Arzt aus Selm äußert Kritik an Facharzt-Versorgung

Lange Wartezeiten

Wochen oder Monate warten auf einen Termin beim Facharzt? Warum kommt das vor in und um Selm? „Das liegt an der Benachteiligung der Menschen im Ruhrgebiet“, sagt der Arzt Dr. Hans Wille vom Parkinson Forum Unna. Dabei hebt er den Mangel an Fachärzten, wie Neurologen, hervor - und sagt, wie viele es in Selm gibt.

SELM

, 15.02.2017, 16:15 Uhr / Lesedauer: 2 min

Im gesamten Kreisgebiet gibt es momentan 19 praktizierende Neurologen, was lautBedarfsplan der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe als Überversorgung bezeichnet wird. Doch das sei ein veralteter Entschluss den der Bundesausschuss im Auftrage des Staates einst erteilte, sagt Wille. So komme beispielsweise  in Berlin ein Neurologe auf 13.000 Einwohner, im Ruhrgebiet sei aber ein Neurologe für 31.000 Einwohner zuständig.

„Die Ungleichbehandlung ist nicht zu rechtfertigen“, kritisiert der Arzt. Wären nur fünf bis sechs Neurologen zusätzlich im Kreis Unna im Einsatz, sei dies bereits eine Entlastung für die derzeit praktizierenden Fachärzte. „In Selm gibt es nur eine Neurologin“, weiß der Vorsitzende des Parkinson Forums Unna. Zu Problemen komme es deshalb immer wieder. In der Selmer Praxis von Dr. Cornelia Kuhnen, Sandforter Weg, ist das Phänomen spürbar. „Wir sind momentan völlig ausgeschöpft. Deshalb werden wir ab Juli Unterstützung einstellen, anders geht es nicht mehr“, sagt die Neurologin.

Lange Wartezeiten

Die Wartezeiten im Kreis lägen bei drei bis sechs Monaten und die Wartezimmer seien stets überfüllt, schildert Wille. Cornelia Meinhardt, Vorsitzende des Parkinsonkreises Selm, weiß, dass der Bedarf an Neurologen groß ist: „Die Fachärzte dürfen nur ein begrenztes Kontingente an Patienten annehmen.“ Aus ihrer Gruppe habe sie aber noch keine Beschwerden gehört: „Die meisten haben einen festen Neurologen und kommen dazwischen, falls etwas ist.“

Dr. Hans Wille sieht vor allem Probleme bei Neuzugezogenen. „Diese Menschen haben noch größere Schwierigkeiten einen Termin zu bekommen“, sagt er und weist darauf hin, dass Hausärzte nicht die teuren Parkinson-Medikamente verschreiben. Deshalb hält Wille es für gerechtfertigt, die Kosten einer Neuordnung der Bundesregierung und damit dem Steuerzahler anzulasten. 

Wie ist die medizinische Versorgung in Selm geregelt?

  • Laut ärztlicher Bedarfsplanung ist der Kreis Unna gut versorgt mit Fachärzten, teilweise sogar überversorgt.
  • Bei den Neurologen beispielsweise liegt der Versorgungsgrad bei 141,4 Prozent. Das wird statistisch als „sehr gut“ bezeichnet.
  • Gegen diese Bedarfsplanung, die sich von anderen Gebieten unterscheidet, wendet sich das Parkinson-Forum Unna. Es fordert Gleichbehandlung.

Wie ist die Versorgung mit Medizinern überhaupt geregelt?

  • Die Steuerung des ärztlichen Angebotes erfolgt in erster Linie über die  Bedarfsplanung  und das Zulassungsrecht. Das heißt: Die Verteilung von Ärzten im "bevölkerungsbezogenen Raum" regelt eine Bedarfsplanungs-Richtlinie (BPL-RL).
  • Für die Richtline verantwortlich ist der Gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte, Krankenhäuser und Krankenkassen (G-BA).
  • In der Bedarfsplanungs-Richtline werden vor allem die räumlichen Bezüge der Planung und die Zahl der Ärzte festgelegt, die für die bedarfsgerechte Versorgung der Bevölkerung benötigt werden. Dies erfolgt über die Festlegung eines Verhältnisses von Einwohnern je Arzt (Verhältniszahlen).

Was heißt das im Klartext?

  • Durch diese Bedarfsplanung soll die ärztliche Versorgung in einer Region sichergestellt werden. Je mehr Menschen also in einem Bezirk leben, desto mehr Ärzte kann es dort geben.
  • Es wird zwischen einer hausärztlichen, einer allgemeinen fachärztlichen und einer spezialisierten fachärztlichen Versorgung unterschieden. 
  • Aber: Da die Zahl der Ärzte und der finanziellen Ressourcen in der gesetzlichen Krankenversicherung insgesamt begrenzt sind, geht es dabei auch um die gleichmäßige Verteilung der Ärzte. 
  • Ein Versorgungsgrad von 100 bedeutet, dass genau so viele Ärzte zugelassen sind, wie auch benötigt werden. Bei einem Versorgungsgrad von mehr als 110 ist Überversorgung anzunehmen. Ob eine Überversorgung besteht, wird vom Landesausschuss der Ärzte und Krankenkassen festgestellt.
  • Es kann also sein, dass eine Praxis am Rand eines Planungsbezirks liegt, in dem die Versorgung bei über 110 liegt, also als überversorgt gilt. Man könnte hier davon ausgehen, dass diese Praxis nicht ausgelastet ist. Es ist allerdings möglich, dass viele Patienten aus einem anderen Bezirk in die Praxis kommen und sie also trotzdem voll ist. Trotzdem dürfte kein neuer Arzt in der Nähe aufmachen.

 

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