Über Stabmattenzäune mit Sichtschutz wird derzeit heiß diskutiert. Müssen die Kommunen regulierend eingreifen, um so etwas zu verhindern? © Carsten Fischer
Nachbarschaft

Ärger über Sichtschutzzäune, die aus den Gärten Fort Knox machen

Eine Borkerin ärgert sich über die „schwarzen Wände“, auf die sie in der Nachbarschaft immer häufiger schauen muss. „Die sind einfach hässlich, und umweltfeindlch“, sagt die 82-Jährige.

Seit auf dem ehemaligen Friedhofserwartungsland eine Wohnsiedlung entstand und die Bernhard-Pröbsting-Straße neue Anwohner bekam, hat sich das Bild der Straße deutlich verändert. „Überall, wo ein neues Haus steht, sind diese schwarzen Wände“, ärgert sich eine Anwohnerin, die nicht mit Namen in die Zeitung will. „Ich finde die einfach hässlich und auch umweltfeindlich. Dieses ganze Plastikzeug, was da reingefädelt wird. Und da spreche ich wohl für ganz, ganz viele, die so denken.“

Wenn der Stabmattenzaun zwischen zwei hohen Hecken steht, ist zumindest der Tierwelt noch gedient. © Stephanie Tatenhorst © Stephanie Tatenhorst

Tatsächlich ist die 82-Jährige nicht die einzige, die sich mit den sogenannten Stabmattenzäunen mit Sichtschutzelementen nicht anfreunden kann. Immer häufiger sieht man die mannshohen Elemente Grundstücke umgeben, in die dann meist noch Sichtschutzelemente eingefädelt werden. Die gibt es in grün, schwarz und hell, aber auch gemustert, so dass sich zum Beispiel das Bild einer Schilfwand ergibt. Über Geschmack lässt sich dabei streiten – aber zweifelsfrei verändern die Zäune das Straßenbild erheblich. Weitsicht ist unmöglich geworden.

Straßenbild verschandelt

„Dabei hat die Stadt die Bernhard-Pröbsting-Straße so wunderbar pflastern lassen. Da wurden Bäume gepflanzt. Da hat man sich echt Mühe gegeben. Deshalb verstehe ich nicht, warum man nicht dafür sorgt, dass der Rest nicht wie Fort Knox aussieht“, wundert sich die Borkerin. Diesen Steinwüsten, sagt die 82-Jährige in Gedanken an Schottergärten, habe man doch auch an vielen Orten den Kampf angesagt.

Bei der Stadt Selm kennt man die Argumente gegen Stabmattenzäune mit Sichtschutzelementen. Viele Kritiker bringen nicht nur die Optik als Gegenargument, sondern auch den Umwelt- und Tierschutz. Igel könnten steckenbleiben, Vögel können nicht nisten und reichen die Zäunelemente bis zum Boden, kann selbst die kleinste Maus weder rein noch raus. Das zerstöre Lebensraum.

Hecken sind erstrebenswerter

„Jenseits gestalterischer Festsetzungen aus Satzungen (in Bebauungsplänen) sind Naturschutz bzw. Tiergefährdung mangels fehlender Rechtsgrundlage keine Parameter, die Stabmattenzäune als bauliche Anlage im Sinne einer Einfriedung gemäß der Bauordnung für das Land Nordrhein-Westfalen (BauO NRW) betreffen“, teilt die Stadt auf Anfrage mit. Nichtsdestotrotz sei die Einfriedungen in Form von Hecken aus Sicht des Natur- und Umweltschutzes erstrebenswert.

„Dies hängt nicht nur mit der aufwändigen ressourcenintensiven Produktion und mangelnder Zersetzung nach Gebrauch eines Stabmattenzaunes inkl. Sichtschutzstreifen aus Plastik zusammen, sondern beeinflusst auch das Stadtklima vor Ort.“ Grün in Form von Hecken wirke sich positiv auf das Mikroklima aus, beschatte den Boden, sorge für Verdunstungskühle, filtere Staub und weitere Luftverunreinigungen, schlucke Lärm und sei zugleich hilfreich für die Artenvielfalt und Biodiversität.

Ohne Sichtschutzelemente und bei niedriger Höhe fallen Stabmattenzäune kaum auf. © Stephanie Tatenhorst © Stephanie Tatenhorst

Da Umwelt- und Klimaschutz anerkannte Faktoren des Städtebaus seien und die Stadt bei der Aufstellung von Bebauungsplänen darauf hinwirken kann, könnte man künftig entsprechend vorbeugend tätig werden. „Es gibt Überlegungen zur Gestaltung und Höhe von Einfriedungen im Rahmen der Gestaltungsvorschriften einiger der in Aufstellung befindlichen Bebauungspläne“, heißt es seitens der Stadt. Zudem gäbe es aber auch bereits Vorschriften über Einfriedungen im Rahmen der Gestaltungsvorschriften einiger Bebauungspläne.

Dass die Hausbesitzer Sichtschutz haben wollen, kann die Borkerin zwar verstehen. Aber „Unser Vermieter hat als Sichtschutz Hecken gepflanzt. Die sind in zwei Jahren wunderbar gewachsen. Das ist auch Sichtschutz. Diese Wände, die verstehe ich nicht.“

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