Abschiedsschmerz und neue Herausforderung

Pfarrer Rudolph velässt Selm

Jörg Rudolph, Pfarrer der evangelischen Gemeinde Selm zieht demnächst um: Im Oktober wechselt er in die Kirchengemeinde Mark-Westtünnen in Hamm. Volontärin Miriam Instenberg hat mit ihm über Abschiedsschmerz, neue Herausforderungen und die Kunst, sich entbehrlich zu machen, gesprochen.

SELM

10.08.2013, 08:19 Uhr / Lesedauer: 4 min
Jörg Rudolph verlässt zum Oktober die evangelische Gemeinde Selm, um sich neuen Herausforderungen zu stellen.

Jörg Rudolph verlässt zum Oktober die evangelische Gemeinde Selm, um sich neuen Herausforderungen zu stellen.

Zur Person
Jörg Rudolph wurde am 23. Juni 1964 in Lünen-Brambauer geboren. Von 1985 bis 1991 studierte er evangelische Theologie in Wuppertal, Heidelberg und Münster. Vorher leistete er freiwillig seinen Zivildienst ab.  Am 10. Dezember 1995 wurde er in der Selmer Kirche ordiniert. Ab 1996 war er Pfarrer der Gemeinde Selm. Als Jörg Rudolph nach Selm zog, brachte er seine Frau und zwei Söhne mit. Inzwischen haben Jörg Rudolph und seine Frau noch zwei Töchter dazu bekommen.

Das ist ein toller Vertrauensbeweis. Es zeigt, dass ich hier so viel an Vertrauen und Beziehungen aufbauen konnte, dass ich den Menschen für ihre Lebensbegleitung wichtig geworden bin. Und dass die Selmer es schade finden, dass ich gehe, ist mir auf jeden Fall lieber als wenn sie sagen würden: Gott sei Dank, den sind wir los.  Dann hätte ich sicher viel falsch gemacht.

Die Ausgangssituation war die, dass die evangelische Gemeinde Selm auf dem Papier eine große Gemeinde war, die sich in der Realität aber über drei Pfarrstellen in Selm und Bork erstreckte. Und an all diesen Orten gab es ganz unterschiedliche Prägungen und Traditionen. Die Frage, die sich mir stellte, war also: Können wir uns als eine große Gemeinde verstehen, die zwar an verschiedenen Orten, aber miteinander arbeitet? Können wir dieses Bild auch nach außen vermitteln? Meine Aufgabe war es, die Menschen zusammenzuführen. Den Ortsteilen ihre Eigenheiten zu lassen, aber dafür zu sorgen, dass sie ein Gesamtbild der Gemeinde abgeben.

Wir haben in Selm in den letzten Jahren und Jahrzehnten vieles auf den Weg gebracht. Wir haben jetzt beispielsweise ein Presbyterium, das von allen Gemeindemitgliedern gemeinsam gewählt wurde. Und zum Presbyterium gehören auch viele Frauen und jüngere Ehrenamtliche. Es ist ein Leitungsgremium für die gesamte Gemeinde. Außerdem haben wir den Konfirmandenunterricht umgestellt. Ein Team von Ehrenamtlichen, das auch aus Selm und Bork kommt, begleitet die Pastöre beim Unterricht in der gesamten Gemeinde. Die Stärken beider Gemeindezentren sorgen dafür, dass die Gemeinde als Ganzes ein gutes Bild abgibt.

Das, was hängen bleibt, sind die vermeintlich unspektakulären Sachen. Wenn ich mitbekommen habe, dass es mir gelungen ist, etwas aufzubauen – bei der Seelsorge, in Trauergesprächen oder Kriseninterventionen. Wenn ich nach Bestattungen zum Dank ein kleines Kärtchen bekommen habe, mit der Bestätigung, dass ich geholfen habe, das war immer schön. Diese kleinen Begegnungen, bei denen mir ein Kontakt gelungen ist und ich Menschen eine Strecke ihres Weges im Lichte Gottes begleiten konnte, das war für mich die schönste Bestätigung. Denn meine Aufgabe ist es ja, den Menschen Glauben, Zutrauen in die Kirche und in einen Gott, der mich begleitet, nahe zu bringen.

