Dieses Erbe hat es in sich: noch Jahre dauernde Bauarbeiten im Zentrum, stockende Ortsteilentwicklung und ein Schuldenberg. Thomas Orlowski will dennoch antreten und Bürgermeister werden.

Selm

, 31.05.2019, 14:27 Uhr / Lesedauer: 6 min

Wer soll im Herbst 2020 die Nachfolge von Mario Löhr antreten? Der Bürgermeister strebt ein neues Amt an und will Landrat im Kreis Unna werden. Seine Partei, die SPD, ist die erste, die in Selm einen möglichen Nachfolger präsentiert: Thomas Orlowski (49), der bisherige SPD-Fraktionsvorsitzende. Worin er Löhr nacheifern möchte und wo er lieber ganz andere Schwerpunkte setzt? Sylvia vom Hofe hat mit ihm gesprochen.

„Fall ins Bodenlose“, „historisch schwach“, „Fiasko“ lauten aktuelle Überschriften, wenn es um die SPD geht: eher schlechte Zeiten, um mit der Volkspartei von einst einen Karrieresprung machen zu wollen. Sie versuchen es trotzdem. Warum?

Weil mir diese Stadt wichtig ist. Weil ich hier Bürgermeister für alle Bürgerinnen und Bürger sein möchte. Weil ich hier Zukunft gestalten möchte. Ich fühle mich hier heimisch. Daher war es für mich wichtig, den nächsten Schritt zu gehen und für die Kandidatur als Bürgermeister zur Verfügung zu stehen.

Sie sprechen gerade vom „nächsten Schritt“. Was war denn für Sie der erste Schritt? Waren Sie schon Klassensprecher in der Schule?

(lacht) Tatsächlich war ich Klassensprecher. Ein Jahr lang. Damals konnte ich feststellen, dass es Spaß macht, Verantwortung zu übernehmen und zu versuchen, gemeinsam etwas zu erreichen.

Wann war das?

1987, als ich meinen Realschulabschluss machte.

In Selm?

Nein, ich komme aus Dortmund. Wir sind 2004 aus Dortmund hierhin gezogen. Wir haben uns bewusst für Selm entschieden.

Womit hatte Selm denn bei Ihnen gepunktet?

Für mich persönlich ist in Dortmund zu viel Trubel. Großstadt liegt mir nicht so. Meine Frau und ich haben uns bei der Suche nach der Stadt, in der wir leben wollten, gefragt: Wo sind Kindergärten, welche Schulen gibt es, wie sind die Einkaufsmöglichkeiten, wo kann man Sport treiben? Wie sind die Anbindungen nach Dortmund und Münster? Als wir dieses Grundstück haben konnten (Anm. d. Red.: die Orlowskis wohnen an der Ernst-Kraft-Straße) haben wir sofort zugegriffen und es nie bereut. Ich bin gerne Selmer.

So sind Sie also nach Selm gekommen. Und wie kamen Sie in die Selmer Politik?

Eigentlich war das reiner Zufall. Ich war zwar schon seit 1999 in der Partei, aber anfangs waren erst einmal andere Dinge wichtiger: Studium, Hausbau, Familie. Dann stand eines Tages ein SPD-Mitglied vor der Haustür und fragte mich, ob ich einmal zur Sprechstunde kommen wollte. So hatte das angefangen.

Gab es 1999 ein Ereignis, das Sie politisiert hat, dass Sie sich entschieden, in die SPD einzutreten?

Damals habe ich gemerkt, dass der Weg unter Schröder nicht der richtige ist. Viele selbst langjährige SPD-Mitglieder sind damals ausgetreten aus Protest gegen Schröders Kurswechsel. Ich bin bewusst eingetreten, um sagen zu können: Wir müssen da was ändern.

Änderungen sind ja gerade geplant. In die Ära von Gerhard Schröder fiel der eher vermurkste Vorstoß, neben der gesetzlichen Rente auch die Betriebsrenten und andere private Vorsorge zu stärken. Heute spricht die SPD über die Grundrente - und kann offenbar dennoch damit keine Punkte machen. Warum?

Ich glaube, dass die Themen erfolgreicher an die Menschen gebracht werden müssen. Die Grundrente ist da ein gutes Beispiel. Die finde ich richtig. Die Prüfung der Finanzen dafür, wie die CDU sie fordert, möchte ich nicht. Wir müssen für die Menschen da sein, die wenig Geld haben. Sich mit den eigenen guten Positionen in der Groko auch durchsetzen, ist das Problem.

