„Das ist ein Skandal“: Verteidiger attackiert Staatsanwaltschaft in Selmer Betrugs-Prozess

rnSelmer Autoschieber-Prozess

Unbekannte Vernehmungen eines „Kronzeugen“ haben im Betrugs-Prozess gegen einen Selmer für Unruhe gesorgt. Die Verteidigung fürchtet, die Staatsanwaltschaft spielt mit verdeckten Karten.

Bochum/Selm

, 27.01.2020, 22:15 Uhr / Lesedauer: 2 min

Im Prozess um eine Serie von mutmaßlichen Auto-Betrügereien durch einen Familienvater (30) aus Selm ist am Montag massive Kritik an der Bochumer Staatsanwaltschaft laut geworden – sogar die Richter am Bochumer Landgericht äußerten „Skepsis“.

Als Auslöser gilt die scheinbar undurchsichtige Rolle des wohl wichtigsten Belastungszeugen. Verteidiger Christian Simonis (Dortmund) bewertete das Verhalten der Ermittlungsbehörde in diesem Zusammenhang wörtlich als „desaströs“. Und kritisierte ohne vorgehaltene Hand: „Das ist alles nicht mehr rechtsstaatlich. Das ist ein Skandal.“

„Das ist eine Unverschämtheit seitens der Staatsanwaltschaft“

Das war passiert: Im Anschluss an die Zeugenvernehmung des ermittelnden Oberstaatsanwalts am vergangenen Prozesstag, hatte die Staatsanwaltschaft zuletzt – auch zur Überraschung des Gerichts – bislang nicht in der Akte befindliche Zeugenvernehmungen des „Kronzeugen“ aus Oktober 2019 nachgereicht. Durchaus auffällig: Diese Vernehmungen verhielten sich offenbar insbesondere belastend zu dem zuletzt diskutierten Anklagepunkt einer Brandstiftung, den das Gericht eigentlich bereits als dem Angeklagten sehr schwer nachweisbar eingestuft hatte. „Das ist eine Unverschämtheit seitens der Staatsanwaltschaft. Ich fühle mich wirklich verschaukelt“, kritisierte Verteidiger Christian Simonis. Das Vorenthalten von Zeugenaussagen werfe ein fragwürdiges Licht auf die Ermittlungsbehörde - ein „manipuliertes Verfahren“ liege nahe.

Jetzt lesen

Wenn man, so Simonis weiter, sich dann auch noch die Vergünstigungen der Staatsanwaltschaft für den „Kronzeugen“ (Halbstrafen-Zusage und unlimitierte Einstellung weiterer Ermittlungsverfahren) anschaue, dann dränge sich regelrecht der Verdacht auf, dass mit verdeckten Karten gespielt wird und alles dem Interesse des Aufbaus eines nützlichen „Kronzeugen“ untergeordnet werden soll.

„Klären, was da noch im Dunklen schlummern könnte“

Die Richter der 11. Strafkammer schlossen sich dem Antrag von Anwalt Simonis an, die für Montag eingeplante Vernehmung des Kronzeugen zu verschieben. Richter Philipp Kuhn: „Wir können auch nicht verhehlen, dass wir von den jetzt überreichten Zeugenvernehmungen überrascht worden sind. Wir wollen uns jetzt erstmal einen Eindruck verschaffen, was da gegebenenfalls noch im Dunkeln schlummern könnte.“

Jetzt lesen

Der angeklagte Familienvater aus Selm hatte zuletzt bereits zugegeben, in den Jahren 2017 und 2018 mehrmals zuvor in Essen, Dortmund, Hamm und Köln angemietete Pkw gegen 4.500 Euro Provision an den jetzigen Kronzeugen weitergegeben zu haben. Einen mitangeklagten Auftrag zu einem Brandanschlag hatte er dagegen abgestritten. Der Prozess wird fortgesetzt.

Lesen Sie jetzt
Lesen Sie jetzt