Dackel Emma hockte mit Fuchs im Rohr

Hunderettung in Selm

Der dämmrige Waldweg ist am Montagnachmittag in kreisendes Blaulicht getaucht. Feuerwehrleute graben im Unterholz, bis sie auf etwas Hartes stoßen: eine Kiste, in der mehr steckt als erwartet.

Selm

, 05.02.2018, 21:27 Uhr / Lesedauer: 2 min
Geschafft: Der Dackel ist gerettet.

Geschafft: Der Dackel ist gerettet. © Foto: Sylvia vom Hofe

Die Szene hätte aus dem Tatort vom Vortag stammen können: Zwölf Feuerwehrleute der Löschzüge Netteberge und Cappenberg wechseln sich ab beim Schaufeln: nasses Laub, Matsch und Lehm fliegen im hohen Bogen zur Seite. Alle beeilen sich, denn es geht um Leben und Tod.

„Dackel in Röhre“ lautet die Mitteilung, die die Leitstelle der Feuerwehr in Unna an die Einsatzkräfte verschickt hatte: der Auftakt zu einem der kuriosesten Feuerwehreinsätze der jüngsten Zeit, wie Christoph Laarmann-Quante, der Chef der Netteberger Wehr, sagt. Er trägt an diesem Nachmittag die rote Weste des Einsatzleiters. Wie seine Kollegen hat auch er alles stehen und liegen gelassen, um zu helfen – dieses Mal am Ende des Hölterweges, mehr als 600 Meter hinter dem Wanderheim des Sauerländischen Gebirgsvereins (SGV).

Waldspaziergang verboten


Ein großer umgeknickter Baum versperrt den Weg in den Wald: eine Erinnerung an den Orkan Friederike, der vor zweieinhalb Wochen wütete. Laut einer ordnungsbehördlichen Verordnung des Landesbetriebs Wald und Holz Nordrhein-Westfalen ist das Betreten der Wälder noch bis zum 18. Februar streng verboten. Bei Zuwiderhandlung drohen Bußgelder bis zu 250 Euro, wie die Forstbehörde mitgeteilt hat. Laarmann-Qante und seine Kollegen klettern trotzdem über den Stamm. Sie haben einen Auftrag: Das Leben von Emma retten.

Künstlicher Fuchsbau

So heißt die siebenjährige Dackeldame, die in einem Rohr mitten im Wald verschwunden sein soll. Das sagt zumindest ihr Frauchen. „Der zweite Hund, mit dem sie hier unterwegs war, soll aufgeregt an dem Rohr geschnüffelt haben“, sagt Laarmann-Quante. Die Dackelbesitzerin ist zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr da – vorsichtshalber noch einmal zu Hause nachgucken, ob der Vierbeiner vielleicht doch wieder aufgetaucht ist. Die Feuerwehrmänner wollen nicht so lange warten. Sie legen hinter Buschwerk eine Rohröffnung frei: eine etwa vier Meter lange Entwässerungsleitung mitten im Wald? Ein Telefonat mit dem Jagdpächter hilft, das zu korrigieren. „Es handelt sich um einen künstlichen Fuchsbau“, klärt Laarmann-Quante auf.

Handyfotos vom Fuchs

Füchse graben nicht nur selbst, sondern benutzen auch gerne Wohnungen aus zweiter Hand: verlassene Bauten von Kaninchen, Dachsen oder eigenen Artgenossen – oder eben künstliche Bauten, die Menschen einen Meter unter der Erdoberfläche angelegt haben. Der Vorteil für den Fuchs: Er hat dort eine trockene Kinderstube, für die er nichts tun musste. Der Vorteil für den zweibeinigen Jäger: er kennt den Ein- und Ausgang. Die Feuerwehrleute müssen sich dagegen erst noch zurechtfinden. Zuerst inspizieren sie erneut das vermeintliche Rohr – und staunen. Denn als sie von der einen Seite hineinleuchten, sehen sie ein Tier: roter Kopf, weißer Hals, schwarze Augen. Verschwommene Handyfotos lassen keinen Zweifel zu: ein Fuchs. Von der anderen Rohrseite ebenfalls Lebenszeichen: rotes Fell, Rücken – Fuchs von hinten.

Sichtkontakt in der Röhre

Die Feuerwehrleute graben weiter. Sie legen den Kessel frei: das geräumigste Stück des Baus. Mit der Axt öffnen sie den Deckel. „Vorsicht“, ruft noch der Einsatzleiter. Aber niemandem springt ein verängstigter Dackel entgegen. Der Kessel ist leer.

Die Männer packen gerade zusammen, als es leise bellt. Einbildung? Noch ein Versuch. Vorsichtig schiebt ein Feuerwehrmann einen Ast in die Öffnung des Rohrs – der Durchbruch: Auf der anderen Seite springt erst die rothaarige Emma heraus, die von hinten einem Fuchs zum Verwechseln ähnlich sieht, dann der fast gleichgroße Reineke.

Etwas nass, schmutzig und ängstlich, aber ansonsten wohl unversehrt: die aus dem bewohnten Fuchsbau gerettete Emma. vom Hofe

Etwas nass, schmutzig und ängstlich, aber ansonsten wohl unversehrt: die aus dem bewohnten Fuchsbau gerettete Emma. vom Hofe © Foto: Sylvia vom Hofe

Der Krimi ist aus – ohne Mord und Leiche. „Ich bin sehr erleichtert“, sagt die Nettebergerin, als sie wenige Minuten später ihren schmutzverschmierten, aber offenbar unverletzten Dackel im Arm hält. Ihren Namen will sie aber nicht nennen – wohl auch, weil sie weiß, dass Hunde hier nur an der Leine geführt werden dürfen. Und Waldspaziergänge zurzeit ohnehin verboten sind – es sei denn man ist ein Fuchs. Oder Feuerwehrmann.

Lesen Sie jetzt