Groko, große Koalition, ist ein Wort, das jedem leicht über die Lippen geht, wenn es um Berlin geht. Wenn es um Selm geht, ärgern sich manche ihrer Ratskollegen darüber, wenn man von der Groko spricht. Sie auch?

Absolut nicht, im Gegenteil. Ich glaube, dass eine gute Zusammenarbeit mit der CDU die gute Entwicklung Selms nach vorne getrieben hat.

Was sind für Sie die entscheidenden Projekte?

Wichtig war die Teilnahme an der Regionale 2016. Wir haben damit eine Entwicklung angestoßen, die wichtig ist für unsere Infrastruktur. Mittlerweile sieht man das auch von außen: Die Bürgerinnen und Bürger der Nachbarstädte blicken zu uns. Ob der Auenpark mit der neuen Bebauung, die Zweifachturnhalle der Campusplatz - alles das bringt uns nach vorne.

Andere sagen: „Das Selmer Zentrum wird zubetoniert.“ Marion Küper von den Grünen, den deutlichen Gewinnern der Europawahl auch in Selm, hatte so dieses Gefühl mancher Bürgerinnen und Bürger formuliert. Haben Sie das Gefühl, dass die Menschen von Selm zu wenig eingebunden sind in die rasante Entwicklung ihrer Stadt?

Nein, das Gefühl habe ich nicht. Ich würde auch später als Bürgermeister ganz stark auf Bürgerbeteiligung setzen. Die Menschen wollen immer mehr mitreden. Ob Skatebahn, integrierte Handlungskonzepte in Bork und Cappenberg: Ich glaube schon, dass die Menschen mitgenommen werden. Und was mich besonders freut: Sie haben auch die Bereitschaft, mitzugehen und an den Projekten mitzuarbeiten, um Selm nach vorne zu bringen.

Es gibt aber auch andere, die laut Kritik üben - zum Beispiel, wenn es um die Kreisstraße geht. Haben Sie dafür Verständnis?

Ich kann verstehen, dass die Leute nach über zwei Jahren sagen: Jetzt wird es aber Zeit. Auch ich muss immer Umwege fahren, ob zum Einkaufen oder zum Dienst. Aber wenn ich mir jetzt das Ergebnis anschaue, diese neue Flaniermeile, glaube ich: Das war richtig.

Kreisstraße, Rüschkamp-Gelände, Campus - die Stadt verändert sich. Der Künstler Heinz Cymontkowski schrieb neulich: Aufbruch in Selm bedeute etwas eindimensional, Straßen und Plätze aufzubrechen. Was sagen Sie dazu?

Wichtig ist doch, dass uns endlich ein Aufbruch gelungen ist. Und noch wichtiger ist es, dass dieser Aufbruch weiter Bestand haben wird, wenn Thomas Orlowski Bürgermeister sein wird, und nicht dass diese Entwicklung dann abbricht. Es gab immer viele gute Gründe, warum es eine Neuentwicklung gibt, auch bei der Lutherschule (Anm. d. Red. Auf dem ehemaligen Schulgrundstück will die UKBS ein Mehrfamilienhaus errichten).

Sie haben selbst das Stichwort gegeben: Lutherschule. War es ein Fehler, das Gebäude abzureißen, obwohl das Bürgerbegehren dagegen noch lief?

Grundsätzlich bin ich für Bürgerbegehren und Bürgerbeteiligung insgesamt. Jetzt darf man aber nicht vergessen, dass die Stadt Selm damals gar nicht mehr Eigentümer der Lutherschule war. Ob das Bürgerbegehren deswegen tatsächlich rechtlich in Ordnung war? Ich habe da meine Bedenken. Unter anderem deswegen habe ich im Rat auch dagegen gestimmt.

Der Aufbruch, der, wie Sie sagen, nicht abbrechen darf, kostet die Stadt viel Geld. Kann sich Selm das überhaupt noch leisten, wenn bald die jährlichen Zuschüsse des Landes aus dem Stärkungspakt ausbleiben werden?

Es wird wichtig sein, dass wir die Projekte beenden, die wir jetzt angefasst haben. Gleichwohl ist es so, dass wir die Finanzen nicht außer Acht lassen dürfen. Ab 2020 werden wir letztmals 600.000 Euro aus dem Stärkungspakt erhalten. Trotzdem ist die langfristige Planung, dass der rechtswidrige Zustand der Überschuldung 2022 entfällt. Und dem würde ich gerne entsprechen wollen.

