Darum müssen Selmer Flüchtlinge umziehen

Tausch bei den Unterkünften

Aus der Notunterkunft im Kohuesholz müssen einige Asylsuchende in das neue Selmer Containerdorf ziehen - darunter Rajbir Singh. Warum der 33-jährige Inder mit rund 25 anderen Flüchtlingen eine neue Bleibe bekommt und wer stattdessen in die dezentralen Wohnungen kommt? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

SELM

, 27.07.2017, 17:32 Uhr / Lesedauer: 2 min
Rajbir Singh ist einer der Ersten der am Donnerstagmorgen fertig ist zum Umzug.

Rajbir Singh ist einer der Ersten der am Donnerstagmorgen fertig ist zum Umzug.

Erfolgte der Umzug überraschend?

Nein. Beigeordnete Sylvia Engemann hatte die Umverteilung bereits Ende Juni im Haupt- und Finanzausschuss der Stadt vorgestellt. Nicht nur Rajbir Singh und seine Nachbarn waren betroffen. Wie Engemann mitteilte, sollen insgesamt 50 Geflüchtete, „die schlechte Chancen haben, in Deutschland Asyl zu bekommen“, ins Containerdorf umziehen. Rund zehn Männer, die bislang in Wohnungen am Kirchplatz in Bork wohnten, waren schon vor zwei Wochen nach Selm gezogen.

Warum ist der Umzug notwendig?

Die Stadt braucht Platz für 135 weitere Flüchtlinge, die ihr das Land NRW ab nächster Woche zuweisen wird. „Dabei handelt es sich um Menschen, die eine gute Bleibeperspektive haben“, sagt Stadtsprecher Malte Woesmann – anders als die, die jetzt umziehen mussten. „Für sie gibt es keine oder nur geringe Bleibeperspektiven.“

Ein Satz, der den 33-jährige Inder Singh immer zusammenzucken lässt. Nachdem er erleben musste, wie seine Eltern brutal ermordet worden sind, war er als einziger Sohn geflohen. Auf Asyl kann er deshalb aber nach aktuellem Stand nicht hoffen.

Die 135 neuen Flüchtlinge, die ab August kommen, haben eine sogenannte Wohnsitzauflage. Was bedeutet das?

Dass die zugewiesenen Flüchtlinge in der Regel drei Jahre lang an dem zugewiesenen Wohnort – also in diesem Fall in Selm – bleiben müssen. Das seit August 2016 bundesweit geltende Integrationsgesetz hatte Flüchtlinge bereits verpflichtet, in dem Bundesland zu bleiben, dem sie zugeteilt wurden.

Am 1. Dezember 2016 kam dann eine Regelung hinzu, die auch den Wohnort vorschreibt. Die 135 Menschen, die bis Ende des Jahres kommen werden, sind die Ersten, für die das in Selm gilt.

Welche Vorteile hat es, wenn die Neuankömmlinge unter den Flüchtlingen dezentral wohnen?

Im Containerdorf kümmern sich Mitarbeiter des DRK um die dortigen Bewohner. In den kleineren Unterkünften und in den zusätzlich mehr als 45 Wohnungen sind hingegen ehrenamtliche Flüchtlingshelfer oft die wichtigsten Ansprechpartner - die Kontakte sind viel enger. Da die Chancen gut sind, dass die neuen Flüchtlinge dauerhaft bleiben, seien solche Integrationsbemühungen besonders wichtig, sagt Bürgermeister Mario Löhr.

Wie unterscheidet sich das Leben in der Unterkunft in Selm von dem in Cappenberg und in Bork? 

Rajbir Singh und die anderen sind es bislang gewohnt, sich selbst zu versorgen. In der Unterkunft an der Industriestraße gibt es dagegen keine Küchen, sondern eine zentrale Versorgung mit Mahlzeiten – und dafür für jeden Einzelnen monatlich weniger Geld.

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Die meisten Cappenberger Flüchtlinge kennen das Containerdorf aus Besuchen. „Ein sehr guter Freund und seine Frau, beide wie ich aus Indien, wohnen da“, sagt Rajbir Singh am Morgen. Mittags ist klar, dass er mit ihnen zusammenziehen kann. „Das freut mich.“

Wie war die Reaktion der Flüchtlinge auf den angeordneten Umzug?

Während sich vor zwei Wochen in Bork zunächst einzelne Männer weigern wollten, nach Selm zu ziehen – erst längere Gespräche mit Polizisten überzeugten sie vom Gegenteil – , läuft der Umzug am Donnerstag ruhig und friedlich ab.

Polizeibeamte sind gar nicht vor Ort - dafür neben Roman Munko von der Stadtverwaltung und einigen seiner Mitarbeiter auch Vertreter des Flüchtlingshilfevereins „Hand in Hand Cappenberg“.

Wie voll ist es jetzt im neuen Containerdorf?

152 Männer, Frauen und Kinder leben dort, so Stadtsprecher Woesmann. Ausgerichtet ist die Anlage auf 200 Menschen.  

Wie hat sich landesweit die Zahl der neuankommenden Flüchtlinge entwickelt?

Sie ist von etwa 44.000 im ersten Halbjahr 2016 auf rund 14.000 im Vergleichszeitraum 2017 gesunken, wie Benjamin Hahn, Sprecher der Bezirksregierung auf Anfrage mitteilt. In der Hochzeit 2015 seien in den ersten sechs Monaten noch knapp 70.000 Geflüchtete gekommen. 

 

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