Bedeutende Auszeichnung für Selmer Kriegsreporter

Otto-Brenner-Preis

Auf dem Foto sieht er aus wie ein Urlauber, der einen Film dreht, mit dem er sich an eine tolle Zeit in der Ferne erinnern will. Wenn das Geschütz im Vordergrund nicht wäre. Ashwin Raman ist Kriegs- und Krisenreporter. Einer der renommiertesten Deutschlands. Er lebt seit 20 Jahren in Selm und hat jetzt einen bedeutenden Journalistenpreis gewonnen.

SELM

, 16.10.2015, 10:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Bedeutende Auszeichnung für Selmer Kriegsreporter

So sieht es aus, wenn Ashwin Raman in Krisenregionen recherchiert. Er ist als Ein-Mann-Team unterwegs, manchmal lediglich unterstützt von Freunden vor Ort, die er sich über Jahre als Netzwerk aufgebaut hat.

Raman erfuhr vergangene Woche per Telefon, dass er den Otto-Brenner-Preis gewonnen hat. Am Freitagmorgen nun veröffentlichte die Stiftung die Gewinner. Der 69-Jährige, der mit seiner Frau Monika Raman in der Selmer Altstadt wohnt, holte den 1. Preis in der Kategorie Reportage mit seiner ARD-Dokumentation „Das 13. Jahr“. Darin beschäftigte sich Ashwin Raman mit dem Ende des Bundeswehr-Auslandseinsatzes in Anfghanistan, den Folgen – und einem Vergleich der Situation früher, vor dem Einsatz, und heute, kurz vor Ende des Einsatzes.

Seine ernüchternde Bilanz heute, die er im Gespräch in unserer Redaktion in der vergangenen Woche zog: „Jeder Auslandseinsatz ist dort gescheitert. Kundus ist jetzt wieder in die Hände der Taliban gefallen. Das sage ich seit Jahren, und dabei bleibe ich: Es wird ein großes Blutbad in Afghanistan geben. Was ISIS machen, ist nichts dagegen.“ Sorgenerregend.

"Der Krieg ist nicht zu Ende"

In unserem Mediensystem sei es so, meint Raman: „In Irak war der Krieg für unsere westlichen Medien beendet, als die USA ihren Einsatz dort beendeten. Aber der Krieg ist nicht zu Ende.“ Die Afghanistan-Katastrophe stünde noch bevor. „Heute sterben mehr Menschen in Afghanistan als in Irak und Syrien – darüber wird nur in den Medien nicht mehr berichtet, weil sich alles fokussiert auf die Flüchtlingskrise“, erklärt Raman. Sonntag, sagt er, habe es noch ein Attentat gegeben, bei dem fünf Nato-Soldaten ums Leben kamen.

Ashwin Raman ist krisenerprobt seit Jahrzehnten. Sein erster Reportereinsatz in diesem Metier reicht zurück bis zum Einsatz sowjetischer Truppen in Afghanistan in den 1980er-Jahren. Zehn Jahre dauerte der Einsatz, in dem Wissenschaftler heute klare Parallelen erkennen zur verhängnisvollen Vietnam-Intervention der USA. Raman kennt Land und Leute, weiß, wie man sich in Krisenregionen als Journalist bewegt und was man nicht tun sollte. „Keine Geschichte ist größer als mein Leben“, sagt er, sei sein Motto dabei.

Mikich und Prantl in der Jury

Der Film „Die Story im Ersten: Das 13. Jahr – Der verlorene Krieg in Afghanistan„ wurde am 2. März in der ARD ausgestrahlt und ist bis heute in der Mediathek zu sehen. Eine Jury aus hochrangigen Journalisten, darunter WDR-Chefredakteurin Sonia Mikich und Heribert Prantl von der „Süddeutschen Zeitung“, wählte den SWR-Beitrag aus.

In der Begründung heißt es, Raman gehe mit seiner Kamera an die Frontlinien der Krisen- und Kriegsgebiete in der Welt. Er schaue genau und ausdauernd hin. Nach Auffassung der Jury gehört Raman zu jenen Journalisten, „die sich der Wahrheit verschrieben haben“. Sie ehrt ihn als mutigen Solisten und lobt mit ihm einen klaren Analysten. „Unter großer persönlicher Gefahr“, schreibt die Jury, „wagt er sich seit Jahrzehnten tief in Kriegs- und Krisengebiete, damit die Welt weiß, was wirklich passiert, wer Täter, wer Opfer ist“. Auf schwierigem Terrain zeige er Mut, großes Engagement und Beharrlichkeit: So gelängen dem „Ein-Mann-Team beeindruckende Ausnahme-Dokumentationen, die in der aktuellen Berichterstattung ihresgleichen suchen". Seine jahrzehntelangen journalistischen Erfahrungen und sein Gespür für Menschen unterschiedlicher Ethnien machen ihn zu einem Ausnahmejournalisten in der internationalen Korrespondenten-Szene.

„Ich freue mich über die Auszeichnung, aber ich finde, es ist gar nicht mein bester Film“, meint Ashwin Raman, der sich nun trotzdem über 10.000 Euro Preisgeld freuen darf. Die Preisverleihung ist am 17. November in Berlin. „Mein bester Afghanistan-Film ist ‚So nah am Tod‘ von 2011", so Raman. Damals war die Bundeswehr im zehnten Jahr im Einsatz. 

Sein neuestes Projekt beschäftigt sich mit dem Terror-Krieg des Islamischen Staates in Syrien und Irak. Dort war Raman im Spätsommer zwei Monate auf Recherche- und Filmreise. Der SWR-Redakteur geht bald in die Post-Produktion, also die Vertextung und den Schnitt. Anfang 2016 soll der Film im Fernsehen zu sehen sein - wahrscheinlich wieder im Abendprogramm der ARD. 

Hier können Sie die Urteilsbegründung der Jury nachlesen:

 

 

Jury-Mitglied Thomas Leif führte für "Die Tageszeitung" (taz) ein ausführliches Interview mit Ashwin Raman. Hier können Sie es lesen.

 

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