Wenn wir nach Bork und Cappenberg schauen, stocken die Projekte der Ortsteilentwicklung doch schon jetzt. Der von der Stadt beauftragte Städteplaner hat in Cappenberg ganz offen gesagt: Solange noch im Ortsteil Selm tüchtig gebaut wird, werde es vom Land keine Zuschüssen für größere Vorhaben in Bork und Cappenberg geben. Da tut sich also vorerst nichts. Oder?

Für die großen Projekte im Rahmen der Regionale haben wir ja die Förderzusagen des Landes. Natürlich wird auch eine Förderung für die Projekte in den Ortsteilen wichtig sein. Wir müssen dann aber eine gute Planung haben. Dafür muss man sich mit den Bürgerinnen und Bürgern unterhalten; Was will man denn überhaupt?

Sie sehen also Chancen, dass sich da bald etwas tun wird?

Auf jeden Fall werde ich mich dafür einsetzen. Die Bürgerinnen und Bürger in Bork und Cappenberg sollen nicht glauben, dass sie zurückgelassen werden.

Wie kann das gehen? Selm hat hohe Schulden: Investitionskredite, die steigen, Kassenkredite, die auf hohem Niveau stagnieren. Die Stadt bekommt bald keine Zuwendungen mehr aus dem Stärkungspakt. Es gibt viele begonnene Projekte und bald auch noch neue?

Die Unterscheidung ist wichtig. Wir haben 42 Millionen Euro Liquiditätskredite. Die sind in den letzten Jahren nicht gestiegen. Ich werde mich dafür einsetzen, dass wir einen Entschuldungsfonds bekommen. Anders sieht es bei den Investitionskrediten aus (Anm. d. Red.: Ende 2018 waren das 45 Millionen Euro), für die wir ja einen Gegenwert bekommen. Infrastrukturelle Maßnahmen sind wichtig, um Selm attraktiv zu gestalten. Das ist das Ziel. Sonst hätten wir weiter den Stillstand, den wir früher hatten. Und das will ich unbedingt vermeiden.

Selm setzt auf Zuzug, Wachstum, neue Arbeitsplätze. Wissen Sie schon mehr: Kommt der neue Arbeitgeber, der sich an der Werner Straße bis zu 800 Arbeitsplätze schaffen will, wirklich?
Ich weiß, dass der Vertrag noch nicht unterschrieben ist. Ich weiß aber auch, dass die Verhandlungen auf einem guten Weg sind.

Sie wollen diesen Weg des Wachstums weitergehen?

Unbedingt. Auch ich will die Arbeitslosigkeit in den Fokus nehmen, insbesondere die Jugendarbeitslosigkeit. Nicht nur Neuansiedlungen sind da wichtig, sondern auch die Bestandsfirmen. Gewerbeansiedlungen würden auch für mich Chefsache sein - wie bei Mario Löhr.

Mario Löhr hat das Profil des hemdsärmeligen, aber visionären Machers, der sich auch gegen Widerstände durchsetzt. Wie würden Sie Ihr Profil beschreiben?

Ich bin ein Mensch, der Projekte nach vorne treiben kann, der beständig und verlässlich ist, der bürgernah ist. Ich sehe mich als Partner für Bürger, Unternehmen und Vereine. Ich möchte gestalten und nicht nur verwalten.

Wo möchten Sie ganz andere Akzente setzen als Mario Löhr?

Ich möchte zwei Themen stärker in den Mittelpunkt rücken: zum einen Bildung, Schule, Kindergärten, zum andere Natur- und Umweltschutz.

Bekommen Sie mitunter kalte Füße angesichts des Stimmungstiefs der SPD?

Erst einmal freue ich mich, dass meine Partei so hinter mir steht. Sowohl die Findungskommission als auch der Stadtverband haben mich einstimmig nominiert. Mir wird nicht bange, ich bin motiviert.

Thomas Orlowski ist seit 1999 mit Ehefrau Marion verheiratet, hat zwei Kinder (13-jähriger Sohn, 15-jährige Tochter), ist Diplomverwaltungswirt und arbeitet beim LAFP in Bork, wo er stellvertretender Leiter der zentralen Vergabestelle ist. Seine Freizeit verbringt er am liebsten mit seiner Familie. Orlowski fährt gerne Fahrrad und ist Langstreckenläufer.
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