qualität der Fortbildung hat sich enorm gesteigert durch diese enge Zusammenarbeit“, sagt Carsten Rieck. „Auch außerhalb dieser Treffen stehen wir für Fragen immer bereit“, sagt Larissa Wahl. „Wenn pädagogischer Fachrat nötig ist, melden sich die Tageseltern. Wir setzen auf einen offenen Umgang: Egal mit welcher Frage, Eltern und Tageseltern können sich immer an uns wenden.“

Jugendamt betont: Berufsbild Tageseltern hat sich verändert

Wie kommt das Konzept der Tagespflege denn bei den Eltern an? „Natürlich gibt es auch Eltern, die keine Tagespflege wollen. Rechtlich sieht es so aus, dass U3-Kinder entweder in der Kita oder der Tagespflege einen Platz bekommen müssen. Für den Ü3-Bereich ist die Kita Pflicht. Aber viele Eltern sind bereit, sich die Tagespflege anzuschauen“, sagt Brigitte Wahl. „Viele sehen dann, dass sich das Berufsbild in den letzten Jahren deutlich verändert hat, dass man da veraltete Bilder im Kopf hat. Für den U3-Bereich gibt es Forschungsergebnisse, dass Bildung durch Bindung entsteht, das ist in einer kleinen, familiären Gruppe gut möglich.“

Dass sich Tagespflege und Kita unterscheiden, betont auch Carsten Rieck: „Ich bin kein Erzieher. Das ist hier etwas anderes – aber nichts desto trotz haben wir Tageseltern auch eine Ausbildung, machen Fortbildungen und haben das Interesse, die Kinder bestmöglich zu begleiten. Das ist kein Kindergarten, es ist eine Tagespflege, und die ist familiär.“

Das zeigt sich auch, als Neo von seiner Mutter abgeholt wird: Nach einem kurzen Gespräch mit seiner Mutter („Heute war alles gut, er hat schön gegessen. Windeln habe ich gerade gewechselt.“), winkt Carsten Rieck dem kleinen Steppke zu: „Bis morgen, mein Freund.“

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