Die Kirche leidet, wie die gesamte Gesellschaft, unter dem demografischen Wandel. Die Gemeinden wachsen jetzt nicht mehr, man muss sich fragen: Wird sich jede Kirche, jedes Gemeindezentrum halten können? Unsere Gemeinde war davon stark betroffen, musste im Jahr 2005 beispielsweise erfahren, dass das Pfarrhaus in Bork wegen des Schimmelbefalls nicht zu halten ist. Auch unser Jugendhaus ist sehr groß, da müsste man viel Geld reinstecken, um es in dem Umfang zu erhalten. Da müssen wir uns die Frage stellen, wie wir mit solchen Hiobsbotschaften in Zukunft umgehen. Als Theologiestudent und Jungpastor hätte ich mir nicht träumen lassen, dass echte Managementqualitäten entwickeln muss – dass ich mich mit Gebäudeanalysen, Investoren und Finanzen befassen muss. Aber man kann auch an solchen Aufgaben wachsen. Und sie haben eigentlich alle etwas mit Beziehungen und Lebensbegleitung der Gemeinde zu tun.

Ich glaube, ich habe das Feld gut bestellt und viele Grundlagen gelegt, sodass es jetzt auch ohne mich weitergehen kann. Ich habe meine Gemeinde zur Selbstständigkeit erzogen. Es darf nicht sein, dass man als Pfarrer unentbehrlich ist. Wenn auch ohne dich alles weiter funktioniert, hast du gute Arbeit geleistet. Ich kann hier alle meine Pflichten bis Oktober gut erledigen und mich dann neuen Aufgaben widmen.

Dort erwartet mich etwas Ähnliches wie das, was ich hier schon auf den Weg gebracht habe: Es handelt sich um zwei ehemals getrennte Gemeinden, denen ich dabei helfen soll, als Gesamtgemeinde ein Bild nach außen zu vermitteln. Dort finde ich natürlich ganz andere Strukturen vor als hier, es ist auch ein anderer Kirchenkreis. Ich habe Lust darauf, etwas auszuprobieren und noch mal etwas Neues zu machen. Ich bin jetzt sozusagen in der Halbzeit meines Berufslebens, da ist das noch gut möglich.

Das hält sich die Waage. Ich fühle mich zur Zeit wie auf Abschiedstournee, mache viele Dinge zum letzten Mal hier. Es gibt viele Menschen, die ich am liebsten mitnehmen würde. Ich habe das Leben in Selm wirklich schätzen und lieben gelernt und selbst so etwas wie Schützenfest gehört für mich jetzt dazu und ist nicht mehr wegzudenken. Aber wir planen auch unseren Umzug, gestalten jetzt unser neues Zuhause in Hamm. In solchen Momenten überwiegt dann eher die Vorfreude. Und ich hoffe, dass ich auch in meiner neuen Gemeinde auf lange Sicht etwas auf den Weg bringen kann.  

Zur Person
Jörg Rudolph wurde am 23. Juni 1964 in Lünen-Brambauer geboren. Von 1985 bis 1991 studierte er evangelische Theologie in Wuppertal, Heidelberg und Münster. Vorher leistete er freiwillig seinen Zivildienst ab.  Am 10. Dezember 1995 wurde er in der Selmer Kirche ordiniert. Ab 1996 war er Pfarrer der Gemeinde Selm. Als Jörg Rudolph nach Selm zog, brachte er seine Frau und zwei Söhne mit. Inzwischen haben Jörg Rudolph und seine Frau noch zwei Töchter dazu bekommen.

Lesen Sie jetzt