Hier gibt es kein Vor und Zurück: Warum Nachbarn 40-Tonner vor ihrer Haustür blockieren

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Den ganzen Morgen über kurvt ein LKW nach dem anderen über die schmale Wohnstraße. Mittags auch. Nachmittags ist plötzlich Schluss. Gerald Nägeler und seine Nachbarn versperren den Weg.

Selm

, 18.06.2019 / Lesedauer: 3 min

Der Fahrer des LKW geht entnervt die Weidenstraße auf und ab. Schon seit mehr als einer Stunde kann er nicht weiter fahren. Die Anwohner rechts und links der Straße sind nicht weniger aufgebracht. Hier liegen am späten Dienstagnachmittag bei hochsommerlichen Temperaturen die Nerven blank. Die Polizei ist schon gerufen.

Der Boden unter den Füßen ist rissig. An einigen Stellen ist der durch die Hitze weiche Asphalt aufgebrochen. Die Reifen der 40-Tonner haben schwarze Abdrücke auf dem grauen Grund hinterlassen, die davon künden, wie die Fahrer kurbeln müssen: ein Slalom vorbei an den Autos der Anwohner, die zu beiden Straßenseiten auf der Fahrbahn parken - ganz ordnungsgemäß. Das gelte, sagt Gerald Nägeler, auch für den silberfarbenen BMW seines Sohnes. Genau das Auto ist es, das die Fahrt der LKW-Kolonnen abrupt beendet hat.

Anwohner wurden nicht informiert

Mit voller Absicht. „Wir müssen uns doch wehren“, sagt Nägeler. Er ist so etwas wie der Sprecher der Nachbarschaft. Als Straßenbaumeister kenne er sich aus, sagt er. Für den plötzlichen Baustellenverkehr auf der sonst ruhigen, nicht ganz 200 Meter langen und etwa 4,50 Meter breiten Weidenstraße müsse eine Genehmigung vorliegen. „Haben wir“, sagt der zuständige Mann des Entsorgungsbetriebs. Die sei rechtlich zweifelhaft, kontert Nägeler. Dafür nennt er Indizien.

Hier gibt es kein Vor und Zurück: Warum Nachbarn 40-Tonner vor ihrer Haustür blockieren

Sven Kemmler (v. l.), Rajko Huips, Klaus Nowak, Gerald Nägeler und ihre Nachbarinnen und Nachbarn von der Weidenstraße wollen nicht länger akzeptieren, dass 40-Tonner durch ihre schmale Straße fahren. © Sylvia vom Hofe

Es sei üblich, sagt der Straßenbaumeister, die Anwohner zu informieren und sie aufzufordern, eine Straßenseite von ihren PKW freizuhalten. „Damit es erst gar nicht zu diesem Gekurve kommt.“ Und zu den Straßenschäden. Beides ist nicht passiert.

Das Abbruchunternehmen hat den Auftrag, die Überreste von Sams Döner an der Kreisstraße abzufahren: Bauschutt, der zur Deponie kommt. Die LKW kommen leer über die Kreisstraße, biegen links in die Landsbergstraße und dann gleich rechts in die Teichstraße. Dort fädeln sie sich durch die parkenden Autos und machen dann am Ende der Straße eine 90-Grad-Biege in Richtung Teichstraße, um rückwärts zur Baustelle zu fahren, wo der Bagger wartet zum Beladen. Zurück geht es wieder über die Weidenstraße. Das ist kompliziert.

Einfacher wäre es, direkt auf der Kreisstraße zu bleiben. Die Anordnungen der städtischen Auftraggeber seien aber anders, sagen die Mitarbeiter des Abfuhrunternehmens den Anwohnern.

Angst der Nachbarn vor hohen Straßenausbaubeiträgen

Die Kreisstraße ist zu diesem Zeitpunkt gerade erst zwei Tage geöffnet für den Verkehr - nach Mehr als zwei Jahren Bauzeit. Vielen hat es deutlich zu lange gedauert. Nägeler und seine Nachbarn fragen sich aber, ob es auf die paar Tage wirklich angekommen sei. „Jetzt fahren die LKW unsere Straße kaputt, damit die neue Kreisstraße geschont wird.“ Alle schütteln den Kopf. Sie eint eine besondere Sorge.

„Für die Kosten“, sagt eine Frau, „müssen wir ja am Ende aufkommen“ - mit Straßenausbaubeiträgen. Das könne bei zwei Häusern und einer entsprechend langen Frontmeterlänge „richtig teuer werden“.

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Diese Schäden sind durch den Baustellenverkehr entstanden, wie die Anwohner sagen. Damit es nicht schlimmer werde, haben sie den Transport blockiert. © Sylvia vom Hofe

Es ist 17 Uhr. Von der Stadtverwaltung ist niemand mehr zu erreichen. Nägeler hat die Polizei gerufen. „Ich will Anzeige erstatten gegen die Verantwortlichen der Stadt.“ Die Nachbarn wollen es ihm gleichtun. Als die Beamten endlich eintreffen, nehmen sie die Anzeigen allerdings nicht auf, wie Nägeler am Telefon berichtet. Dafür hätten sie die Schäden an der Straße dokumentiert. Und den Anwohnern bescheinigt, korrekt zu parken. Eine eigene Stellungnahme der Polizei ist dazu am Abend nicht mehr zu erhalten.

Wie geht der Abbruch weiter? Wie läuft der Baustellenverkehr? Das wollen sich die verärgerten Nachbarn von der Stadtverwaltung am Mittwochmorgen erklären lassen.

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