Corona-Krise in Selm: Wenn der Unterricht ruht, aber der Kontakt zur Lehrerin nicht

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Seit dem 16. März sind auch in Selm alle Schulen geschlossen. Plötzlich war der normale Unterricht nicht mehr möglich. Für Lehrerin Andrea Kettenhofen kam das Ganze zu plötzlich.

Selm

, 23.03.2020, 07:35 Uhr / Lesedauer: 3 min

Und plötzlich war da keine Klasse mehr, die Andrea Kettenhofen an der Selma-Lagerlöf-Sekundarschule unterrichten konnte. „Für mich sind Schüler nicht nur Noten, sondern auch ,meine‘ Kinder, von denen ich mich durch die abrupte Schließung nicht verabschieden konnte, weil meine Klasse, die 9d, im Praktikum war.“ Was das mit ihr macht? „Dies macht mich sehr traurig.“

Wie war das genau, als die Entscheidung raus kam, dass Schulen geschlossen werden? Wie hat sich Andrea Kettenhofen gefühlt? „Ich hatte damit gerechnet, dass es zu Schulschließungen kommt. Trotzdem ging es dann sehr schnell“, sagt die Lehrerin für Französisch und Gesellschaftslehre. „Ich fühlte mich hilflos, machtlos, weil ich meine Schüler, die ja im Praktikum waren, nicht erreichen konnte. Und ich kann die Schüler nicht beschützen. Insgesamt waren alle Kollegen sehr bestürzt. Danach liefen die Telefone heiß.“

Enge Bindung zur Klasse aufgebaut

Was bedeutet es, sich nicht von Schülern verabschieden zu können? Schließlich sieht die Lehrerin die Schüler ja wieder, wenn die Corona-Krise vorbei ist. Wie wichtig ist es in dieser speziellen Situation, sich zu verabschieden? „Ich stehe auf dem Standpunkt ,Keine Erziehung ohne Beziehung‘“, berichtet Andrea Kettenhofen. „Daher habe ich über die letzten fünf Jahre eine doch enge Bindung zu meiner Klasse umgebaut. Ich war sehr traurig, dass ich mich nicht persönlich verabschieden konnte. Natürlich sehen wir uns wieder, aber wann?“

Die Selma-Lagerlöf-Sekundarschule ist derzeit nahezu verwaist. Unterricht findet nicht statt.

Die Selma-Lagerlöf-Sekundarschule ist derzeit nahezu verwaist. Unterricht findet nicht statt. © Arndt Brede

Andrea Kettenhofen hat versucht, alle ihre Schüler über Facebook zu erreichen. Ist es gelungen? Oder hat sie nur einige wenige erreicht? „Über Facebook habe ich nur wenige erreichen können, aber ich habe den Text auch in einem Forum für meine Klasse veröffentlicht“, erklärt die Pädagogin gegenüber der Redaktion. Die Reaktionen seien sehr positiv gewesen.

Auf die Frage, ob es bei den Kontakten nur darum gehe, den Schülern Mut zu machen, antwortet die Lehrerin: „Ja. Wir brauchen heute alle eine gehörige Portion Mut um diese Krise zu durchstehen. Ich möchte die jungen Leute ermutigen, sich weiter zu engagieren, das geht ja auch von zu Hause aus.“

Aufgaben über eine Lernplattform

Die derzeitige Schulschließung bedeutet nicht, dass die Schüler ohne Aufgaben sind. Die Selma-Lagerlöf-Sekundarschule arbeitet mit einer Lernplattform, die „moodle“ heißt. Dort laden die Lehrer Aufgaben für die Schüler hoch, die dann bearbeitet und wiederum hochgeladen werden. „So bleibt man auch in Kontakt“, sagt Andrea Kettenhofen.

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„Neben den Aufgaben gibt es aber auch die Idee: Nicht Schüler nur weiter mit Aufgaben vollladen. Im Gegenteil. Die Schüler,die damit überfordert sind, Langweile haben, keine Struktur im Homeoffice haben, bekommen auch kreative Aufgaben. Den Schülern werden Möglichkeiten aufgezeigt, selbstbestimmt kreativ zu sein und die Zeit zu Hause auch zu ,nutzen‘“. Insgesamt werde diese Lernplattform mit großem Zuspruch wahrgenommen.

Die Corona-Krise hat auch den Alltag der Lehrer durcheinander gewirbelt. Nach Auskunft von Andrea Kettenhofen ist das Sekretariat der Schule besetzt. „Auch die Schulleitung ist vor Ort. Vereinzelt sind Kollegen in der Schule – große Menschenansammlungen sollen vermieden werden.“

„Ich möchte die jungen Leute ermutigen, sich weiter zu engagieren, das geht ja auch von zu Hause aus.“
ANDREA KETTENHOFEN, LEHRERIN AN DER SELMA-LAGERLÖF-SEKUNDARSCHULE

Sie selber sei meistens zu Hause und kommuniziere über die Plattform mit den Schülern. Zwischen den Kollegen werden Telefonate geführt, Messenger genutzt, auch mit den Eltern. „Da ich in Selm wohne, treffe ich bisweilen Schüler und Eltern.“

Im Homeoffice Unterricht vorbereiten

Zuhause bereite sie die Aufgaben für die Schülerinnen und Schüler vor, plane den Unterricht für die Zeit nach den Osterferien, versuche Mut zu machen … und räume ihr Arbeitszimmer auf.

Nimmt sich Andrea als Pädagogin zurzeit das Recht heraus, ihre Schüler darauf hinzuweisen, dass sie sich an die Hinweise zur Vermeidung von sozialen Kontakten halten sollen? Klare Antwort: „Ja. Es ist wichtig, dass die Jugendlichen erkennen, dass die Schule nicht geschlossen wurde, um in Gruppen am Skaterpark beisammen zu stehen. Wir haben ja keine Ferien. Der Unterricht ruht. Auch wenn es schwer fällt, soziale Distanz ist vernünftig.“

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Übrigens: Nicht nur Andrea Kettenhofen sucht den Kontakt zu ihren Schülern. Umgekehrt ist es genau so: „Nicht permanent aber regelmäßig. Oft sind es Nachfragen zu Aufgaben, aber auch sich gegenseitig Mut machen, Witze machen, sich selbst nicht so ernst nehmen. Ich finde es toll, dass meine Kids den Kontakt aufnehmen.“

Sehr persönliche Botschaft

Auf Facebook hat Andrea Kettenhofen den Text veröffentlicht, mit dem sie sich an ihre Schüler gewendet hat. Dort heißt es unter anderem: „Leider konnte ich mich nicht von allen verabschieden. Das macht mich traurig. Es bleibt ein flaues Gefühl, wenn ich an die leeren Klassenräume denke. Lieber stünde ich am Montag vor euch. Doch es bleibt die Zuversicht, dass wir uns bald wieder sehen. Ich kann es jetzt schon kaum erwarten. Macht euch keine Sorgen! Hört auf euren Verstand und fragt, wenn ihr etwas nicht versteht. Traut nicht jedem Post aus dem Internet! Seid kritisch und, wenn ihr eure Meinung äußert, tut dies mit bedacht. Wir schaffen das gemeinsam, mit Respekt und Solidarität älteren Menschen gegenüber, mit unserem Humor und unseren Familien. Ich vermisse euch. Wir sehen uns. Bleibt gesund!“

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